Boos, Annika
Optimalfall Solist – Eine Fallstudie zum beruflichen Selbstverständnis zwischen künstlerischer und musikpädagogischer Ausrichtung
Ideal Case: Soloist – A Case Study on Professional Self-Concept between Artistic and Music Pedagogical Trajectories
Im Rahmen der MiKADO-Musik-Studie analysiert dieser Beitrag die Studienwahl und das berufliche Selbstverständnis eines Gesangsstudenten mit ausgeprägtem künstlerischem Profil. Ziel ist es, die Einflussfaktoren zu rekonstruieren, die seine Entscheidung für einen rein künstlerischen Studiengang und die Priorisierung desselben gegenüber einer künstlerisch-pädagogischen Ausbildung prägen. Für die Einzelfallanalyse wurde ein leitfadengestütztes Interview mit einem Bachelor-Studenten durchgeführt und nach den Prinzipien der Grounded-Theory-Methodologie ausgewertet. Theoretische Überlegungen zur beruflichen Identität und zum Selbstkonzept bilden den analytischen Rahmen. Die Analyse identifiziert drei zentrale Einflussfaktoren, die im Zusammenspiel zur Verortung des beruflichen Selbstverständnisses des Befragten beitragen: (1) Vorstellungen von dem künstlerischen und musikpädagogischen Berufsfeld, wie z.B. die Wahrnehmung einer Hierarchie und Dichotomie zwischen künstlerischer Exzellenz und Musikpädagogik als „Plan B“, (2) Individuelle (musikalische) Erfahrungen und daraus abgeleitete Überzeugungen, wie z.B. musikalische (Früh-)Förderung, positiv besetzte solistische Erfahrungen und eine hohe musikalische Selbstwirksamkeits-erwartung sowie (3) Strukturelle Rahmenbedingungen, wie z.B. eine hohe Studiendichte und schlechte Berufsaussichten. Die Ergebnisse liefern einen Impuls zur vertieften Auseinander-setzung mit der Rolle der Wahrnehmung einer Hierarchie und Dichotomie der Studienfächer. Sie deuten darauf hin, dass die strukturellen Gegebenheiten an Musikhochschulen, im Zusammenspiel mit den individuellen Vorstellungen der Studierenden, eine Präferenz für rein künstlerische Laufbahnen begünstigen können.
Abstract:
As part of the MiKADO-Music-Study, this paper analyzes the study choice and professional self-concept of a vocal student with a distinct artistic profile. The aim is to reconstruct the influencing factors that shape his decision for a purely artistic degree program and his prioritization of it over a degree in music education. For the single-case analysis, a semi-structured interview was conducted with a Bachelor student and evaluated according to the principles of Grounded Theory Methodology (GTM). Theoretical concepts of professional identity and self-concept form the analytical framework. The analysis identifies three central influencing factors which collectively shape the interviewee’s professional self-concept: (1) notions of a hierarchy and dichotomy between artistic excellence and music pedagogy (“Plan B”), (2) individual (musical) experiences and beliefs derived from them, such as (early) musical promotion, positive solo experiences, and a high musical self-efficacy expectation, as well as (3) institutional framework conditions (e.g., high study density, lack of an independent IGP Bachelor program). The findings provide an impetus for an in-depth discussion on the role of the perception of a hierarchy and dichotomy in study choice. They suggest that the structural conditions at music universities, in conjunction with students’ individual perceptions, may encourage a preference for purely artistic careers.


