Lessing, Wolfgang
Überleben auf hoher See?
Konflikte im instrumentalpädagogischen Berufsfeld
Konflikte, so sagt man, sind wichtig für unser persönliches Wachstum. Vielleicht stimmt das. Aber, so fragt Wolfgang Lessing, gibt es nicht auch Konflikte, die man manchmal besser nicht sofort austrägt?
Konflikte: Segen oder Fluch?
In seinem Gedicht De rerum natura (Über die Natur der Dinge) beschreibt der römische Dichter Lukrez im 1. Jahrhundert n. Chr. eine Situation, in der ein Mensch vom sicheren Ufer aus einem Schiff zuschaut, das im Sturm gegen seinen Untergang ankämpft: „Angenehm ist es und beruhigend, wenn Winde über weitem Meer das Wasser aufwühlen, vom festen Land aus zuzusehen, wie ein anderer dort zu kämpfen hat.1
Ein Zeugnis von antikem Sadismus? Nicht unbedingt. Gleich in der folgenden Zeile fährt der Dichter fort: „Nicht das Leiden anderer ist Quelle dieses süßen Gefühls, erfreulich ist vielmehr zu sehen, von welchem Unglück du selbst verschont bist.“ Nicht die Freude über das Unglück, das über andere hereingebrochen ist, wird also besungen, sondern die Genugtuung, im Anblick des Sturms festen Boden spüren zu können. Auch das mag man aus heutiger Sicht für ethisch fragwürdig halten. Aber ist die von Lukrez gepriesene Zuschauerrolle nicht letztlich genau die Position, die uns von verschiedensten Seiten anempfohlen wird, wenn es um unseren Umgang mit Konflikten geht?
Wir haben gelernt, dass Konflikte in unserem Leben omnipräsent sind. Ob wir KommunikationspsychologInnen befragen oder PaartherapeutInnen konsultieren: Immer wird uns gesagt, wie bedeutungsvoll es für unsere Identität ist, Konflikte nicht als Last, sondern als wichtige Mittel persönlichen Wachstums zu begreifen. Diese Wendung vom Störenden hin zu einer Haltung, die die Probleme, in die wir im Umgang mit anderen Menschen oder uns selbst geraten können, als etwas annimmt, an dem wir wachsen können, ist uns wohl nur deshalb möglich geworden, weil wir mittlerweile über ein ganzes Arsenal an Techniken und Methoden zu verfügen glauben, die uns lehren, wie wir professionell mit unseren Konflikten umgehen können.
Hier kommt jetzt Lukrez ins Spiel: Ich möchte die These vertreten, dass wir Konflikte nur deshalb als produktive Kraft wahrnehmen können, weil uns unzählige Bewältigungsangebote zur Verfügung stehen, die uns einen festen Boden anbieten, von dem aus wir eine Distanz zu uns selbst gewinnen können. Es ist nicht die Konfliktsituation an sich, die wichtig und bedeutungsvoll ist. Distanzgewinnung ist das Vermögen, auf sicherem Grund sich selbst aus der Perspektive der 3. Person betrachten zu können.
Konflikte im Musikschulalltag
Ein Beispiel mag veranschaulichen, was dieser vorübergehende Wechsel in die 3. Person bedeuten kann: Stellen wir uns vor, eine Lehrerin an einer Musikschule plant ein Sommerkonzert. Sie stellt Ensembles zusammen, arrangiert passende Stücke und organisiert ein zusätzliches Probenwochenende, über dessen genaue Zeiten sie die Eltern bereits ein halbes Jahr zuvor informiert hat. Zwei Tage vor dem geplanten Wochenende erreicht sie dann die Mail eines Vaters, in der ihr mitgeteilt wird, dass Schüler X, der eine tragende Rolle bei zwei Ensemblestücken hat, aus familiären Gründen leider doch nicht teilnehmen kann.
Es fällt nicht schwer, sich die Wut- und Ohnmachtsgefühle der Lehrerin zu vergegenwärtigen. Zweifelsohne kann sich hier ein veritabler Konflikt anbahnen, der aber ganz unterschiedliche Färbungen annehmen kann: Wird die Absage lediglich als ein störendes Element wahrgenommen, für das Lösungen gesucht werden müssen? Oder fühlt sich die Lehrerin persönlich getroffen, weil sie ihr Engagement nicht gewürdigt sieht? Kann es sein, dass sie vor allem deshalb in Rage gerät, weil das Fernbleiben des Schülers nicht als Frage formuliert, sondern apodiktisch angekündigt wurde? Oder sieht sie in der Absage ein wiederkehrendes Problem gerade dieser Eltern, die ihr Leben ja sowieso nicht auf die Reihe zu bekommen scheinen?
Mit diesen vier Fragen bewegen wir uns – wie Kundige vielleicht schon ahnen mögen – im Umkreis des kommunikationspsychologischen Ansatzes von Friedemann Schulz von Thun. Eine zentrale Aussage des ersten Bandes seiner Kommunikationspsychologie besteht, auf unser Beispiel gemünzt, in der Einsicht, dass die fragliche Nachricht nicht nur vom Vater auf vier möglichen Ebenen – Sachebene, Beziehungsebene, Appell, Selbstkundgabe – gesendet, sondern ebenso auch von der Lehrerin auf vierfache Weise interpretiert werden kann.2 Interessant wird die Situation vor allem deshalb, weil die gesendete Nachricht und ihre Rezeption auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sein können und dadurch Missverständnisse vorprogrammiert sind.
