Menting, Hanno / Anne Fritzen / Alexander Riedmüller
Was bringen digitale Tools im Musikunterricht?
Eine Übersicht zu Chancen und Herausforderungen digitaler Lernunterstützung im Instrumental- und Gesangsunterricht
Digitale Tools halten zunehmend Einzug in den Instrumental- und Gesangsunterricht – begleitet von großen Erwartungen, aber auch offenen Fragen. Zwischen Euphorie und Skepsis wächst dabei der Wunsch nach Orientierung. Was können digitale Tools und digitale Lernunterstützung tatsächlich leisten?
Die digitale Transformation prägt seit Jahren weite Teile des gesellschaftlichen Lebens – auch die kulturelle Bildung bleibt davon nicht unberührt. Insbesondere der Instrumental- und Gesangsunterricht steht dabei im Spannungsfeld zwischen traditionellen Lehrmethoden und neuen, technologiegestützten Ansätzen. Digitale Lerntechnologien wie Apps, Plattformen oder interaktive Feedbacksysteme versprechen einerseits eine stärkere Individualisierung, neue Zugänge zum Lernen und eine höhere Motivation für Lernende. Andererseits stellen sie Lehrende wie Lernende vor neue und herausfordernde Fragen: Wie steht es um die pädagogische Qualität? Welche nachhaltigen Wirkungen haben sie auf Lernprozesse? Wie verändern sie die soziale Dynamik im Unterricht? Und was bedeutet das alles für die technische Ausstattung und organisatorischen Abläufe in Musikschulen?
Die Diskussion um Chancen und Risiken wird dabei keineswegs einhellig geführt. Während viele Lehrkräfte digitale Tools als Bereicherung empfinden und beispielsweise von positiven Einflüssen digitaler Tools auf die Motivation von SchülerInnen berichten,1 äußern andere Zweifel – etwa in Bezug auf die pädagogische Beziehungsarbeit, die Bedeutung körperlicher Präsenz oder die Gefahr einer Übertechnisierung und De-Humanisierung.2 Dadurch wird deutlich, dass der Einsatz digitaler Lernunterstützung nach einer differenzierten Betrachtung, fundierten Entscheidungen und vor allem einer didaktischen Reflexion verlangt. Besonders relevant erscheint dies, da in Musikschulen durch den schrittweisen Ausbau von WLAN sowie die wachsende Verfügbarkeit und Nutzung von Tablets, Smartphones und digitalen Lernumgebungen eine zunehmend verbesserte digitale Infrastruktur entsteht. Diese ermöglicht nicht nur den Einsatz entsprechender Technologien, sondern fordert ihn implizit sogar. Eine solche Forderung ergibt sich nicht zuletzt auch daraus, dass Musikschulen als zentrale Einrichtungen kultureller Bildung Verantwortung für musikalisch-kulturelle Teilhabe, Persönlichkeitsentwicklung und soziale Integration tragen.
Der vorliegende Beitrag widmet sich den damit zusammenhängenden Fragen: Welche Chancen, aber auch Herausforderungen ergeben sich durch digitale Lernunterstützung im Instrumental- und Gesangsunterricht? Welche konkreten Effekte lassen sich beobachten und welchen Beitrag können digitale Tools zu einem gelingenden Musikunterricht leisten? Um diese Fragen zu beantworten, haben wir eine systematische Übersicht über empirische Studien erstellt,3 die sich zwischen 2014 und 2024 mit dem Einsatz von digitalen Tools im Instrumental- und Gesangsunterricht beschäftigen. Insgesamt wurden aus einem Datensatz von 2056 Veröffentlichungen nach Filterung anhand definierter Qualitätskriterien 14 Studien qualitativ ausgewertet. So wurden beispielsweise viele Studien ausgeschlossen, wenn etwa inhaltliche Verknüpfungen zur Digitalisierung oder zur Instrumental- und Gesangspädagogik fehlten.4
Ausgehend von den Kriterien konnte leider keine Studie aus dem deutschsprachigen Raum einbezogen werden. Wir vermuten, dass entsprechende wissenschaftliche Studien bisher entweder in internationalen Datenbanken und Fachzeitschriften mit Peer-Review nicht ausreichend sichtbar sind oder dass ein deutlicher Bedarf an empirischen Untersuchungen zu digitaler Lernunterstützung (im deutschsprachigen Raum) existiert. Die 14 analysierten Studien beleuchten unter anderem die Wirksamkeit digitaler Tools, Herausforderungen im lehr-lernbezogenen Einsatz sowie soziale Aspekte des digitalen Lernens.
Musikalische Kompetenzen
Die Frage, ob digitale Tools einen substanziellen Beitrag zum musikalischen Lernen leisten können, wird in vielen der 14 Studien zentral diskutiert. In der überwiegenden Mehrzahl berichten die AutorInnen von positiven Effekten digitaler Lernunterstützungstools auf musikalische Lernprozesse. Das Spektrum der Tools reicht dabei von Klaviersimulationsprogrammen über interaktive Lernspiele bis hin zu webbasierten Portfolio-Tools und Übe-Apps. Besonders häufig zeigen sich Verbesserungen in Bezug auf musikalische Fertigkeiten, das selbstständige Übeverhalten, die Motivation sowie das langfristige Behalten musikalischer Inhalte.
So belegen etwa Peng (2023) und Cremata & Powell (2016) deutliche Lernzuwächse im Klavierspiel durch den Einsatz von Programmen wie MusicFlow oder Synthesia, die eine flexible Geschwindigkeitsanpassung, visuelles Feedback und Echtzeit-Rückmeldungen bieten. Auch digitale Spiele wie Staff Wars oder Blob Chorus (Lesser, 2020) ermöglichen nachweislich eine effektive Schulung rhythmischer und tonhöhenbezogener Fähigkeiten. Boucher et al. (2020) zeigen, dass Videoaufnahmen eigener Übesequenzen dazu anregen, bewusster, langsamer und reflektierter zu üben. Der Einsatz solcher Feedbackmechanismen fördert demnach nicht nur musikalisch-technische Präzision, sondern auch metakognitive Strategien und die Selbstbeobachtung.
1 vgl. Upitis, Rena et al.: „Characteristics of independent music teachers“, in: Music Education Research, 19 Jg., 2017, Heft 2, S. 169-194, https://doi.org/10.1080/ 14613808.2016.1204277. (Stand: 8.1.2026).
2 vgl. Krebs, Matthias: „De-/Legitimation von digitalen Technologien im Gesangs- und Instrumentalunterricht an Musikschulen“, in: Krupp, Valerie et al. (Hg.): Wege und Perspektiven in der musikpädagogischen Forschung, Münster 2021, S. 217-235.
3 Systematic Literature Review, vgl. z. B. Gough, David et al. (Hg.): An introduction to systematic reviews, London 2012; für den Impuls zur angewendeten Methodik möchten wir uns sehr herzlich bei unserem Kooperationspartner im Forschungsprojekt MusiGeNuM (www.kubi-meta.de/musigenum) Prof. Dr. Michael A. Herzog von der Hochschule Magdeburg-Stendal bedanken.
4 Ausgeschlossen wurden auch Untersuchungen, deren Ergebnisse sich aufgrund ihres spezifischen musikpädagogischen Bezugs nicht auf die IGP übertragen ließen, sowie Studien, die primär die Entwicklung oder technische Analyse einer App/Software zum Gegenstand hatten. Einbezogen wurden Studien nur dann, wenn es sich um eine peer-reviewte Veröffentlichung auf deutsch oder englisch im Zeitraum 2014 bis 2024 handelte.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 1/2026.


