Marc Fischer

Busch, Barbara

„Das Akkordeon kann einfach vieles“

Ein Blick auf die Akkordeonszene – Gespräch mit Marc Fischer

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2026 , Seite 10

Quetschkommode, Schifferklavier oder Polkakompressor: Rund um das Akkordeon kursieren viele Bezeichnungen. Doch das Klischee täuscht: Längst ist das Akkordeon salonfähig. Eine lebendige, facettenreiche Szene hat sich ent­wickelt und überrascht mit musikalischer Vielfalt und zahlreichen Initiativen.

Image und Wahrnehmung

Das Akkordeon gilt vielen noch als Nischeninstrument. Woher rührt dieses hartnäckige Image?
Vor gut 200 Jahren wurde das Akkordeon in Österreich von Cyrill Demian erfunden und entwickelte sich zu den Instrumenten weiter, die wir heute sehen und hören können.1 Damals galt es als nicht salonfähig und wurde eher vom Kleinbürgertum und musikalischen Laien gespielt und gelernt.2 Das Akkordeon ist einfach zu transportieren. Durch seine Funktionsweise kann man Melodien einfach und wirkungsvoll begleiten. Deswegen hat es früh Einzug in die Volksmusik gefunden und wenn man heute den Fernseher einschaltet und eine Volksmusiktruppe sieht – sei es im Norden Deutschlands oder in der Alpenregion –, ist in der Regel ein Akkordeon oder ein Harmonika­instrument dabei. Auch beim Gang durch die Fußgängerzone sieht man häufig Straßenmusikerinnen und -musiker mit einem Akkordeon. Das könnte für mich ein Grund sein, warum viele Menschen das Akkordeon als Nischeninstrument und eher volkstüm­liches Instrument wahrnehmen. Ja, das Akkordeon ist ein Nischeninstrument, aber es ist in vielen Genres zu finden: Volksmusik, Tango, Musette, Neue Musik, Weltmusik, Klezmer, Pop, Countrymusik.

Beobachtest du aus fachlicher Sicht derzeit einen Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung des Akkordeons?
Definitiv ja. Das Akkordeon ist im Konzertsaal angekommen und hat sich einen Platz im klassischen Konzertgeschehen gesichert, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Vor allem in der Neuen Musik gehört das Akkordeon zum festen Instrumentarium neuer Kompositionen. Viele Komponistinnen und Komponisten schreiben gerne für das Akkordeon, weil sie die Klangmöglichkeiten des Instruments faszinieren und diese in ihren Stücken nutzen wollen. Künstlerinnen und Künstler wie Martynas Levickis und Ksenjia Sidorova tragen dazu bei, die Wahrnehmung des Akkordeons zu verändern. Levickis war 2025 Fokus-Künstler beim Rheingau Musik Festival mit allein acht Konzerten in verschiedenen Formationen als Solist, mit Iveta Apkalna an der Orgel, kammermusikalisch mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und mit seinem eigenen Ensemble. Ich glaube, dass vor 20 Jahren noch nicht daran zu denken gewesen wäre, dass ein Akkordeonist mal Fokus-Künstler eines solch großen Festivals wird. Auch Sidorova spielt mit den großen Orchestern und präsentiert das Akkordeon auf moderne Art und Weise. Natürlich spielen auch die sozialen Netzwerke eine große Rolle. Durch ein geschicktes Marketing erreichen die beiden viele Userinnen und User und viele werden auf das Instrument aufmerksam, die vorher nicht damit in Berührung gekommen wären. Das können wir für das Image nutzen.

Instrument des Jahres 2026

Welche Bedeutung hat die Ernennung des Akkordeons zum Instrument des Jahres 2026 für Szene, Öffentlichkeit und Nachwuchs?
Durch die Ernennung zum Instrument des Jahres steigt die Berichterstattung. Das Akkordeon ist präsent in der Presse, im TV, im Radio und auf Social Media. Durch diesen Fokus erhöht sich natürlich auch die Reichweite. Besondere Konzertprojekte können unter der Überschrift „Instrument des Jahres“ stattfinden. Es ist sogar ein Pixi-Buch geplant, das das Akkordeon bewerben soll. Musikschulen können die Überschrift ebenfalls nutzen und das Akkordeon intensiver bewerben, um Schülerinnen und Schüler dafür zu begeistern.
Eine Besonderheit ist auch, dass die Landesmusikräte Botschafterinnen und Botschafter für das Instrument des Jahres ernennen kön­nen. Auch hier ist die Auswahl so vielfältig wie das Akkordeon selbst. In Hessen z. B. sind gleich zwei Orchester zu Botschaftern ernannt worden. Einmal das Sinfonische Akkordeon-Orchester Hessen. Dabei handelt es sich um ein Auswahlorchester, das auf höchstem Niveau klassische Bearbeitungen präsentiert. Zudem die Landes-Akkordeon-Bigband Hessen „A-Train“, die jetzt seit über 25 Jahren Jazz, Swing, Rock- und Popmusik spielt. In Baden-Württemberg ist der Solokünstler Matthias Matzke Botschafter, 36-­facher Preisträger, Konzertakkordeonist und Pädagoge.3 In Thüringen und Berlin ist Clau­dia Buder Botschafterin, sie ist Professorin für Akkordeon an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar.4
Die Ernennung zum Instrument des Jahres ist aber kein Selbstläufer. Jetzt gilt es für die Akkordeonszene, für Orchester und Künstlerinnen und Künstler, das Jahr 2026 mit Leben zu füllen.

