Borchard, Beatrix
Experiment Musikerehe
Konfliktpotenzial einer Künstlerehe am Beispiel von Robert und Clara Schumann
„Ja es ist durchaus nöthig, daß wir Mittel finden, unsere beiden Talente nebeneinander zu nützen u. zu bilden…“1 Trotz des hohen Anspruchs konnte das Experiment einer gleichberechtigten Künstlerehe von Robert und Clara Schumann nicht ohne Konflikte bleiben. Auch heute ist die Vereinbarkeit von künstlerischer Entwicklung und Familie für viele Studierende ein Konflikt, der Aufmerksamkeit verlangt.
Die neue Dauerausstellung im Leipziger Schumannhaus ist, einzigartig in der Musikermuseumslandschaft, als Paarmuseum konzipiert. Thema: Experiment einer Künstlerehe. Eheschließung als ein Experiment zu bezeichnen, erscheint so manchem und so mancher als allzu unromantisch. Dabei kannten Clara Wieck und Robert Schumann sich lange genug; sie trafen ihre Partnerwahl nicht aus einer Gefühlsaufwallung heraus, sondern sehr bewusst, wie Briefe und Tagebucheintragungen belegen. Viele Aspekte dessen, was Clara Wieck und Robert Schumann in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur diskutiert, sondern auch gelebt haben, sind sehr aktuell. Was tun, wenn für beide die Kunstausübung im Zentrum ihres Lebens steht, keiner von beiden zurückstecken will, auch nicht, wenn Kinder kommen? Im 19. Jahrhundert schien die Antwort klar: Die Frau gehörte ins Haus, der Mann in die Welt. Nicht jedoch bei Clara und Robert Schumann.
Als frisch getrautes Paar ziehen sie in die Leipziger Inselstraße ein. Sie träumen von einer Künstlerehe auf Augenhöhe. Beide haben eine auf die Ergänzung von Fähigkeiten ausgerichtete Partnerwahl getroffen. Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau ist jedoch von der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts nicht vorgesehen. Auch ein Robert Schumann erwartet von seiner Frau, dass sie sich ihm unterordnet, „da nun einmal die Männer über den Frauen stehen“.2 Clara Wieck akzeptiert das bürgerliche Rollenmodell, aber es widerspricht ihren Interessen und Fähigkeiten. Denn die junge Frau, gerade 21 geworden, ist eine berühmte Pianistin. Sie will ihre Karriere fortführen: „meine Kunst lasse ich nicht liegen, ich müßte mir ewige Vorwürfe machen“.3 Robert Schumann, neun Jahre älter, kann durch eine Handverletzung nicht öffentlich als Pianist auftreten. Er will in Ruhe komponieren:
„Klara sieht doch auch ein, daß ich ein Talent zu pflegen habe, und daß ich jetzt in der schönsten Kraft bin und die Jugend noch nützen muß. Nur so geht es in Künstlerehen; es kann nicht Alles beieinander sein, und die Hauptsache ist doch immer das übrige Glück und recht glücklich sind wir gewiß, daß wir uns besitzen, und verstehen, so gut verstehen und lieben von ganzem Herzen.“4
Das am Tage des Einzugs in die Inselstraße eröffnete Ehetagebuch spiegelt die unterschiedlichen Perspektiven und Durchsetzungsstrategien und somit absehbare Konflikte der beiden Partner. Ihre Eintragungen kreisen um die Themen: Liebe und Kunst, Kinder sowie Geld.5
Liebe und Kunst
Gleich nach der Hochzeit gerät Robert Schumann in einen Schaffensrausch. In nur vier Tagen komponiert er seine erste Symphonie. Clara Schumann muss sich nicht nur unsichtbar, sondern – besonders für eine Musikerin schmerzhaft – auch unhörbar machen. Die Wände sind dünn und Robert Schumann fühlt sich durch ihr Klavierspiel gestört. Robert Schumann, Ehetagebuch, 23. Woche:
„Die Symphonie hat mir viele glückliche Stunden bereitet; sie ist ziemlich fertig; ganz wird es so ein Werk erst, wenn man es gehört. Dankbar bin ich oft dem guten Geist, der mir ein so großes Werk so leicht, in so kurzer Zeit gerathen läßt. Die Skizze der ganzen Symphonie war doch in 4 Tagen fertig, und das will viel sagen. Nun aber, nach vielen schlaflosen Nächten, kommt auch die Erschlaffung nach; mir geht es, wie es einer jungen Frau gehen mag, die eben entbunden worden ist – so leicht, glücklich und doch krank und wehe. Dies weiß auch meine Klara, und schmiegt sich nun doppelt zärtlich an mich, was ich ihr schon auch später vergelten will. Überhaupt könnte ich gar nicht fertig werden, wollte ich von allem Lieben erzählen, das mir Klara in dieser Zeit erwiesen, und mit so willigem Herzen. Unter Millionen hätte ich suchen können, die mir, wie sie, so viel Nachsicht, so viel Aufmerksamkeit schenkt. Nun, laß dich küssen, mein gutes Weib, das ich immer mehr liebe und achte.“6
