Gariboldi, Guiseppe

20 peti­tes Etu­des für Flö­te

hg. von Stefan Albrecht

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2009
erschienen in: üben & musizieren 4/2009 , Seite 61

Gari­bol­dis Etü­den, Kin­der des päd­ago­gisch ambi­tio­nier­ten 19. Jahr­hun­derts, erfül­len auch heu­te noch ihren Zweck. Dem Kom­po­nis­ten gelingt es (immer wie­der), sei­ne Ide­en so auf den Punkt bzw. auf eine Sei­te zu brin­gen, dass über­schau­ba­re Auf­ga­ben ent­ste­hen. Abwechs­lungs­rei­che the­ma­ti­sche Ein­fäl­le ver­bun­den mit sorg­fäl­tig dosier­tem tech­ni­schen und musi­ka­li­schen Anspruch: Nach die­sem Rezept schrieb er eine gan­ze Anzahl von Etü­den­hef­ten.
Die "20 peti­tes Etu­des" fol­gen von der Opus­zahl 132 her unmit­tel­bar den "Etu­des mignon­nes" nach, vom Ent­ste­hungs­da­tum her ist es mit 1877 und 1876 umge­kehrt. Sie sind etwas anspruchs­vol­ler als die­se, auch in der Ton­ar­ten­wahl (Dur bis vier Vor­zei­chen, Moll bis drei), schwie­ri­ge­re Griff­ver­bin­dun­gen in der drit­ten Okta­ve (bis a''') wer­den aber ver­mie­den. Dyna­mik, Arti­ku­la­ti­on und Phra­sie­rung im Sin­ne von Fle­xi­bi­li­tät bei der Aus­wahl von Atem­stel­len sind als musi­ka­li­sche Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten zu erar­bei­ten.
Der Her­aus­ge­ber folgt im Wesent­li­chen der von Jan Mer­ry 1952 bei Leduc betreu­ten Aus­ga­be, ver­kürzt aber die dort häu­fig zu fin­den­den roman­tisch-lan­gen Lega­to-Bögen zuguns­ten einer klein­glied­ri­gen Arti­ku­la­ti­on. So lässt sich man­ches, wie z. B. die E-Dur-Etü­de (Scher­zo), cha­rak­te­ris­ti­scher gestal­ten. Pas­send, dass eine 1866 in der Revue et Gazet­te musi­ca­le erschie­ne­ne Rezen­si­on gera­de die­se beson­de­re Fähig­keit Gari­bol­dis anspricht: „Er arti­ku­liert mit einer Sau­ber­keit, wovon er einen glän­zen­den Beweis in sei­ner Fan­ta­sie zu L’Africain gege­ben hat.“ Die­se Fan­ta­sie für Flö­te solo, damals übri­gens auch bei Schott erschie­nen, war eines der Para­de­stü­cke bei sei­nen Kon­zert­auf­trit­ten in Paris und ver­mut­lich auch bei den Kon­zert­rei­sen, die er in den 1850er und 60er Jah­ren absol­vier­te.
Gelobt wur­de Gari­bol­di nicht nur wegen der tech­ni­schen Beherr­schung sei­nes Instru­ments, son­dern mehr noch wegen sei­ner dem Gesang nach­emp­fun­de­nen ton­lichen Qua­li­tä­ten und sei­ner Into­na­ti­ons­si­cher­heit, wegen sei­nes geschmack­vol­len Spiels voll Schwung und Charme. Die­se Eigen­schaf­ten – ein Rezen­sent nennt es tref­fend die „poe­ti­sche Sei­te sei­nes Talents“ – zeich­nen auch sei­ne Etü­den aus, zumin­dest die musi­ka­lisch kon­zi­pier­ten; denn um für alle Ansprü­che einer sys­te­ma­ti­schen flö­tis­ti­schen Aus­bil­dung Mate­ri­al zu bie­ten, schrieb Gari­bol­di auch rein tech­nisch ori­en­tier­te Stu­di­en.
Was das Urteil der Nach­welt betrifft, so wur­de dem Kom­po­nis­ten Gari­bol­di die gro­ße Zahl der von ihm ver­fer­tig­ten Ein­rich­tun­gen von popu­lä­ren Musik­stü­cken zum Ver­häng­nis. Sei­ne Etü­den sind aber mehr als nur Doku­men­te einer alt­mo­di­schen Art Flö­te spie­len zu ler­nen, und in die­ser bis auf ein paar klei­ne Druck­feh­ler vor­bild­li­chen Aus­ga­be, die dar­über hin­aus viel­fäl­ti­ge Arbeits­hil­fen und -anre­gun­gen gibt, wer­den sie hof­fent­lich viel Anklang fin­den.
Ursu­la Pesek