Gerland, Volker / Peter Röbke / Hanns Stekel
Vital und entwicklungsfähig
Zwölf Gedanken zur Attraktivität des Arbeitsplatzes Musikschule
Auch an den Musikschulen gehen die Babyboomer in Pension. Die Zahlen sind dramatisch und die Vorzeichen eines gravierenden Mangels an Lehrkräften unübersehbar, wie die Studie „MiKADO-Musik“ ergeben hat. In einem ausführlichen Online-Beitrag diskutieren die Autoren Fragen zur Attraktivität des Arbeitsplatzes Musikschule.
Kurzfassung
Wir – Volker Gerland, Peter Röbke und Hanns Stekel – stehen für eine Idee und eine Praxis von Musikschule, an deren Verwirklichung wir in Bezug auf die Institution Musikschule wie auch auf die universitäre Ausbildung über Jahrzehnte hinweg in unserem jeweiligen Wirkungsfeld in Deutschland und Österreich konkret arbeiten bzw. gearbeitet haben. Aus dieser Erfahrung heraus – und im Wissen um die mannigfachen Belastungen, denen Musikschullehrende in ihrem Beruf ausgesetzt sind – wenden wir uns an unsere KollegInnen an Musikschulen und Musikhochschulen, an Lehrkräfte ebenso wie an KollegInnen in Leitungsfunktionen und an EntscheidungsträgerInnen, weil wir die öffentliche Musikschule für eine vitale und entwicklungsfähige Einrichtung halten, die auch in der Zukunft ein besonderer und attraktiver Arbeitsplatz sein kann.
1. Dramatische Prognosen
Auf gesamtstaatlicher Ebene kommt die Studie „MiKADO-Musik“ für Deutschland zu dem Ergebnis, dass bis 2035 rund 14700 Stellen nachbesetzt werden müssen, die Musikhochschulen jedoch nur rund 4000 AbsolventInnen haben werden, sodass „selbst unter günstigen Annahmen etwa drei Viertel der freien Stellen (rund 73 %) nicht mit entsprechend qualifizierten Absolvent:innen besetzt werden“.1
Ausweislich der Zwischenergebnisse einer Studie des Instituts für musikpädagogische Forschung und Praxis in Kooperation mit der KOMU zur Situation in Österreich und Südtirol ist davon auszugehen, dass rund die Hälfte der Musikschullehrenden innerhalb der nächsten 15 Jahren pensioniert wird.2 Zudem erwächst den Musikschulen angesichts des gravierenden Nachwuchsmangels in der Pflichtschule im Fach Musik eine massive Konkurrenz; dies auch deshalb, weil etwa das österreichische Dienstrecht vorsieht, dass der IGP-Abschluss auch zum Unterricht in der Sekundarstufe der Regelschulen ermächtigt bzw. in Deutschland an Pflichtschulen Verbeamtung, volle Beschäftigung und deutliche höhere Bezahlung winken.
2. Veränderte Ansprüche der Generation Z
Es ist aber nicht nur die Demografie, die zuschlägt: BewerberInnen streben oft berufliche Portfolio-Existenzen an und wollen gar nicht nur an der Musikschule tätig sein. Es gibt also nicht nur ein Problem, überhaupt Stellen zu besetzen, es gibt auch mehr und mehr ein Problem, ganze Stellen zu besetzen; dies auch aus Gründen des Wertewandels und neuer Lebensentwürfe, in welchen etwa Wert auf berufliche Flexibilität und eine gute Work-Life-Balance gelegt wird.
3. Berechtigte Erwartungen an die Musikhochschulen
In dieser Situation können sich Hochschule und Musikschule das sattsam bekannte Blame Game –„Ihr bildet praxisfern aus!“, „Ihr stellt euch notwendigen Veränderungen in den Weg“, „Ihr nehmt keine BewerberInnen aus dem eigenen Land auf“, „Ihr liefert nicht deren nötige Qualität!“ – nicht mehr erlauben. Es geht vielmehr um eine gemeinsame Verantwortung für ein durchlässiges musikalisches Bildungssystem, das lückenlose und ungehinderte individuelle musikalische Bildungsverläufe erlaubt und ein Musikleben der Vielfalt entfaltet.
Jedoch: Auch wenn von Musikhochschulen zu Recht erwartet werden kann, dass ein ausreichendes Angebot an Studienplätzen im Bereich IGP vorgehalten wird, dass sinkenden Bewerberzahlen mit der proaktiven Ansprache alter und neuer Zielgruppen entgegen getreten wird und die nicht notwendigen und der Fixierung auf westliche klassische Kunstmusik geschuldeten Hürden der Eignungsprüfungen hinterfragt werden, so entscheidet am Ende des Tages nach unserer Überzeugung die Attraktivität des Arbeitsplatzes Musikschule, die die AspirantInnen für den Beruf ja schon als Musikschul-SchülerInnen aus nächster Nähe erfahren haben, über die Berufswahl und einen ausreichenden Berufsnachwuchs.
4. Verlässliches Einkommen und Gestaltungsspielräume
Stabile Beschäftigungsverhältnisse und daher auch die definitive Abkehr von Beschäftigungen auf Honorarbasis oder in Teilzeit als „Normalform“, eine angemessene tarifliche Einstufung in Analogie zum Regelschulwesen und somit die Sicherheit eines angemessenen Einkommens und die Möglichkeit zum beruflichen Aufstieg sind die notwendigen Grundlagen der Attraktivität des Arbeitsplatzes Musikschule. Aber die hinreichenden Bedingungen dafür, dass jemand den Beruf der Musikschullehrkraft ergreift, dürfen nicht geringgeschätzt werden: Man wählt einen Beruf auch aufgrund „weicher“ Faktoren, selbst wenn das Einkommen nicht berauschend ist. Von diesen hinreichenden Bedingungen handeln die folgenden Punkte.
