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Sommer, Felicitas

Musikalische Begegnungen im Einklang mit der Umwelt

Nachhaltigkeit beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert

Rubrik: Ökologie
erschienen in: üben & musizieren 1/2026 , Seite 48

Der Bundeswettbewerb Jugend musiziert bringt Menschen zusammen, schafft musikalischen Austausch und einzigartige, unersetzliche Erlebnisse. Wir glauben an die Notwendigkeit und Kraft von musikalischer Begegnung, auch wenn dies nur unter Freisetzung von Emissionen gelingen kann. Der Deutsche Musikrat möchte Wege finden, musikalische Begegnung weiterhin zu ermöglichen, ohne den Planeten aus den Augen zu verlieren.

Die Deutscher Musikrat gGmbH, Trägerin des Bundeswettbewerbs Jugend musiziert, treibt aktuelle gesellschaftliche Themen genauso um wie unsere Zielgruppe, die jugendlichen Teilnehmenden. In Zusammenarbeit mit unserem Hauptförderer – Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend – sowie unserem Hauptsponsor – Sparkassen- und Giroverband – möchten wir nachhaltige Ziele verfolgen, denn wir können nicht die Augen davor verschließen, dass die Ressourcen auf unserer Erde endlich sind.
So wollen wir unsere Nachhaltigkeitsbemühungen ausbauen und unsere Veranstaltungen langfristig so gestalten, dass sie möglichst ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltig sind. Wir wollen Emissionen einsparen, wo immer es möglich ist; denn wir glauben, dass wir durch Jugend musiziert einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft und gleichzeitig auch für unsere Umwelt leisten können.

Transparenz in der Klimabilanz

Kulturelle Begegnung und musikalischer Austausch gelingen nur unter Freisetzung von Emissionen. Jedoch wussten wir bisher nicht annähernd, mit welchen Größenordnungen wir es hier zu tun haben. 2023 haben wir einen ersten Anlauf genommen, uns dem ökologischen Fußabdruck des Bundeswettbewerbs in konkreten Zahlen anzunähern. Wir wollten lernen, was die großen Emissionstreiber sind, weil es dann leichter ist, geeignete Maßnahmen zur langfristigen Verbesserung zu entwickeln.
Schnell war klar, dass der Großteil der Gesamtemissionen durch die vielen mitwirkenden Personen entsteht: Teilnehmende mit Familien und Lehrkräften, die Jury und unser Team reisen durch die ganze Republik und zum Teil auch europaweit zu den Deutschen Schulen im Ausland und bleiben oft mehrere Tage vor Ort. Um eine solide Berechnungsgrundlage für die Emissionsdaten zu bekommen, haben wir gemeinsam mit unserem Partner Capgemini Invent eine Umfrage entworfen, mit der die Reise- und Unterkunftsdaten dieser Personengruppen abgefragt und analysiert wurden. Anhand der daraus identifizierten Aktivitätsdaten und den passenden Emissionsfaktoren wurde eine Berechnung erstellt, die uns sowohl den persönlichen CO2-Abdruck für jede Person als auch durch Extrapolation der Daten einen auf alle MusikerInnen bezogenen Gesamtfußabdruck sowie einen durchschnitt­li­chen CO2-Abdruck pro Person errechnet hat.
Die Daten geben uns zudem Aufschluss über zentrale Bereiche (z. B. Entfernungen bei An- und Abreisen, Wahl des Verkehrsmittels, Art der Übernachtung, Dauer des Aufenthalts, Ernährungsform) und ihren jeweiligen Anteil am Gesamtfußabdruck. Nachdem wir diese Daten nun zum dritten Mal in Folge nach demselben Muster erfasst haben, können wir die Ergebnisse zunehmend ins Verhältnis setzen und analysieren. Langfristiges Ziel ist es, diese Werte zu senken.

