Wolters, Burkhard

12 Kon­zer­te­tü­den op. 41

für Gitarre

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2014
erschienen in: üben & musizieren 4/2014 , Seite 55

Burk­hard Wol­ters ist ein vir­tuo­ser akus­ti­scher Cross­over-Gitar­rist zwi­schen Klas­sik und Popu­lar Gui­tar Styles. Auch sei­ne zwölf Kon­zer­te­tü­den sind kei­ne leich­te Kost. Für tech­nisch nicht aus­ge­las­te­te Gitar­ris­tIn­nen, die Vil­la-Lobos-Etü­den jeden Mor­gen vor dem Früh­stück spie­len, fin­det sich hier ein reich­hal­ti­ges Betä­ti­gungs­feld. Da rau­schen die Arpeg­gi­en, wird auf zwei Sai­ten getril­lert, wer­den künst­li­che Fla­geo­letts mit Drei­klang­sbre­chun­gen und Ton­lei­tern mit Bin­dun­gen kom­bi­niert, ver­wan­deln sich Melo­dien in Tre­mo­li. Das ist sehr wir­kungs­voll und auch die Abfol­ge der zwölf Stü­cke ist durch­aus abwechslungsreich.
Aber neu ist das alles nicht. Wie inno­va­tiv sind dage­gen z. B. die nur weni­ge Jah­re vor­her ent­stan­de­nen Etü­den des etwa gleich­alt­ri­gen Il-Ryun Chung, der neue Spiel­tech­ni­ken für Gitar­re ent­wi­ckelt hat bzw. meh­re­re zu einer neu­en Klang­far­be kom­bi­niert: das Spiel auf bei­den Sei­ten der Sai­te, Kom­bi­na­tio­nen von Spiel- und Klopf­tech­nik, wobei sich die Spiel­hand über dem Steg befin­det, um auch rechts davon auf die Decke zu klop­fen, oder ein abwech­seln­der Auf- und Abschlag mit nur einem oder auch mit zwei Fin­gern, die zu einem Block geformt werden.
Auch musi­ka­lisch kann Wol­ters nicht über­zeu­gen. Sei­ne Musik­spra­che ist tra­di­tio­nell. Zudem schränkt er sich selbst ein, indem er kom­po­si­to­ri­sche Struk­tu­ren stark an den alt­be­kann­ten idio­ma­ti­schen Mög­lich­kei­ten sei­nes Instru­ments ori­en­tiert. Das Gut-in-der-Hand-Lie­gen bestimmt die Stü­cke und bevor­zugt den spiel­tech­ni­schen Aspekt vor dem musi­ka­li­schen: Bin­dun­gen abwärts füh­ren immer wie­der auf lee­re Sai­ten, Drei­klang­sbre­chun­gen wer­den um lee­re Sai­ten her­um gelegt. Sei­ne Etü­de Nr. 2 mit ihren Arpeg­gi­en klingt wie eine Impro­vi­sa­ti­on auf der Grund­la­ge von Leo Brou­wers Etü­de Nr. 6, nur erreicht sie nicht des­sen Stringenz.
Wer ver­track­te Drei­klang­sbre­chun­gen à la Car­le­va­ro geübt hat, kann mit Wol­ters Etü­de Nr. 11 wei­ter­ma­chen. Für eine Kon­zer­te­tü­de aber, die nicht nur die Spiel­fä­hig­keit stei­gern, son­dern auch vor Publi­kum prä­sen­tiert wer­den soll, ist die musi­ka­li­sche Sub­stanz arg dünn und die Aus­ar­bei­tung zu sche­ma­tisch. Die­sen Zyklus als „neu­en Mei­len­stein im Reper­toire der Kon­zert­gi­tar­re“ zu bezeich­nen, wie es der Her­aus­ge­ber Ger­hard Rei­chen­bach, der auch die Urauf­füh­rung 2012 spiel­te, im Vor­wort schreibt, wird den Wer­ken nicht gerecht. Die eine oder ande­re Etü­de kann ihren Weg in das Zuga­ben­re­per­toire von Gitar­ris­tIn­nen finden.
Das spiel­tech­ni­sche Niveau ist in der obe­ren Mit­tel­stu­fe anzu­sie­deln und reicht teil­wei­se bis in die Ober­stu­fe. Gera­de auf die­sem Level ist die Kon­kur­renz groß an Stü­cken, bei denen sich der spiel­tech­ni­sche Auf­wand und der musi­ka­li­sche Gehalt bes­ser die Waa­ge halten.
Jörg Jewanski