Thielemann, Kristin
Fairness beginnt auf dem Notenständer
Der Kommentar
Kürzlich besuchte ich als Gasthörerin einen Vortrag an einer Musikhochschule über kulturelle Aneignung. Im Verlauf der Veranstaltung ging es um Respekt vor geistigem Eigentum und darum, ob es legitim ist, künstlerische Leistungen anderer Menschen zu nutzen, ohne sie angemessen zu entlohnen. Mit diesen Gedanken verließ ich den Vorlesungssaal und blieb an einem vertrauten Bild hängen: Studierende, die durch einen Stapel kopierter Noten blätterten. Wenig später saß ich in einem Café in der Innenstadt und scrollte durch Instagram. Weihnachtskonzerte aus Musikschulen überall – und viele der gezeigten Kinder und Jugendliche spielten aus Kopien. Ähnliches bei einem Besuch eines Musikschulvorspiels: Nur wenige Kinder und Jugendliche spielten aus originalen Notenheften. Manche hatten die Kopien ganzer Ausgaben in einen Ordner geheftet und selbigen hübsch dekoriert. Ob es den Kindern und Familien bewusst ist, dass sie hier möglicherweise einen Rechtsbruch offen zur Schau stellen, fragte ich mich in diesem Moment.
Kopien sind schnell gemacht, praktisch und günstig – aber auf wessen Kosten? Das Kopieren von Noten ist gängige Praxis. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Gewohnheit („Machen doch alle!“), aus Zeitdruck, dem Wunsch nach finanzieller Entlastung der Familien („Ich möchte mit den Eltern meiner Schüler nicht über die Anschaffung von Noten debattieren!“) oder aus Unsicherheit über die rechtliche Lage („Ich habe doch ein Originalheft – dann ist es wohl erlaubt, mir eine Sicherheitskopie zu machen!“). Häufig wird angenommen, dass bestehende Verträge, etwa mit der VG Musikedition, das Kopieren von Noten pauschal erlauben. Tatsächlich sind diese Regelungen komplex und gelten nur für begrenzte Fälle.1
Was bei einer Kopie leicht aus dem Blick gerät, ist das geistige Eigentum: Hinter jeder Notenausgabe stehen Menschen, deren Arbeit es ist, professionell zu komponieren, zu arrangieren und Werke über Monate hinweg zu entwickeln, bis daraus eine hochwertige und praxistaugliche Ausgabe entsteht. Und dieses geistige Eigentum wird mit einer nicht lizensierten Kopie geraubt.
Aber auch die Arbeit der Verlage haben viele von uns nicht im Blick: Ein Lektorat unterstützt redaktionell, prüft, hilft, gestaltet und gibt wertvolle Denkanstöße, kümmert sich um ein gutes Layout. Noten entstehen nicht nebenbei: Sie sind das Ergebnis eines langwierigen Arbeitsprozesses – eine Verbindung von Kunst und Handwerk. Das wird jeder von uns bestätigen können, der bereits einmal selbst ein kleines Arrangement geschrieben oder für seine SchülerInnen eine kleine Ausgabe konzipiert hat. Es steckt viel Arbeit drin!
Wie notwendig es ist, das Bewusstsein hierfür zu schärfen, erlebte ich an einem Adventssonntag 2025. Frühmorgens saß ich am Klavier, um an einer neuen Notenausgabe zu arbeiten. Als mein jüngster Sohn mich fragte, warum ich nicht wenigstens am Wochenende damit aufhören könnte, hatte ich keine einfache Antwort. Nur diese: Weil sich diese Arbeit finanziell häufig nur dann realisieren lässt, wenn sie in Randzeiten stattfindet. Weil ich einen Brotjob brauche, um mir das Herausgeben von Notenausgaben leisten zu können. Denn obwohl aus diesen Ausgaben vielerorts gespielt wird, bleibt das Veröffentlichen von Noten für viele von uns wirtschaftlich prekär. Raubkopien von Noten tragen dazu bei – meist unbeabsichtigt, aber spürbar.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Kopien ausgehend von den Impulsen aus den Diskussionen rund um den Vortrag hat meine Haltung geschärft: Niemand von uns möchte andere berauben oder geistiges Eigentum bewusst verletzen. Doch unsere Verantwortung beginnt schon in unserem Alltag – und zwar hier vor Ort! In unseren Musikschulen können und müssen wir Familien dafür sensibilisieren, dass das Spielen aus kopierten Noten in vielen Fällen einen Urheberrechtsverstoß darstellen kann2 – auch wenn dies häufig immer noch als Kavaliersdelikt wahrgenommen wird. Aber so wie das Wort Kavaliersdelikt wie aus der Zeit gefallen wirkt, sollte es auch eines Tages das Kopieren von Noten sein. Wenn sich Wertschätzung einer Arbeitsleistung nicht nur auf den Fairtrade-Kaffee und die Banane aus dem Supermarkt beschränken sollen, müssen wir bei uns selbst anfangen – in unserem Unterrichtsraum, auf dem eigenen Notenständer!
1 Im Mustervertrag der VG Musikedition ist von bis zu 20% des gesamten Werks und/oder der gesamten Ausgabe die Rede. Die Spieldauer des kopierten Werks muss bei unter fünf Minuten liegen. https://vg-musikedition.de/uploads/ f_mu_2_vertrag_f7e0918fcf.pdf (Stand: 15.12.2025).
2 Eine gute Übersicht über Ausnahmen, beispielsweise Kopierlizenzen oder gemeinfreie Werke, findet man in: Bauchrowitz, Frank: Recht so! Juristische Tipps für Ihren Unterricht, Mainz 2025.
Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 2/2026.

