Michel, Annemarie
Performance
Ein Begriff mit musizierpädagogischem Potenzial?!
Performance ist ein schillernder Begriff. Was hinter ihm steckt und inwiefern er anregende Impulse für das Musizierenlernen und -lehren freisetzen kann, darum geht es im Folgenden.
Musik gehört neben Tanz und Theater zu den Performing Arts, den performativen (aufführenden) Künsten. Dass Musik erst mit ihrem Aufführen erklingt und überhaupt zu Musik wird, wirkt zunächst trivial – und ist doch zentral: Denn während besonders im 19. Jahrhundert Musik durch sogenannte Werkhaftigkeit bestimmt wird, rückt mit der performativen Wende im 20. Jahrhundert die Dimension der Aufführung – also das aktive körperliche Tun – in den Blick.1 KünstlerInnen aller Gattungen beginnen, mit Formen der Produktion und Rezeption zu spielen und zu experimentieren. Konventionen werden irritiert und Gattungsgrenzen aufgebrochen. Performances erhalten ein subversives Moment.
Wer heute ein Instrument lernt, kommt in der Regel kaum mit Performancekunst in unmittelbare Berührung. Im Zentrum von Unterricht stehen vielmehr Repertoirespiel (Interpretation) und das damit verbundene Erlernen von Spieltechnik. Zudem bildet zeitgenössische (neuere) Musik eher die Ausnahme als die Regel. Und auch wenn experimentelle und improvisatorische Zugänge zunehmend (methodisch) genutzt werden, stellt sich die Frage, inwiefern der performative turn Spuren im Aufführungskontext z. B. an Musikschulen hinterlassen hat.2 Dieser Beitrag geht daher der Frage nach, inwiefern sich der Performance-Begriff als Impuls für die musizierpädagogische Praxis von Beginn an fruchtbar machen lässt – und was daraus folgt, wenn Musik als Aufführung gedacht und als solche bereits im Unterricht erfahrbar gemacht wird. Dazu werden verschiedene Facetten des Performance-Begriffs vorgestellt und anhand von ersten unterrichtspraktischen Ideen diskutiert.
Was bedeutet Performance?
Im alltäglichen Sprachgebrauch sprechen wir weniger davon, Musik zu performen. Üblicher sind Verben wie (vor-)spielen, aufführen oder vortragen. Wenn von Performance die Rede ist – etwa im begeisterten Ausruf „Was für eine Performance!“ –, ist meist die Wirkung eines musikalischen Vortrags gemeint, insbesondere die Präsenz, Souveränität und Ausstrahlungskraft der Darbietenden (ihre Performanz). Mitunter wird der Begriff aber auch als Sammelbezeichnung für Aufführungen verwendet, die traditionelle Musik- und Aufführungsverständnisse überschreiten.
Das engliche Verb to perform bedeutet aus- bzw. aufführen und leitet sich vom altfranzösischen parfornir ab, das mit handeln, ausführen, vollziehen aber auch mit vollenden, erfüllen oder leisten übersetzt werden kann. Später erweitert sich die Bedeutung ins Künstlerische, hin zum öffentlichen Aufführen von Musik, Tanz und Theater. Aus Perspektive der Performance Studies finden Performances aber nicht nur im Künstlerischen, sondern auch im Alltagskulturellen und Alltäglichen statt: Menschen führen Handlungen nicht nur einfach aus, sondern gewissermaßen auch voreinander auf – sie präsentieren sich oder etwas, heben hervor, stellen dar.3
Ein gemeinsamer Bezugspunkt vieler Konzepte zu Performance bzw. Performativität ist die Sprechakttheorie von John L. Austin.4 Darin zeigt Austin, dass Sprache nicht nur Welt beschreibt, sondern Handlungen vollzieht und Wirklichkeit hervorbringt. Mit seiner Wortneuschöpfung „performativ“ bezeichnet er Äußerungen, die im Moment ihres Aussprechens Tatsachen schaffen („Hiermit erkläre ich das Fest für eröffnet“) oder sogar folgenreiche Veränderungen bewirken („Hiermit erkläre ich sie zu Mann und Frau“). Performative Sprechakte vollziehen genau das, wovon sie sprechen: Sie bedeuten, was sie tun – und stellen die Wirklichkeit her, von der sie sprechen.5
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wird Performativität auch zu einer zentralen Kategorie in den Künsten. Im künstlerischen Tun wird nicht mehr primär etwas Vorgegebenes (ein Text) repräsentiert, sondern Wirklichkeit unmittelbar erzeugt.6
Performance Art
Ab den späten 1950er Jahren entstehen in den USA und Europa aus der Bildenden Kunst und der Idee der Performativität heraus neue Kunstpraktiken vor Publikum: die Performance Art. Im Mittelpunkt steht nicht mehr das fertige Werk, sondern der Prozess des Machens. Statt etwas darzustellen oder zu repräsentieren, wird der Vollzug selbst zentral: Die AkteurInnen führen reale Handlungen aus, anstatt lediglich so zu tun (Als-ob). Der Fokus richtet sich auf ihre realen Körper in einer realen Situation. Zurück bleibt kein Werk, sondern die flüchtige, geteilte Erfahrung.
1 siehe u. a. Cook, Nicholas: Beyond the Score. Music as Performance, New York 2013.
2 Diese Frage lässt sich auch im Hochschulkontext stellen.
3 Richard Schechner unterscheidet zwischen „doing“ (Machen, Tätigsein) und „showing doing“, was meint: „pointing to, underlining, and displaying doing (that is, performing)“, in: ders.: Performance Studies. An Introduction, London 2002, S. 4.
4 Austin, John L.: How to Do Things with Words, Oxford 1962.
5 Fischer-Lichte, Erika: Performativität. Eine Einführung, Bielefeld 2012, S. 38.
6 Einen Überblick über Facetten von Performance (als Performance Art, als Aufführung, als Handlung sowie als Leistung) gibt Benjamin Wihstutz in seinem Artikel „Performance“, in: Siegmund, Judith (Hg.): Handbuch Kunstphilosophie, Bielefeld 2022, S. 385-302.
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