Ergebnisse und Erkenntnisse

Um die Jahre 2023, 2024 und 2025 miteinan­der zu vergleichen, kann man sich zunächst den Gesamtfußabdruck des Bundeswettbewerbs und die Daten aller großen Personengruppen (Teilnehmende, Jury, Mitarbeitende inkl. Fuhrpark) in der Summe anschauen:
– 2023 in Zwickau hatte der Bundeswettbewerb einen Gesamtfußabdruck von 678 Tonnen (t) CO2e (Teilnehmende 645,5t, Jury und Team 33,3t).1
– 2024 in Lübeck war die Bilanz mit 788t CO2e (Teilnehmende 750t, Jury und Team 38t) etwas höher.
– 2025 in Wuppertal wieder deutlich niedriger: 579t CO2e (Teilnehmende 547t, Jury und Team 32t).
Analog dazu verhält sich der durchschnittliche Fußabdruck der Teilnehmenden pro Person: Zwickau 2023 mit 103 kg CO2e, Lübeck 2024 mit 106 kg CO2e und Wuppertal 2025 mit 78 kg CO2e.
Die vollständig analysierten und detaillierten Ergebnisse des Bundeswettbewerbs 2025 sind demnächst auf unserer Website nachzulesen. Die folgenden Analysen beziehen sich inhaltlich vor allem auf die Jahre 2023 und 2024.
Grundsätzlich entfallen rund 68% der Gesamtemissionen auf An- und Abreise (2024), 13% auf die Übernachtungsart und -dauer, 16% auf die Ernährungsform und 3% auf die Fortbewegungsart vor Ort. Wenn man nur das Feld der An- und Abreisen betrachtet, fällt auf, dass 2023 lediglich 3% der Teilnehmenden mit dem Flugzeug angereist sind, diese Anreisen jedoch einen Anteil von über 30% an den Gesamtemissionen (bezogen auf die Anreise) haben. Ähnlich verhält es sich mit dem Verhältnis bei Hotelübernachtungen. Während nur gut ein Fünftel der Teilnehmenden in einem 4-Sterne-Hotel übernachtete, machten diese Übernachtungen 2023 knapp die Hälfte der Emissionen (bezogen auf die Gesamtemissionen aus dem Feld Übernachtungen) aus. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass weit über die Hälfte der Teilnehmenden mit dem Auto angereist sind und nur 15% die Bahn genutzt haben. Hier lohnt es also, perspektivisch anzusetzen und Anreize zu setzen, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.
Für das Jahr 2025 lassen sich schon jetzt einige Faktoren identifizieren, die zu sinkenden Emissionen beigetragen haben: Die geografische bzw. infrastrukturelle Lage einer austragenden Stadt spielt eine erhebliche Rolle. Denn diese hat beispielsweise Einfluss auf die Anzahl der Tage, die Teilnehmende vor Ort verbringen. Teilnehmende haben 2025 im Vergleich zu den beiden Vorjahren sowohl kürzere An- und Abreise-Distanzen zurückgelegt also auch insgesamt weniger Übernachtungen vor Ort benötigt, da im Verhältnis mehr Teilnehmende im Einzugsgebiet des Veranstaltungsorts wohnten als in den beiden Vorjahren.
Zudem gab es 2025 insgesamt weniger Teilnehmende, es ist ein Anstieg in der Nutzung von Bahn und Elektroauto zu verzeichnen, die Nutzung von Diesel- und Benzin-PKWs für die Anreise ging zurück und es haben sich mehr Personen vegan oder vegetarisch ernährt als in den Vorjahren. Zudem haben mehr Personen in 1- bis 3-Sterne-Hotels, Ferienwohnungen oder privat übernachtet, was emissionsärmer ist, als in 4-Sterne-Hotels zu übernachten. Auch das rund 100-köpfige Wettbewerbsteam hat in einem 3-Sterne-Hotel übernachtet. Diese Faktoren führen dazu, dass der Gesamtfußabdruck des vergangenen Bundeswettbewerbs deutlich niedriger ausfällt als in den beiden Jahren zuvor.

