von Gehren, Anna / Immanuel de Gilde
Alles improvisiert?
Ensemble-Improvisation mit dem Stegreif Orchester
Juristische Herausforderungen, Arbeit mit digitalen Elementen oder besondere Anforderungen im Umgang mit hibbeligen und abgelenkten Schülerinnen und Schülern: Die Reihe „üben & musizieren spezial“ widmet sich im kompakten Umfang jeweils einer bestimmten Problemzone des Instrumental- und Vokalunterrichts.
Die AutorInnen der aktuellen Ausgabe Alles improvisiert? kommen wie gewohnt aus der Praxis. Anna von Gehren und Immanuel de Gilde begleiten die Improvisationsarbeit des Stegreif Orchesters als MusikvermittlerInnen und ProjektleiterInnen. Das Stegreif Orchester wurde 2015 gegründet, es bezeichnet sich selbst als „the improvising symphony orchestra“. In jährlich mindestens einer Neuproduktion zeigt das Stegreif Orchester neue Wege für zeitgenössische Orchestermusik. Rekomposition sinfonischer Musik in der Kombination mit Improvisation, originelle Raumkonzepte und Einflüsse diverser musikalischer Genres: So erobern die MusikerInnen von Stegreif seit zehn Jahren die Konzertsäle mit unterschiedlichen Zielgruppen und stetig wachsendem Publikum.
Dieses Heft präsentiert nun ein Best-of der musikpädagogischen und künstlerischen Methoden der Stegreif-MusikerInnen, die sie mittlerweile an Nachwuchs- und Jugendorchester aller Erfahrungsstufen weitergeben. Die präsentierten Ansätze zum improvisierenden Spiel sind elementar: Aufwärmübungen, Kommunikations- und Kreisspiele, Arbeit mit kurzen Melodie- und Harmoniepatterns, Rhythmus- und Grooveübungen sowie Hinweise zum Solospiel über einen Bordunklang – ergänzt durch Erfahrungsberichte, Tipps und Tricks.
Es gibts bereits viele Veröffentlichungen, die das Thema Improvisation aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten: einerseits musiktheoretische Texte und Überblicksarbeiten, auf der anderen Seite praktische, oft skalenbasierte Anleitungen für Pop, Rock und Jazz. Nichts, was Alles improvisiert? vorstellt, ist neu. Aber die interessante und ihrerseits locker improvisiert wirkende Zusammenstellung des Materials eignet sich gut für die Ersterfahrung von und mit Improvisation.
Besonders klassisch sozialisierte MusikerInnen sind oft ratlos, wenn ihnen die schriftliche Vorlage fehlt. Sie können nach diesem Konzept stressfrei und entspannt ihre ersten improvisatorischen Schritte machen. Ein lernendes Ensemble aus Schule oder Musikschule kann sich langsam einspielen, viele gemeinsame Erfahrungen machen und Spaß haben.
An ihre Grenzen stoßen die Materialien des Hefts bei der freien Improvisation. Hier spürt man eine gewisse Ratlosigkeit der AutorInnen. Das Unheimliche der grenzenlosen Freiheit versuchen sie durch Absprachen über Schlussvarianten o. Ä. zu lenken und einzuschränken. Nur Mut, möchte man ihnen zurufen: Mut zum Kontrollverlust. Es lockt ein großer Gewinn!
Stephan Froleyks


