© Alenavlad_www.stock.adobe.com

Rüdiger, Wolfgang

„Die im Dunkeln sieht man nicht“

Plädoyer für Konflikte (in musikalischen Ensembles)

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 1/2026 , Seite 29

„There is a crack, a crack in everything, That’s how the light gets in.“ Deutet man den „Riss in allem“, von dem Leonard Cohen in Anthem singt, als Konflikt im Sinne von „auseinandergeraten“, „aneinandergeraten“,1 so lautet die Schlussfolgerung, dass es gerade Konflikte sind, die Licht in alles bringen. Also auch in die Musik und das gemeinsame Musizieren: Licht in musikalische Ensembles, deren es so viele gibt, wie Stücke, Stile, Länder, Menschen, Institutionen sind.

Dies ist der Sinn meiner Ausführungen: Konflikte als Wesensmerkmal von Menschen und Musik in musikalischen Ausbildungs- und Arbeitsfeldern demokratischer Gesellschaften auszuweisen. Die beiden Abschnitte des ersten Teils handeln von Konflikten, der zweite Teil spricht aus Konflikten, die er aufdeckt und artikuliert, verschärft, erzeugt.

Musikalische Ensembles: eine Welt voller Konflikte

Versteht man „Ensemble“ nicht als bloßes „Zusammen“, aus dem problemlos etwas Ganzes entsteht, sondern im Rückgriff auf die Etymologie des Wortes als spannungsgeladenes „Mit-ein-ander“ – des Einen mit dem Anderen in Tönen, Themen, Menschen, Musiken, Musizier(lern)weisen2 –, so zeigt sich hier bereits ein Urkonflikt: dass es mich als den Einen oder die Eine gibt und dass es den bzw. die Anderen gibt, die mein Selbst allererst ermöglichen, aber auch stören können. Mehr noch: Dieses Andere oder diese Anderen, Fremden, sind in mir drin, ich bin vorgängig von ihnen geprägt und trage sie als Stimmen, Stimmungen, potenzielle „Störenfriede“ in mir. Der anthropologische Status des Menschen ist der eines „Doppel- oder Mischwesens“,3 das sich selbst eigen und fremd ist und so auch den Anderen erfährt als „leibhaften Doppelgänger“4 – ein „fühldenkendes“ Wesen,5 das sich in Frage stellen, mit sich in Widerstreit geraten, verschiedene „Ich-Zustände“6 und dunkle, unzugängliche Seiten an sich wahrnehmen sowie „imaginäre Ensembles“7 ausagieren kann.
Für musikbezogenes Mit-ein-ander aber heißt das, dass es ein konfliktfrei-inklusives Ensemble nicht gibt, niemals und nirgends, nicht beim Proben und Spielen und nicht im Ausbildungsbereich. Indem Menschen Ensemblewesen sind von Geburt an, sind sie Konfliktwesen. In der Musik zeigt sich dies in aller Deutlichkeit, sind doch ihre sozialen Praktiken überaus anfällig für Konflikte. Ja, mir erscheint Musik als kulturelle Praxis allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz als ein einziger großer Konflikt. So sind z. B. in einem Ensemble, das von einem gemeinsamen Geist beseelt scheint, die Anliegen, Ansprüche und Antworten der Mitglieder auf Musik und Mitmenschen sowie die Kapazitäten für anstehende Aufgaben so unterschiedlich, dass es nicht selten zum Konflikt bis zum Bruch kommt.

1 Simon, Fritz B.: Einführung in die Systemtheorie des Konflikts, Heidelberg 2010, S. 11.
2 vgl. vom Verfasser: „Ensemble! Weitgefasste Bedeutung und innovative Praxis“, in: üben & musizieren, 3/2025, S. 12-14.
3 Waldenfels, Bernhard: Idiome des Denkens. Deutsch-französische Gedankengänge II, Frankfurt am Main 2005, S. 32 ff.
4 Waldenfels, Bernhard: Bruchlinien der Erfahrung. Phänomenologie, Psychoanalyse, Phänomenotechnik, Frankfurt am Main 2002, S. 212; zur „Fremdheit des Selbst“ vgl. ebd., S. 205 ff.; vgl. auch ders.: „Das Fremde denken“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 3/2007, S. 361-368, https://zeithistorische-forschungen.de/3-2007/4743 (Stand: 13.11.2025).
5 „sentipensante“, Galeano, Eduardo: Das Buch der Umarmungen, Wuppertal 1991, S. 113.
6 Petzold, Theodor Dierk: „Identität – dynamisch und mehrdimensional“, in: Geramanis, Olaf/Hutmacher, Stefan (Hg.): Identität in der modernen Arbeitswelt, Wiesbaden 2018, S. 283-297, hier S. 285.
7 Mahlert, Ulrich: „Imaginäre Ensembles. Fantasierte Interaktionen beim Musizieren und Unterrichten“, in: üben & musizieren, 5/2001, S. 30-38.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 1/2026.

Page Reader Press Enter to Read Page Content Out Loud Press Enter to Pause or Restart Reading Page Content Out Loud Press Enter to Stop Reading Page Content Out Loud Screen Reader Support