Krähe, Martin

Kurze Geschichte der deutschen und europäischen Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Florian Noetzel, Wilhelms­haven 2025
erschienen in: üben & musizieren 1/2026 , Seite 61

Das Charakteristikum des Buchs lässt sich so fassen: Alles ist sehr knapp beschrieben und auch nur knapp in einen historischen Zusammenhang eingebettet. Doch eben dadurch lädt es zum eigenen Studium ein.
Eine Musikgeschichte – sei sie breit angelegt oder so wie hier – muss heutzutage wahrscheinlich ein wenig gerechtfertigt werden. Denn man könnte sich fragen, ob es nicht bereits zahlreiche, womöglich sogar genügend historische Darstellungen gebe. Ganz zu schweigen von der Fülle an Informationen, die dank moderner Medien zu Werken, Komponisten, Musikern und Musik in Geschichte und Gegenwart zur Verfügung steht.
Der Autor – seit 2002 Dozent für Historische und Systematische Musikwissenschaft an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt – nimmt diese Frage auf, indem er zur Orientierung eine kurze Geschichte der Musikgeschichtsschreibung bietet und damit dem Leser und der Leserin bewusst macht, dass jede historische Sinnbildung subjektivem Verstehen und Deuten unterworfen ist. Auch wenn sie voller Daten und Tatsachen steckt und methodisch kontrolliert, das heißt aufgeklärt-quellenkritisch arbeitet.
Als Leitfaden seiner eigenen Musikgeschichte nennt Krähe eine Forderung des Musikwissenschaftlers Carl Dahlhaus aus dem Jahr 1977 für die Darstellung der Musikgeschichte: „Strukturgeschichte als Erörterung von Gattungen im Kontext des sozialen Umfelds der Musikpraxis ihrer Zeit.“ Bevor der Autor zu den Inhalten kommt, erörtert er Grundbegriffe: Gattung, Form, Stil. Dann folgen die vertrauten historischen Ordnungen: Mittelalter, Renaissance, Barock, Klassik und Romantik, die einer erweiterten und verbindenden Betrachtung des 19., 20. und 21. Jahrhunderts zugeführt werden. Das ist nötig, weil die überkommenen Periodisierungen ebenso richtig wie falsch sind. Es handelt sich um Hilfskonstruktionen, deren Ordnungen eben auch Un-Ordnungen mit einschließen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Spätwerke Beethovens. Stichwort: Beethoven, der Romantiker. Obwohl er zur Wiener Klassik gehört.
Mit dem 19. Jahrhundert tritt der „Nationalismus und das bürgerliche Musikleben“ in bisher unbekannter Klarheit hervor. Und damit auch der Blick auf die europäische Musik. Die Oper in Italien, die „Jahrhundertgattung Sonate“. Schließlich die nationalen Strömungen in Spanien, England, in den Niederlande und Belgien, Skandinavien, Polen, Tschechien, Russland.
Im Abschnitt über das 20. Jahrhundert sind die Kennmale: „Öffnungen und Entgrenzungen der Stile“. Impressionismus, Expressionismus, Atonalität. Das 21. Jahrhundert steht seiner Jugend wegen vor allem unter Beobachtung: wie neu ist das Neue.
Das Buch ist ein gutes Vademecum mit großem Personenregister, vielen Noten und schönen Bildern.
Kirsten Lindenau

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