Repertoireentwicklung

Das Akkordeon ist in Klassik, Jazz, Pop, Rock, Welt- und Volksmusik präsent. Was macht diese außergewöhnliche stilistische Offenheit möglich? Was macht das Instrument so geeignet für genreübergreifende Projekte?
Weil das Akkordeon einfach vieles kann. Das Akkordeon hat als recht junges Instrument keinen großen Fundus an Repertoire, wie es andere Instrumente haben. Wir haben einfach keinen Beethoven wie für das Klavier und keinen Bach wie die Streicher, Sänger oder Bläser. Das Akkordeon ist aber anpassungsfähig, und da hilft uns natürlich die Bauweise des Instruments. Mit der Diskantseite lassen sich Melodien spielen, mit der Standardbassseite können diese Melodien einfach begleitet werden. Deswegen wurde es auch für die Volksmusik entwickelt, damit man mit einem tragbaren Instrument mobil an jedem Ort spielen kann, ohne dass ein Klavier benötigt wird.
Klassik und Barockmusik können wir für das Akkordeon adaptieren. Mit dem Melodiebass kann man auch auf der Bassseite tonhöhengenau und somit Melodien spielen. Das versetzt die Akkordeonistinnen und Akkordeonisten in die Möglichkeit, polyfone Musik zu spielen. Bach, Rameau und Scarlatti sind möglich für das Akkordeon und die Stücke können dadurch sogar an Farbigkeit gewinnen. Denn das Akkordeon ist das einzige Ins­trument, bei dem man jeden Ton zu jeder Zeit modellieren kann. Das macht es so spannend. Der Balg in der Mitte hat nahezu unendlich Luft, somit kann der Ton immer geformt werden. Ich bin mir sicher, wenn es zu Bachs Zeiten das Akkordeon bereits gegeben hätte, dann hätte auch er für das Akkordeon geschrieben.
Stücke der Romantik sind tatsächlich schwierig auf dem Akkordeon umzusetzen, dafür fehlt es dem Akkordeon an Hall und Resonanz wie es beim Klavier der Fall ist. Durch die Bassmechanik im Standardbass erklingt beim Betätigen eines Knopfs ein Grundbass, also ein einzelner Ton oder ein ganzer Akkord (Dur, Moll, Septim oder vermindert). Durch Kombination mehrerer Knöpfe kann man z. B. auch Major-Septakkorde spielen. Dadurch öffnet sich die Welt der Jazzmusik. Im Pop und Rock ist das Akkordeon ebenfalls zuhause, es bringt durch seinen besonderen Klang (der manchmal etwas nasal sein kann) eine weitere Farbe in die Musik.
Nicht zu vergessen sind zeitgenössische Ori­ginalwerke für das Akkordeon. Viele Kompo­nisten aus den 1930er und 1940er Jahren, die eng mit der Akkordeonproduktion der Firma Hohner in Trossingen verbunden waren, komponierten eher angelehnt an einen neobarocken und neoklassischen Stil.5 Doch erst mit Komponistinnen und Komponisten wie Sofia Gubaidulina oder Toshio Hosokawa öffnete sich ein ungeahnter Horizont für die Möglichkeiten des Akkordeons in der Neuen Musik. Seitdem ist das Instrument eine feste Größe in der zeitgenössischen Musik.

1 Richter, Gotthard: Akkordeon. Handbuch für Musiker und Instrumentenbauer, Wilhelmshaven 1990, S. 21 f.
2 Wagner, Christoph: Das Akkordeon oder die Erfindung der populären Musik. Eine Kulturgeschichte, Mainz 2001, S. 7 ff.
3 https://accordio.de/akkordeon-instrument-des-jahres-2026 (Stand: 1.7.2026).
4
https://www.landesmusikrat-berlin.de/amateurmusik/ instrument-des-jahres (Stand: 1.7.2026).
5 Wagner, S. 65 f.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 5/2026.

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