Staemmler, Hansjacob / Martin Nachbar
Acting out Music
Was wir spielen, warum und wie
Was geschieht, wenn Techniken aus Schauspiel und Bewegung in die künstlerischen Prozesse von Kammermusikensembles integriert werden? Das Projekt „Acting out Music – was wir spielen, warum und wie“ an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main kommt zu interessanten Ergebnissen.
Das Bestreben klassischer MusikerInnen ist es, das Potenzial einer Partitur voll zu entfalten. „Acting out Music“ – übersetzbar mit: Musik ausleben, Musik ausagieren – ist eine innovative Proben- und Arbeitsmethode für MusikerInnen, die den interpretatorischen Prozess bereichert und das Ensemblespiel belebt. Musikalische Gesten, im Probenprozess entwickelte Bilder und Narrative werden zunächst ohne Instrument gefunden und ausagiert. Diese physische Verkörperung musikalischer Elemente ruft ein Erleben hervor, das der Spieler oder die Spielerin anschließend am Instrument wieder hervorruft und das direkte Auswirkungen auf Ausdruckswillen, Ausdrucksvermögen und Ensemblespiel hat.
Ausgangspunkt des Ansatzes ist die Verwandtschaft der künstlerischen Aufgabenstellungen von SchauspielerInnen und Musizierenden. Beide beschäftigen sich mit der Interpretation von Texten, beide arbeiten oft im Kollektiv und müssen im Ensemblespiel besondere Fähigkeiten entwickeln. So wie SchauspielerInnen den Text, so finden Musizierende die Partitur als eine Aktionsanweisung vor, die nicht alle Hinweise enthält, die für die Aufführung notwendig sind. Oft sind die Handlungsanweisungen einer Partitur unvollständig: So werden z. B. Hinweise zur Charakterisierung eines Themas oder Motivs häufig eher vage formuliert. Eine individuell-kreative Konkretisierung ist Aufgabe der InterpretInnen.
Körperlich erleben statt nur darüber reden
Dieser Konkretisierung nähern sich Schauspiel und Musik auf unterschiedlichen Wegen an. Im Entwicklungsprozess von „Acting out Music“ erwies sich zunächst der Blick von außen auf die künstlerischen Prozesse von MusikerInnen als aufschlussreich. Was für diese selbstverständlich scheint, wurde von den beteiligten Schauspiellehrenden als überraschend erlebt: wie sehr sich Musizierende in Proben durch narrative und tänzerisch anmutende Bilder über die zu spielenden Motive verständigen.
Beobachtet wurde jedoch auch, dass dieser Diskurs oft im Darüber-Sprechen hängen bleibt. Die klanglich-gestische Umsetzung am Instrument wird als direkte Übersetzung durch die einzelnen Musizierenden vorausgesetzt. Einer nicht gelingenden Umsetzung wird meist durch weitere Bilder oder durch musikalisch-technische Hinweise begegnet. Orientierung findet quasi immer direkt an den Merkmalen der Partitur statt, die am Instrument möglichst geradlinig angesteuert werden sollen. Doch ist Orientierung eher eine propriozeptive und ungefähre Annäherung an den direkten Weg und häufig kommt es, gerade in unbekanntem Terrain, zu Umwegen.
„Acting out Music“ bietet eine Rahmensetzung für solche Umwege in der Erarbeitung eines Musikstücks. Die Musizierenden verlassen ihr Instrument für einige Momente und setzen ihre Bilder in der freien sprachlichen Artikulation persönlicher Assoziationen sowie in körperlich-tänzerischen Bewegungen und raumgreifenden szenischen Improvisationen um. Sie nehmen quasi einen Umweg, um sich, zurück am Instrument, besser mit der Partitur in Beziehung setzen und sich in bzw. mit ihr orientieren zu können.
Konkret wurde mit drei Methoden experimentiert: mit der Technik SourceTuning nach Jens Roth, mit tänzerisch-gestischen Umsetzungen von musikalischen Gesten zur Entwicklung psychologischer Gesten nach Michail Čechov und mit szenischer Improvisation aus den schauspielerischen Grundlagen. Im Folgenden werden wir jede Methode kurz erläutern und einen prägnanten Moment aus der praktischen Arbeit beschreiben.
SourceTuning
SourceTuning zielt darauf ab, ein intuitives Spiel auf Basis einer sensibilisierten Körperwahrnehmung zu entwickeln. Die Rollenfigur wird durch eine genau definierte Befragung aufgebaut, die einem einfachen Schema folgend komplexe Ergebnisse hervorbringt. Die Antworten werden nicht „ausgedacht“, sondern im Körper gefunden. Das Ergebnis ist ein schöpferisches Spiel – oft überraschend vielschichtig.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 2/2026.


