Schmitt-Weidmann, Karolin
„Es ist des Lernens kein Ende“
Robert Schumanns „Haus- und Lebensregel“ als eines der frühesten Zeugnisse des Konzepts des Lebenslangen Lernens
„Es ist des Lernens kein Ende“: So lautet die letzte von Robert Schumanns Haus- und Lebensregeln, einer Aphorismensammlung, die parallel zum Album für die Jugend op. 68 zwischen dem 30. August und dem 26. September 1848 entstand. Einige dieser Regeln sollten ursprünglich – zusammen mit Illustrationen – neben den dazugehörigen Stücken gedruckt werden. Bevor sie in die zweite Auflage (1851) des Albums für die Jugend aufgenommen wurden, wurden sie bereits erstmalig 1850 als Beilage in der Neuen Zeitschrift für Musik veröffentlicht.1 Was in dieser abschließenden Haus- und Lebensregel inhaltlich zunächst als Binsenweisheit erscheinen mag, war Schumann offenbar so wichtig, dass er sie als Abschluss seiner langen Liste an Empfehlungen dem jugendlichen Nachwuchs mit auf den Weg gab.
Dieses Statement stellt eines der frühesten Zeugnisse innerhalb des musikpädagogischen Diskurses rund um das Begriffsfeld des Lebenslangen Lernens dar, der erst etwa 100 Jahre später durch die UNESCO wieder auflebte. Seitdem wandert der Begriff des Lebenslangen Lernens bis heute in unterschiedlichen Ausprägungen, Verwendungen und Aufladungen – quasi als „travelling concept“2 – um den Globus und wird dabei ständig transformiert und in neue Gestalten überführt. Lebenslanges Lernen ist zu einem globalen Bildungsparadigma avanciert und mittlerweile aus kaum einem Bildungsprogramm mehr wegzudenken. Dies führte jedoch auch dazu, dass kaum mehr ein grundsätzlicher Konsens darüber zu erkennen ist, was dieses Konzept aktuell überhaupt ausmacht. Da Lebenslanges Lernen im globalen Kontext auf vielfältige Weise definiert, von Ideologien vereinnahmt und zu einer leeren Worthülse verkommen ist, finden sich vermehrt Stimmen, die den Sinn und Nutzen des Begriffs an sich in Frage stellen: „Lebenslanges Lernen ist auch nach jahrzehntelanger Debatte noch immer ein diffuser Begriff. Es ist offensichtlich, dass wir ein Leben lang lernen. […] [W]ir können nicht anders: Wir sind lebenslang Lernende.“3 Menschen, wie auch Lebewesen im Allgemeinen, sind einer evolutionären, biologischen und kulturellen Notwendigkeit unterworfen, sich an Umgebungen, Situationen und Anforderungen einer sich stetig verändernden Umwelt anzupassen. Die Tatsache, dass sich Menschen immer schon über ihre gesamte Lebensspanne hinweg lernend an die Bedingungen ihrer Umwelt angepasst haben, lässt den Grundgedanken Lebenslangen Lernens als Banalität erscheinen.4
In der von der UNESCO geprägten Verwendung nimmt der Begriff dennoch eine zentrale Rolle innerhalb eines „struggle of ideologies“ bzw. eines „battle of ideas“ politischer Mächte seit 1945 ein, die bis in die Gegenwart ausstrahlt und sich zwischen folgenden Polen bewegt:5 Der Ursprung der jahrzehntelangen Propagierung von Lebenslangem Lernen seitens der UNESCO wurzelt in einem zutiefst humanistischen, universellen Bildungsideal, welches sich mit marktorientierten Sichtweisen reibt.6 Dieser pathetisch anmutende Impetus scheint jedoch kaum mehr etwas mit dem Begriffsverständnis des Lebenslangen Lernens zu tun zu haben, das man in aktuellen Diskursen vorfindet und das eine Steigerung der Employability, Leistungsfähigkeit und Profitmaximierung in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung stellt. Auch in heutigen musikpädagogischen Diskursen wird Lebenslanges Lernen vorwiegend mit lebenslanger Beschäftigungsfähigkeit von Kulturschaffenden verknüpft, die aber nicht nur zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, sondern insbesondere auch der Selbstwirksamkeit beitragen möchte, welche sich in der Vielfalt an künstlerischen und künstlerisch-pädagogischen Handlungsfeldern entwickeln kann.7
Im Angesicht einer von Beschleunigung geprägten Gesellschaft sowie einer Vielzahl an heterogenen und komplexen Herausforderungen, welche musikalische, didaktische, soziale und persönlichen Ebenen betreffen, scheint eine Stärkung Lebenslangen Lernens durch ergänzende (Weiter-)Bildungsangebote auch in vielfältigen musikalischen Arbeitsfeldern notwendiger denn je: „Dabei geht es nicht nur darum, die professionellen Herausforderungen in verschiedenen Lebensphasen zu bewältigen, sondern auch um die Entdeckung und Nutzung von Ressourcen, die fachliche und persönliche Entwicklungsprozesse unterstützen können.