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Rüdiger, Wolfgang

Lecture Performance

Ein künstlerisches Modell für Konzert und Unterricht

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 2/2026 , Seite 16

Musik ist mehr als Musik: klingende Lebensäußerung und kulturell geprägte Antwort auf Selbst- und Welterfah­rung, klingende Kommunikationsform und Angebot zum Sprechen über das, was Menschen bewegt und verbindet. Ihre möglichen Bedeutungen kommen am besten im Aufführungsformat der Lecture Performance zum Ausdruck, in der Menschen persönlich ­angesprochen und in die Musik einbezogen werden.

Wie Musikerinnen und Musiker mit Musik umgehen, hängt davon ab, was sie unter Musik verstehen (bzw. zu verstehen gelernt haben); und umgekehrt: Das Musikverständnis prägt ihre Praxis. Zwei Sicht- und Umgangsweisen lassen sich dabei unterscheiden. Die eine betrachtet Musik als ein von Komponistenhand gefertigtes Werk, das möglichst schlüssig vorzutragen ist; die andere sieht Musik als jedem Menschen gegebenes Wirken von Klängen (der Stimme und des Körpers), die mit allen Sinnessystemen verbunden sind und sich in vielfältige kulturelle Musizierformen entfalten. Die beiden Sichtweisen bilden Pole eines Kontinuums zwischen exklusiv und inklusiv, artifiziell und anthropo­logisch, Musikwerk und musikalischer Werkstatt und können fließend ineinander übergehen: ursprüngliche Klangäußerungen und Musikspiele in geformte Werke und umgekehrt, kulturell geprägte Werkformen in elementare Klanggesten und improvisatorische Musizieraktionen.
Berücksichtigt man die Bedürfnisse und Wünsche sich wandelnder Publikumsschichten nach einem Konzert als Ort „eines individuellen Gemeinschaftserlebnisses“1 und sozialer Begegnungen, in denen Menschen auf besondere Weise Musik erleben, ästhetische Erfahrungen machen, konzentriert zuhören, sich aber auch bewegen, beteiligen und ins Gespräch über Kunst und Leben kommen können, so vermag die reine Darbietung von Werken nach dem Muster von Auftritt, Applaus, Aufführung usw. nicht zu befriedigen. Musik als kreativ-kritische Antwort „auf das, was uns anspricht“ und anficht – Eigenes und Fremdes und die synästhetische Fülle unserer Welt –, ist stets „mehr als bloße Musik“:2 eine „performative Kunst“3 und Kommunikationsform klingender Körper in Raum, Zeit und Aktion, voller Beziehungen zum Leben, zur Welt, zu Dingen, zu anderer Musik und anderen Künsten.
Dieser Reichtum kommt am besten zum Ausdruck in einem musikalischen Vortrag, in dem nicht bloß hinreißend gespielt und gesungen, sondern ebenso einnehmend über Musik gesprochen wird, verbunden mit Bewegung im Raum und aktiver Beteiligung der Hörenden. Dieses Format nenne ich, in Anlehnung an die entsprechende Praxis im Wissenschafts- und Kunstbetrieb, Lecture Performance.4 Die Aufführungsform ist ein Teilbereich der Performance Arts und überträgt die „Ästhetik des Performativen“5 auf Musikpraxis, die stets performativ ist, dies jedoch vergleichsweise spät konzeptualisiert hat. Die Lecture Performance steht in einer langen Tradition, die sich von der antiken Rhetorik über die Vortragslehre des 18. Jahrhunderts mit ihren Rede- und Musikregeln von „Deutlichkeit“, „Ausdruck“ und „Schönheit“6 bis zu den aktuellen Concert Studies erstreckt. Mein Leitsatz lautet „Mediate Music musically“, mit Körper, Seele, sozialem Sinn und allen Sinnen. Das Ziel ist: Musik erleben und ins eigene Leben mitnehmen; und die Methode: Menschen musikalisch ansprechen, bewegen, involvieren.7

Drei Beispiele

1. Eine Aufführung von Marin Marais’ Variationszyklus Les Folies d’Espagne (1701) in der Version für fünf Flöten an der Hochschule für Musik Lübeck beginnt mit einem Auftritt der Spielerinnen von verschiedenen Positionen aus: Vom Eingangsbereich und aus der Tiefe, von der Höhe und den Seiten des Konzertsaals kommen die fünf Flötistinnen sternförmig mit dem Thema nacheinander auf die Bühne und finden dort auf dem Grundton zusammen. Auf die Aufführung folgt die Moderation der Musikerin Xintong Wang mit eigenem Text und Flöte: „Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum eine einzige Melodie Jahrhunderte überdauern kann – warum sie so viele Komponist:innen vom Barock bis zum Pop inspiriert hat – und warum wir uns noch heute von ihr berühren lassen? […] Vielleicht ist sie wie unser eigenes Leben – ein Kreislauf, der sich wiederholt und doch in jeder Runde etwas Neues trägt. […] Liebe Hörerinnen und Hörer, summen Sie bitte mit [lädt gestisch zum Singen ein und spielt zweimal das Thema].“

1 Mackensen, Karsten/Bullerjahn, Claudia: Musiksoziologie. Einführung, ­Baden-Baden 2025, S. 161.
2 Waldenfels, Bernhard: „Lebenswelt als Hörwelt“, in: ders.: Sinnesschwellen. Studien zur Phänomenologie des Fremden 3, Frankfurt am Main 1999, S. 179-199, hier: S. 196 f. Vgl. auch Waldenfels, Bernhard: „Mehr oder weniger als Musik“, in: Rebhahn, Michael/Schäfer, Thomas (Hg.): Darmstädter ­Beiträge zur neuen Musik, Bd. 24, Mainz 2017, S. 81-86.
3 Cook, Nicholas: „Musik als Text, Musik als Performanz“, in: Tröndle, Martin (Hg.): Das Konzert II. Beiträge zum Forschungsfeld der Concert Studies, Bielefeld 2018, S. 65-73, hier: S. 72.
4 vgl. Peters, Sibylle: Der Vortrag als Performance, Bielefeld 2011. Gebräuchlich für das Aufführungsformat ist auch der Begriff „Lecture Recital“, den ich jedoch für das musikalische Wechselspiel von Spielen und Sprechen ohne raumszenische Elemente reservieren möchte. Vgl. Tarr, Irmtraud: „Lecture Recital. Künstlerische Masterarbeiten zwischen Performance und Wissenschaft“, in: Losert, Martin (Hg.): Quellen des Musizierens. Das wechselseitige Verhältnis von Musik und Pädagogik, Mainz 2017, S. 171-180.
5 Fischer-Lichte, Erika: Ästhetik des Performativen, Frankfurt am Main 2004.
6 Schulz, Johann Abraham Peter: Artikel „Vortrag (Redende Künste)“ und „Vortrag (Musik)“, in: Sulzer, Johann Georg (Hg.): Allgemeine Theorie der schönen Künste. Theil 4 (1771-1774), Reprint der 2., vermehrten Auflage Leipzig 1792-1794, hg. und mit einer Einleitung versehen von Giorgio ­Tonelli, Hildesheim 1970, S. 691-715.
7 Zu neuen Konzertformaten allgemein vgl. Uhde, Folkert: „Konzertdesign: Form follows Function“, in: Tröndle, a. a. O., S. 121-148. Zu Aspekten wie Programmkonzeption und Partizipation vgl. Rüdiger, Wolfgang: „Übergänge zwischen Kunst und Leben“, in: ders. (Hg.): Lust auf Neues?! Wege der Vermittlung neuer Musik, Augsburg 2020, S. 13-46.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 2/2026.

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