5. Lebendiges Unterrichten in flexiblen Formen
Eine hinreichende Bedingung für eine befriedigende und anziehende Berufstätigkeit kann ein hohes Maß an künstlerischer und pädagogischer Gestaltungsfreiheit und die damit verbundene Möglichkeit sein, Musik und Musizieren im Leben der SchülerInnen wirklich zu verankern – in der zutiefst persönlichen Situation des One-to-One-Unterrichts ebenso wie in der Gestaltung von Lern,- Musizier- und Lebenswelten oder der Verschmelzung von Unterricht und Ensemblearbeit. Dafür braucht es eine umfassende Ermächtigung der Musikschullehrkräfte zur pädagogisch angemessenen Flexibilisierung ihrer Stundenpläne.
6. Mit dem eigenen Handeln die Institution verändern
Der Beruf wird auch attraktiv aufgrund des guten und die Selbstwirksamkeit bestätigenden Gefühls, durch das eigene Handeln und das Zusammenwirken im Lehrkräfteteam die Strukturen und Funktionsabläufe der ganzen Institution beeinflussen zu können: Musikschulen sind – anders als Pflichtschulen – viel weniger von unverrückbaren Regelvorgaben geprägt, sondern stehen in einem ständigen Prozess der dialektischen Weiterentwicklung, weil jeder Lehrplan, jede Prüfungsordnung und jede Organisationsvorgabe in Bewegung geraten kann, wenn die Praxis schon weiter ist.
7. Eine Schulleitung, die Gestaltungsspielräume öffnet
Man fühlt sich an einer Musikschule wohl, wenn man eine kompetente und visionäre Schulleitung hat, die einem nicht nur den Rücken freihält, sondern dezidiert zum Erobern und Gestalten von Spielräumen und zum Erproben neuer Wege ermutigt und diese Gestaltungsfreiheit auch offensiv gegenüber den Trägern der Musikschule vertritt.
8. Eigene professionelle Weiterentwicklung
Die Musikschule ist ein attraktiver Arbeitsplatz, wenn die Möglichkeit besteht, sich ständig professionell weiterentwickeln zu können, und wenn man in einem Kollegium arbeitet, in dem der Austausch von Wissen und Können, die „gemeinsame Bewirtschaftung einer Wissensallmende“,3 etwas Selbstverständliches ist.
9. Die künstlerische Seite der beruflichen Identität
Der Beruf macht Freude, wenn die Möglichkeit gegeben ist, die künstlerischen Dimensionen der eigenen Identität aktiv in der Region, aber auch darüber hinaus ausleben zu können. Es ist attraktiv, im jeweiligen regionalen Umfeld musikalisch auf hohem Niveau tätig zu werden und dabei auch nach neuen konzertanten Wegen in Hinsicht auf Format, Partizipation oder Resonanz zu suchen.
10. Gesellschaftliche Relevanz
Es ist attraktiv, an einer Institution zu wirken, die gesellschaftlich und politisch relevant ist, weil sich diese etwa Diversität und Inklusion auf die Fahne schreibt, soziale Ungleichheiten beim Zugang zu ihr im Auge hat oder Fragen nachhaltigen und ressourcenschonenden Arbeitens adressiert.
11. Den Beruf stärker sichtbar machen und neu erzählen
Stärker als bisher ist herauszustellen, worin die Tätigkeit einer Musikschullehrkraft eigentlich besteht, ihr Vorbild sollte sichtbarer werden. Darüber hinaus sollten schon an der Musikschule pädagogische Fähigkeiten von SchülerInnen dezidiert gefördert werden – entsprechend wäre bei Eignungsprüfungen an der Musikhochschule deren pädagogischer Impetus zu berücksichtigen: Wir müssen unseren SchülerInnen und der Gesellschaft den Beruf neu und anders erzählen.
12. Work-Life-Balance
Man kann frustriert sein, weil einen das System erstickt, die Bezahlung schlecht ist und die Gestaltungsspielräume gering sind. Man kann aber auch aus ganz anderen Gründen erschöpft und ausgepowert sein, nämlich gerade weil der Arbeitsplatz Musikschule so viele wunderbare Möglichkeiten bieten kann. Musikschulen werden daher über administrative Assistenzsysteme für kreative Musikschullehrende und generell über die Work-Life-Balance in ihrem Bereich und über Arbeitszeiten, die nicht familiengefährdend sind, neu nachdenken müssen. ((
1 www.musikschulen.de/medien/doks/vdm/Nachwuchskrftemangel/ergebnisse-mikado-studie-ueberblick-nov-2025.pdf, S. 1 (Stand: 11.3.2026). Eine ausführliche Dokumentation zur Studie „MiKADO-Musik“ findet man unter www.uebenundmusizieren.de/ausgabe/mikado-musik (Stand: 11.3.2026).
2 vgl. www.mdw.ac.at/imp/musikschule-2035 (Stand: 10.3.2026).
3 Diese Formulierung verdanken wir dem Berater von gemeinnützigen Unternehmen Roland Kunkel (https://step-beratung.de).
Langfassung
Zu Fragen der Attraktivität des Arbeitsplatzes Musikschule
Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 2/2026.