“8 Jenseits der lebenslangen Weiterentwicklung der Persönlichkeit von professionellen Musikern und Musikerinnen, die sich auch am Bedarf an anpassungsfähigen Kompetenzprofilen für sich wandelnde Arbeits- und Umweltbedingungen orientieren, lässt sich eine steigende Nachfrage nach musikbezogenen Angeboten für alle Altersgruppen beobachten, „in denen die Beschäftigung mit Musik auch sinnstiftende Funktion übernimmt“.9 Musikalisches Lernen wird somit als permanenter Prozess begriffen, der sich im Idealfall über die gesamte Lebensspanne erstreckt. Vor diesem Horizont erscheint es schließlich verwunderlich, dass Lebenslanges Lernen als bewusste Maxime oder musikpädagogisches Programm weder zur Zeit Robert Schumanns noch bis ins späte 20. Jahrhundert auf den Agenden der Instrumentalpädagogik stand.10 Musikalisches Lernen im Erwachsenenalter fand beispielsweise erst in den 1980er Jahren Einzug in musikpädagogische Diskurse und Musikpädagogik gilt seitdem nicht mehr mit dem Ende der Jugend und dem Eintritt in das Berufsleben als abgeschlossen.11
Im Zusammenhang mit einer ganzheitlichen, umfassenderen Perspektive auf das Lebenslange Lernen, welche statt Berufsfähigkeit eine allgemeine „Gesellschaftsfähigkeit“ zum Ziel erhebt, bietet Musik große Potenziale, Inhalt und Quelle nie endender Lernprozesse zu sein bzw. zu bleiben. Nicht nur die professionelle Auseinandersetzung mit Musik und Kultur fördert und erfordert ein Lernen, welches niemals zu einem Ende kommt und eine subjektorientierte Entfaltung musikalischer Fähigkeiten über die Lebensspanne bedeutet, „indem sie der Selbstverwirklichung, der Bildung, der Teilhabe an Musikkultur und der persönlichen Entwicklung dient. Diesen Schwerpunkt finden wir insbesondere bei Amateurmusikerinnen und Amateurmusikern.“12
Welche Bedeutung kann Schumanns Haus- und Lebensregel „Es ist des Lernens kein Ende“ demnach heute für Instrumentallehrende und musikbezogene Bildungsinstitutionen entfalten? Folgende Fragen möchten dazu einladen, über die Rolle und Bedeutung des Konzepts des Lebenslangen Lernens in musikbezogenen Tätigkeitsfeldern nachzudenken und Schumanns Regel als Leitbild für die Praxis immer wieder neu zu reflektieren:
– Welche Angebote für unterschiedliche Alters- und Zielgruppen gibt es in Ihrem Umfeld und welche ließen sich noch ergänzen?
– Wie lassen sich SchülerInnen über die Zeit der Berufsausbildung und des Studiums hinaus für die Fortführung lebenslanger musikalischer Aktivitäten motivieren oder wie lassen sich Teilnehmende in späteren Lebensabschnitten wieder zurückgewinnen?
– Welche Potenziale liegen in generationsübergreifenden Ensemble- und Kammermusikformationen und können Musikschulen diese noch stärker fördern und in ihre Angebotsportfolios aufnehmen?
1 Robert Schumann: „Haus- und Lebensregeln“, in: Neue Zeitschrift für Musik, Jg. 17, Bd. 32, Beilage zu Nr. 36 (3. Mai 1850), S. 1-4.
2 siehe Bal, Mieke: Travelling Concepts in the Humanities. A Rough Guide, Toronto 2002.
3 Alheit, Peter/Dausien, Bettina: „Bildungsprozesse über die Lebensspanne. Zur Politik und Theorie lebenslangen Lernens“, in: Trippelt, Rudolf/Schmidt, Bernhard (Hg.): Handbuch Bildungsforschung, Wiesbaden 2010, S. 713-734, hier: S. 713.
4 vgl. Harteis, Christian: „Die Forderung nach lebenslangem Lernen: Zwischen Banalität, Herausforderung und Zumutung“, in: Gembris, Heiner/Herbst, Sebastian/Menze, Jonas/ Krettenauer, Thomas (Hg.): Lebenslanges Lernen in der Musikpädagogik. Theorie und Praxis, Berlin 2021, S. 37-50.
5 vgl. Elfert, Maren: UNESCO’s Utopia of Lifelong Learning. An Intellectual History, London/New York 2018.
6 vgl. ebd., S. 1.
7 vgl. Schmitt-Weidmann, Karolin: Hochschulen als Resonanzkörper der Gesellschaft. Spannungsfelder nutzen – Vernetzung leben – Transfer gestalten, Hofheim 2025.
8 Gembris, Heiner: „Lebenslanges Lernen in der Musik. Eine Einführung“, in: Gembris/Herbst/Menze/Krettenauer, a. a. O., S. 5.
9 Grosse, Thomas: „Lernen lehren und Lehren lernen – Weiterbildung und lebenslanges Lernen in der Musik“, in: Waloschek, Maria Anna/Gruhle, Constanze (Hg.): Die Kunst der Lehre. Ein Praxishandbuch für Lehrende an Musikhochschulen, Münster 2022, S. 85-94, hier: S. 89 f.
10 vgl. Gembris, S. 19.
11 vgl. Holtmeyer, Gert: Musikalische Erwachsenenbildung. Grundzüge, Entwicklungen, Perspektiven, Regensburg 1989.
12 Gembris, S. 21.
13 Siehe auch Spiekermann, Reinhild: „‚Gemeinsam musizieren!‘ Ein Detmolder Studienprogramm für Amateure im Rahmen der instrumentalpädagogischen Studiengänge als Beispiel für lebenslanges Lernen“, in: Gembris/Herbst/Menze/Krettenauer, a. a. O., S. 107-119.
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