Wie wir lesen, beantwortet Robert Schumann den Verzicht auf Eigenzeit, wie man das neuerdings nennt, mit einer für seine Frau durchaus ambivalenten Liebeserklärung. Geliebt wird sie für die Priorisierung seiner Interessen und beruflichen Notwendigkeiten vor ihren eigenen. Nach all dem, was wir wissen, stellt dies die junge Frau grundsätzlich nicht in Frage. Denn sie ist froh, dass er sich endlich auf das Feld begeben hat, von dem sie schon lange überzeugt ist, dass es für ihn das richtige ist, nämlich für Orchester zu schreiben.7 Dennoch nutzt Clara Schumann das Ehetagebuch, um auch auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Clara Schumann, Ehetagebuch, Juni 1841:
„Mein Clavierspiel kommt wieder ganz hintenan, was immer der Fall ist, wenn Robert componirt. Nicht ein Stündchen im ganzen Tag findet sich für mich! wenn ich nur nicht gar zu sehr zurückkomme!“8
Ein halbes Jahr später trat Clara Schumann zum ersten Mal wieder öffentlich auf. Die darauf bezogene Eintragung ins Ehetagebuch zeigt, dass Robert Schumann sich der schwierigen Situation bewusst war. Wieder appelliert er an ihr Verständnis. Robert Schumann, Ehetagebuch, Oktober 1842:
„Der October fing gleich bewegt an. Klara spielte im 1sten Abonnementconcert, das Mendelssohn dirigirte, und das macht immer Unruhe. Sie spielte gut und schön wie immer. Sorge macht mir oft, daß ich Klara in ihren Studien oft hindere, da sie mich nicht im Componiren stören will. Denn ich weiß gar wohl, daß der öffentlich auftretende Künstler, und wäre er der größste, gewisse mechanische Übungen nie ganz unterlassen, die Schnellkraft der Finger so zu sagen immer in Übung halten muß. Und dazu fehlt es meiner lieben Künstlerin oft an Zeit. Was freilich die tiefere musikalische Bildung betrifft, so ist Klara gewiß nicht stehen geblieben, im Gegentheil vorgeschritten; sie lebt ja auch nur in guter Musik, und so ist ihr Spiel jetzt gewiß nur noch gesünder und zugleich geistiger und zarter, als früher. Aber jene mechanische Sicherheit zur Unfehlbarkeit gleichsam zu erhöhen, dazu fehlt es ihr jetzt manchmal an Zeit, und daran bin ich Schuld und kann es doch nicht ändern.“9
Wahrscheinlich wurden die Interessenskonflikte auch mündlich ausgetragen, vielleicht jedoch erlaubte die schriftliche Kommunikationsform leichter, die eigene Perspektive zu formulieren. Was wir an den Eintragungen ablesen können: Beide waren miteinander solidarisch und suchten Lösungsmöglichkeiten.
1 Robert Schumann während der Abwesenheit seiner Frau, Eintragung vom 14.3.1842, in: Schumann, Robert und Clara: Ehetagebücher 1840–1844, hg. von Gerd Nauhaus und Ingrid Bodsch, Frankfurt am Main und Basel 2007, S. 112.
2 Brief von Robert Schumann an Clara Wieck vom 18.5.1839, in: Schumann Briefedition, Serie I, Band 5 (Braut- und Ehebriefwechsel Robert und Clara Schumann Bd. II: September 1838 bis Juni 1839), hg. von Anja Mühlenweg, Köln 2013, S. 524 f.
3 Schumann, Clara: Jugendtagebücher 1827–1840, hg. von Gerd Nauhaus und Nancy B. Reich, Eintragung vom 24.8.1839, Hildesheim 2019, S. 335.
4 Ehetagebücher 1840–1844, S. 154.
5 vgl. zu Folgendem Borchard, Beatrix: Clara Schumann: Musik als Lebensform. Neue Quellen. Andere Schreibweisen, Hildesheims 22019 sowie Borchard, Beatrix: Clara Schumann – Ein Leben, Berlin 1991, 3. überarbeitete Auflage als Clara Schumann. Ihr Leben. Eine biographische Montage, mit einem Essay „Mit Schere und Klebstoff. Montage als wissenschaftliches Verfahren in der Biographik“, Hildesheim 2015.
6 Ehetagebücher 1840–1844, S. 63
7 „Mein höchster Wunsch ist, daß er für Orchester componirt – da ist sein Feld! möchte es mir doch gelingen i[h]n dazu zu bewegen.“ Jugendtagebücher 1827–1840, Eintragung vom 29.9.1839, S. 340.
8 Ehetagebücher 1840–1844, S. 81 f.
9 ebd., S. 154.
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