Maßnahmen zur Reduzierung des Fußabdrucks

Bereits seit einigen Jahren bieten wir das Veranstaltungsticket in Kooperation mit der Deutschen Bahn an (jetzt: Event-Ticket), mit dem man klimafreundlich zu den Veranstaltungen des Deutschen Musikrats anreisen kann. Auch wenn wir wissen, dass es teilweise aufgrund von großem oder schwerem Instrumentarium kaum eine Alternative zum Auto gibt, wollen wir im Vorfeld des Wett­bewerbs hierauf vermehrt aufmerksam machen. Als weiteren Beitrag zur emissions­armen Anreise planen wir eine Kooperation mit einer Mitfahrplattform, die eigens für Veranstaltungen konzipiert ist, und möchten die Teilnehmenden animieren, sich zusammenzuschließen.
Ebenso möchten wir die Jury sowie das große Team des Bundeswettbewerbs vermehrt dazu anhalten, sich vor Ort nachhaltiger fortzubewegen und passen unseren Fuhrpark jedes Jahr je nach Stadt auf ein absolutes Minimum an. In jeder Partnerstadt versuchen wir zudem, eine kostenfreie ÖPNV-Nutzung für Teilnehmende, Mitreisende, Team und Jury zu ermöglichen und so einen Anreiz zu setzen, vor Ort vermehrt Bus und Bahn zu nutzen.

Ohne nachhaltiges Denken und Handeln auf Dauer keine Kultur, und ohne Kultur fehlt es an Inspiration und Kreativität, um nach­haltige Lösungen zu ent­wickeln und umzusetzen.

Die Anmeldung zu Jugend musiziert erfolgte nun zum dritten Mal papierlos und ohne Postversand und wir arbeiten konstant an der weiteren Digitalisierung des Wettbewerbs. Darüber hinaus streben wir Kooperationen mit CO2-bewussten Partnern (z. B. Druckereien, Hotels) und regionalen Dienstleistern an und bieten bei Konzerten und Empfängen des Bundeswettbewerbs ausschließlich vegetarisches und veganes Catering an. Seit 2023 organisieren wir zudem Gastfamilien für die MusikerInnen, die für die Preisträgerkonzerte länger vor Ort bleiben oder noch einmal zurückkommen. Das fördert nicht nur den Austausch mit musikbegeisterten Familien vor Ort und minimiert den finanziellen Zusatzaufwand für die jungen MusikerInnen, sondern schont ebenfalls Ressourcen.

Ausblick

Wenn wir eine Großveranstaltung wie den Bundeswettbewerb veranstalten, kommen wir nicht umhin, dass viele Menschen durch ganz Deutschland und Europa reisen. Genau das wollen wir ja auch. Wir müssen den Widerspruch aushalten, dass wir maximale Begegnung vor Ort ermöglichen wollen und Teilnehmende animieren möchten, Angebote an mehreren Tagen vor Ort wahrzunehmen, statt nur für ihr eigenes Wertungsspiel anzureisen, auch wenn das zu Lasten des CO2-Fußabdrucks geht. Ebenso freuen wir uns weiterhin darüber, dass Jugend musiziert auch an 35 Deutschen Schulen im Ausland stattfindet und viele junge MusikerInnen zum Bundeswettbewerb anreisen. Jugend musiziert lebt von der Begeisterung und Inspiration, die entsteht, wenn viele junge Menschen sich begegnen und gemeinsam Musik machen.
Wir müssen Kultur und Nachhaltigkeit also zusammen denken: Ohne nachhaltiges Denken und Handeln auf Dauer keine Kultur, und ohne Kultur fehlt es an Inspiration und Kreativität, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. So verstehen wir Nachhaltigkeit als Gemeinschaftsaufgabe, die wir nur gemeinsam angehen können, wenn alle Beteiligten – Teilnehmende, Jury, Team, BesucherInnen, PartnerInnen und Fördernde – beim Besuch des Wettbewerbs, aber auch jeden Tag im Kleinen Anstrengungen unternehmen, um mit dem eigenen Fußabdruck möglichst verantwortungsvoll umzugehen.

1 Mit CO2e werden CO2-Äquivalente bezeichnet. Das sind Maßeinheiten, die verschiedene Treibhausgase in einem Wert zusammenfassen, basierend auf ihrem jeweiligen Beitrag zum Treibhauseffekt im Vergleich zu Kohlendioxid (CO2).

Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 1/2026.

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