Thielemann, Kristin
Ihr Einsatz, bitte!
Der Kommentar
Der offene Brief an den britischen Premierminister Keir Starmer, den kein Geringerer als der britische Popstar Ed Sheeran im März 2025 verfasst hat, schlägt weiterhin hohe Wellen: Mittlerweile hat sich das britische Parlament mit dem Appell beschäftigt und den Musiker angehört. Auf seinem Instagram-Kanal @teddysphotos veröffentlichte Sheeran am 8. November 2025 einen Ausschnitt aus einer BBC-Sendung, in der er seine Beweggründe für sein Schreiben darlegt, mit dem er 250 Millionen Pfund (derzeit etwa 287 Millionen Euro) zur Rettung der musikalischen Bildung in Schulen fordert.
Sheerans Argumentation, die von zahlreichen namhaften KünstlerInnen des Landes unterschrieben wurde, liest sich wie ein kulturpolitisches Klagebuch: Die britische Musikindustrie generiere 7,6 Milliarden Pfund jährlich, aber „die nächste Generation ist nicht da, um die Zügel zu übernehmen“. Britische KünstlerInnen seien 2024 nicht mehr mit einem globalen Top-10-Hit in den internationalen Charts vertreten gewesen, das Club-Sterben schreite dramatisch voran und nehme damit NachwuchsmusikerInnen den Nährboden für ihre Karrieren.
Die Initiative macht mit eindrucksvollen Zahlen auf ein Problem aufmerksam, das auch in Deutschland nur zu gut bekannt ist: Musikstunden werden gestrichen, qualifizierte Lehrkräfte fehlen und künstlerisch begabte junge Menschen verzichten aus vielerlei Gründen auf ein Musikstudium. Doch während ich einerseits fasziniert bin von Ed Sheerans Chuzpe, solch hohe Beträge zu fordern und am Ende vermutlich mit einem angemessenen Betrag das Battlefield zu verlassen, mischt sich ein störender Ton in den Gesamtklang: Musik ist für mich weit mehr als die Bühne, auf der internationale Anerkennung generiert werden muss und hohe Einnahmen für die Volkswirtschaft erzielt werden. Diese Argumente sind in der Politik bereits zu Lockdown-Zeiten abgeblitzt. Wir dürfen nie vergessen: Kunst, Kultur und Musik sind mehr als ein Standortfaktor und Exportschlager!
In Zeiten, in denen unvorstellbare Summen in militärische Aufrüstung fließen, muss nun auch der Blick auf „musikalische Aufrüstung“ gelenkt werden.
Die Musik, das Musizieren und Musikhören, das Empfinden und Mitschwingen ist etwas zutiefst Menschliches. Die Musik schafft Identität und Verbundenheit von Menschen, die sich einander manchmal so fremd fühlen. Die Liebe zur Musik, die jeder einzelne in sich trägt, ist etwas, was uns fundamental von KI, Computern und Algorithmen unterscheidet. Dass Musik, Musizieren und Musikhören Menschen verbinden können, wenn eine gemeinsame Sprache, womöglich gemeinsame Werte fehlen, ist eine Waffe, die PolitikerInnen derzeit nicht im erforderlichen Maße sehen. In Zeiten, in denen unvorstellbare Summen in militärische Aufrüstung fließen, muss nun auch der Blick auf „musikalische Aufrüstung“ gelenkt werden, damit unsere Gesellschaft so gestärkt und resilient wie möglich den vielen Krisen unserer Zeit trotzen kann!
Die musikpädagogischen Verbände leisten mit Studien zum Nachwuchsmangel wie MULEM-EX und der jüngst vorgestellten Studie MiKADO-Musik großartige politische Arbeit. Die Ergebnisse von MiKADO-Musik illustrieren auf geradezu erschreckende Weise, was viele längst geahnt haben: Auch an den Musikschulen werden in den kommenden Jahren tausende Stellen unbesetzt bleiben, wenn nicht massiv gegengesteuert wird.
Daher sollten wir versuchen, Ed Sheeran nachzueifern. Jede/r von uns kann die eigene Stimme erheben und damit zu einer lauten Musikwelt beitragen, die nicht nur der Politik, sondern der ganzen Gesellschaft zuruft: Eine lebenswerte Zukunft ist nur mit Musik möglich! Musik ist Bildung für alle, egal, welche Voraussetzungen und Vorstellungen man mitbringt! Musik ist der Beton, der uns als Gesellschaft zusammenhalten und stärken kann – auch in Zeiten, die auf uns so wirken wie eine Wanderung auf die Zugspitze bei Windstärke 10.
Doch dieser Beton will finanziert sein. Daher meine Bitte an Sie: Ein starker Chor lebt davon, dass jede/r im richtigen Moment mit größtem Können und Leidenschaft einsetzt. Jetzt ist Ihr Einsatz – auch wenn Sie glauben, dass neben Ihnen starke oder gewichtigere Stimmen stehen. Verpassen Sie diesen Einsatz nicht – es könnte der wichtigste in unserer Musikszene für die nächsten Jahrzehnte sein!
Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 1/2026.

