Sischka, Christoph / Manfred Nusseck / Claudia Spahn

Ana­lo­ge Digi­ta­li­sie­rung

Zum praktischen Einsatz des Disklaviers in der klavierpädagogischen Ausbildung

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 3/2018 , musikschule )) DIREKT, Seite 06

Das Disklavier findet zunehmend Einzug in die Klavierpädagogik und großen Anklang bei jugendlichen KlavierschülerInnen: ein positives Beispiel für die ge­lungene Kombination von „analog“ und „digital“ im Zeitalter der Digitalisierung.

Das Diskla­vier – eine Wort­schöp­fung der Fir­ma Yama­ha, die vor ca. 30 Jah­ren aus „Flop­py-Disk“ und „Kla­vier“ ent­stand – ent­spricht einem akus­ti­schen Kla­vier bzw. Flü­gel mit her­kömm­li­cher Anschlags­me­cha­nik. Die mecha­ni­schen Vor­gän­ge des Anschlags wer­den mit­tels Licht­schran­ken abge­tas­tet. So kön­nen die Bewe­gun­gen aller 88 Tas­ten und Kla­vier­häm­mer äußerst prä­zi­se gemes­sen und auf­ge­zeich­net wer­den. Da kein Kon­takt zwi­schen den Abtast­sen­so­ren und der Anschlags­me­cha­nik besteht, wird das Kla­vier­spiel nicht beein­flusst. Die Daten wer­den in ein digi­ta­les For­mat (acht­fach genau­er als nor­ma­le MIDI-Daten) umge­wan­delt und kön­nen mit Hil­fe ent­spre­chen­der Soft­ware visua­lisiert und wei­ter­ver­ar­bei­tet wer­den. Umge­kehrt kann die Anschlags­me­cha­nik elekt­romagnetisch ange­steu­ert wer­den. So kann man digi­ta­le Daten akus­tisch wie­der­ge­ben und auf­ge­zeich­ne­te oder digi­tal kom­po­nier­te Stü­cke abspie­len. Das Diskla­vier ist somit in der Lage, die Spiel­erfah­rung an einem akus­ti­schen Kla­vier mit der Informa­tionsverarbeitung eines digi­ta­len Medi­ums zu ver­bin­den.

Ein­satz­mög­lich­kei­ten des Diskla­viers

Das Diskla­vier bie­tet viel­fäl­ti­ge Ein­satz­mög­lich­kei­ten sowohl in der Kla­vier­päd­ago­gik als auch in der ange­wand­ten Forschung.1 Die Ver­wen­dung die­ses Instru­ments erfuhr in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine star­ke Ver­brei­tung und fin­det zuneh­mend Ein­gang in die päd­ago­gi­sche Pra­xis und For­schung. In der Kla­vier­di­dak­tik zeig­te der Ein­satz des Diskla­viers durch Visua­li­sie­rung des eige­nen Spiels im Sin­ne eines Feed­backs posi­ti­ve Wirkungen.2 So konn­ten z. B. Ton­hal­te­über­lap­pun­gen zwi­schen den Fin­gern bei bestimm­ten Läu­fen ver­deut­licht wer­den.