Es ist das Verdienst Schulz von Thuns, einen Weg gefunden zu haben, der es der Lehrerin in unserem Beispiel erlaubt, die Situation von außen zu betrachten. Aus dieser Perspektive ist sie ihren möglicherweise automatisierten Reflexen nicht mehr unmittelbar ausgeliefert. Gesetzt, sie hätte in der Äußerung des Vaters zunächst eine Kritik an ihrer Arbeit wahrgenommen, so hätte sie – wie der Zuschauer bei Lukrez – dank des Nachrichtenquadrats nun einen sicheren Grund gefunden, auf dem sie ihren Emotionen nicht mehr schutzlos ausgeliefert ist. Wenn Schulz von Thun fordert, die Ebenen des Wahrnehmens, des Fühlens und des Interpretierens sauber zu trennen,3 dann beschreibt er nichts anderes als einen Weg der Distanznahme, ohne den die Lehrerin Spielball ihrer eingeübten Reaktionsweisen wäre. Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Metaphorik, derer sich von Thun bedient. So vergleicht er die Situation, in der sich InteraktionspartnerInnen bei der Klärung ihres Konflikts befinden, mit einem „Feldherrenhügel“, von dem aus sie das „Getümmel“ betrachten können, „in das sie sich verstrickt haben“.4 Zwar kritisiert er an dieser Metapher die Tatsache, dass sie möglicherweise zu „wissenschaftlich-distanziert“ erscheint.5 Im Kern hält er aber an ihr fest und bestätigt damit die Zuschauerperspektive des Lukrez.
Aber ist der Punkt, von dem aus die Lehrerin ihren Konflikt dank kommunikationspsychologischer Unterstützung betrachten kann, wirklich ein sicheres Ufer? Gehen wir vom günstigsten Fall aus, dass sie, die die Nachricht des Vaters zunächst als Angriff auf ihre musikpädagogische Qualifikation gehört haben mag, im Zuge ihrer Klärungsversuche erfährt, dass auf Seiten der Eltern eine schlichte Überforderung vorlag und die Absage nichts mit ihrer Person zu tun hatte. Sie hätte also gemerkt, dass die Mobilisierung ihres „Beziehungsohrs“ vorschnell war und es in diesem konkreten Fall angemessener wäre, die Situation aus der Perspektive des „Selbstkundgabeohrs“ wahrzunehmen.
Konfliktverlagerung
Aber ist der Konflikt dadurch wirklich geklärt worden (dies suggeriert Schulz von Thun allein schon durch den Untertitel des ersten Bandes seiner Kommunikationspsychologie: „Störungen und Klärungen“)? Mir scheint, dass er sich lediglich verlagert hat. Zwar hat die Lehrerin die Situation konstruktiv bewältigen können, aber sie sieht sich durch eben diese Klärung mit einem neuen Konflikt konfrontiert, den sie ohne diese Klärung vielleicht gar nicht bemerkt hätte. Sie muss sich nämlich nun auf einer grundsätzlicheren Ebene fragen, wieso sie die Mail des Vaters eigentlich als Angriff empfunden hat. Hört sie genauer in sich hinein, so kommt sie vielleicht zu der Einsicht, dass sie sich in ihrem musikpädagogischen Engagement generell nicht genügend gewürdigt fühlt und deshalb besonders empfindlich reagiert.
Die Lösung des zwischenmenschlichen Konflikts beendet den Konflikt also nicht, sondern verlangt nach Lösungen auf einer anderen, nun allerdings nicht mehr zwischenmenschlichen, sondern innerpsychischen Ebene. Wäre damit der Konflikt dann vollumfänglich erfasst? Nein, denn es geht auch hier noch weiter: Liegt der Empfindlichkeit nicht vielleicht ein objektiver gesellschaftlicher Konflikt zugrunde, der in einer Geringschätzung instrumentalpädagogischer gegenüber künstlerischer Tätigkeit besteht? Führt nicht die „Klärung“ auf der innerpsychischen Ebene unweigerlich dazu, dass die Lehrerin etwas als persönliches Problem bearbeitet, was in Wahrheit auf eine grundlegende gesellschaftliche Schieflage hinweist, die von ihr, gerade dadurch, dass sie es zu ihrem Problem macht, fortgeschrieben wird?
Das rettende Ufer, von dem aus sich Konflikte in wohltuender Distanz beobachten und klären lassen, scheint also ein trügerisches Eiland zu sein. Das Mantra von der Wichtigkeit und – dem beigeordnet – der Lösbarkeit von Konflikten aufgrund professioneller Distanznahmen erlaubt bestenfalls vorübergehende Entlastungen.
1 Lukrez: Über die Natur der Dinge. Neu übersetzt und kommentiert von Klaus Binder. Mit einer Einführung von Stephen Greenblatt, Berlin 2014.
2 Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden. Bd. 1: Störungen und Klärungen. 35. Auflage. Reinbek 2001.
3 ebd., S. 72.
4 ebd., S. 91.
5 ebd.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 1/2026.


