Andersen, Joachim

Au bord de la mer op. 9

für Flöte und Klavier

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Zimmermann, Mainz 2025
erschienen in: üben & musizieren 2/2026 , Seite 63

„Morceau de Salon“: Den Begriff „Salonmusik“ kennen viele als abwertend gemeinten Sammelbegriff für vermeintlich minderwertige Kompositionen. Nun war freilich z. B. Frederic Chopin ein gefragter Salonpianist, und es darf wohl angenommen werden, dass heutzutage über dessen Meisterschaft Konsens herrscht, auch wenn zu Lebzeiten des Künstlers über die Kühnheit manch einer harmonischen Wendung in seinen Klavierwerken zumindest Erstaunen artikuliert wurde.
Auch Joachim Andersen wird nichts Abwertendes im Sinn gehabt haben bei der Spezifikation von Au bord de la mer als „Morceau de Salon“. Zudem ist der dedizierte Aufführungsrahmen Salonmusik für dieses kühne, dramatische Bravourstück definitiv zu klein gewählt!
FlötistInnen kennen Andersen wohl vor allem als Komponisten von 188 Etüden, die oft den Etüdenrahmen sprengen und uns als Konzertstücke durchaus vertraut sind. Kennen wir durch viele dieser Kompositionen den Einfallsreichtum und die kompositorische Meisterschaft Andersens, so sprengt sein op. 9 doch das Vertraute: Im Klavier wogt es dunkel und geheimnisvoll, der Hörer wähnt sich sogleich atmosphärisch in einsamer Mondesstimmung am malerischen Felsenstrand in Erwartung wunderbarer Ereignisse – Sternenfunkeln, dramatisches Wellenspiel, feinstes Ausbalancieren der Klänge im Klavierpart.
Dann der Beethoven-op.111-Sext­akzent, der wieder an die Abgründe des Meeres erinnert. Über der neuerlichen Wellenbewegung alsbald ein scheinbar ruhig dahingleitender Gedanke, welcher der Flöte in tiefer Lage Klang- und Gestaltungsreichtum abverlangt, nicht zu forciert und doch fließend (Andante con moto). In sich immer weiter aufschwingenden, nach und nach ornamental aufgefüllten Klangatmungen entwickelt sich ein facettenreiches Miteinander im wild schaukelnden Wellengang der musikalisch aufschäumenden See (piu mosso).
Harmonisch gewagt, stark chromatisch durchfärbt, wird die Flötistin oder der Flötist im Spiel mit den starken Klangfarbenkontrasten ein gutes Ohrenmerk auf die Intonation haben müssen, wird sich rhythmisch im Zwei-gegen-drei-Spiel mit dem Klavier auf eine Linie einigen müssen, um dann im piu mosso (ab T. 58) ebenfalls in das nun glitzernde Spiel der triolisch geführten Wellen einzustimmen, bis die ahnungsvolle Ruhe in Anlehnung an den ersten Teil zu einem allmählichen Ausrollen der Wellen führt.
Eine Konzertfantasie, die vom ersten Klang an fasziniert, gewidmet dem Dresdner Flötisten Moritz Fürstenau, mehrfach in Konzerten gespielt von Paul Taffanel. Der großzügige, sehr schöne Druck lässt die Komposition „harmloser“ erscheinen, als sie ist.
Christina Humenberger

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