Das Diskla­vier beim Vom-Blatt-Lese-Trai­ning

An der Hoch­schu­le für Musik Frei­burg beschäf­tigt sich Chris­toph Sisch­ka schon seit den Anfän­gen die­ses Instru­ments mit der kla­vier­päd­ago­gi­schen Anwen­dung und tech­nischen Wei­ter­ent­wick­lung des Yama­ha-Diskla­viers. Beim Bun­des­wett­be­werb „Jugend musi­ziert“ 2014 in Braun­schweig setz­te er das Diskla­vier in einem Work­shop mit jugend­li­chen Pia­nis­tIn­nen beim Vom-Blatt-Lese-Trai­ning ein. Zusam­men mit Man­fred Nuss­eck und Clau­dia Spahn vom Frei­bur­ger Insti­tut für Musi­ker­me­di­zin an der Hoch­schu­le für Musik Frei­burg wur­den die­se Anwen­dun­gen wei­ter­ent­wi­ckelt. So konn­te beim Bun­des­wett­be­werb „Jugend musi­ziert“ 2017 in Pader­born in einem Work­shop mit Chris­toph Sisch­ka das Diskla­vier erneut mit päd­ago­gi­schem Gewinn genutzt wer­den.
Für die Work­shops haben wir leich­te vier­hän­di­ge Stü­cke aus­ge­sucht, die vom Blatt gespielt und direkt vom Diskla­vier auf­ge­nom­men wur­den. Es han­del­te sich um die Stü­cke „Der Nach­bar“ und „Tril­la­la“ aus Kla-vier-hän­dig von Hans-Jür­gen Neu­ring (Noe­tzel Edi­ti­on, Wil­helms­ha­ven 1997). Die Secon­do­st­im­me wur­de dabei immer vom Kla­vier­päd­ago­gen gespielt. Die Daten des Diskla­viers wur­den in ein selbst­ent­wi­ckel­tes Aus­wer­tungs­pro­gramm ein­ge­le­sen (sie­he Abbil­dung).

Mit die­sem Pro­gramm konn­ten wir die Feh­ler­quo­te sowie die durch­schnitt­li­che Anschlags­dy­na­mik und Ton­hal­te­dau­er für ver­schie­de­ne Abschnit­te bestim­men. Die Aus­wer­tun­gen wur­den den Schü­le­rIn­nen gezeigt und mit ihnen gemein­sam bespro­chen.

Posi­ti­ver Anklang bei den Schü­le­rin­nen und Schü­lern

Das Feed­back anhand der Visua­li­sie­rung der vom Diskla­vier auf­ge­nom­me­nen Daten traf auf hohes Inter­es­se bei den Schü­le­rin­nen und Schü­lern. Sie begrüß­ten es, auf die­se Wei­se eine direk­te Hil­fe­stel­lung und eine objek­ti­ve Rück­mel­dung zu ihrem Spiel zu erhal­ten. Das Diskla­vier konn­te dabei das indi­vi­du­el­le Spiel­ver­hal­ten unmit­tel­bar auf­zei­gen. So zeig­te sich bei­spiels­wei­se bei „Der Nach­bar“ (sie­he Abbil­dung), dass sich vie­le Schü­le­rIn­nen – obwohl es aus­schließ­lich auf dem ein­ge­stri­che­nen c zu spie­len ist – schwer taten, dem musi­ka­li­schen Ver­lauf auf Anhieb zu fol­gen. Dies konn­te das Aus­wer­tungs­pro­gramm auf ein­fa­che Wei­se und objek­tiv ver­deut­li­chen.
An unse­rem Bei­spiel ist erkenn­bar, dass der Spie­ler alle Töne rich­tig gespielt hat­te. Mit Hil­fe der dif­fe­ren­zier­ten Aus­wer­tung konn­te aller­dings zusätz­lich gezeigt wer­den, dass er die Ten­denz hat­te, die Töne deut­lich zu kurz aus­zu­hal­ten. Die Vier­tel­no­ten wur­den im Durch­schnitt nur halb so lan­ge gedrückt gehal­ten wie die­je­ni­gen in der Secon­do­st­im­me. Dage­gen wur­den die gan­zen Noten am Ende der Phra­sen ent­spre­chend lang gespielt. Die Anschlags­dy­na­mik war bei allen Tönen nahe­zu gleich. Bei der Treff­ge­nau­ig­keit zeig­te sich, dass der Spie­ler auf der Zähl­zeit 4 – trotz Ori­en­tie­rungs­mög­lich­keit an der Secon­do­st­im­me – durch­schnitt­lich 30 Mil­li­se­kun­den zu früh spiel­te. Die Ein­be­zie­hung die­ser digi­tal-media­len Tech­nik brach­te nicht nur einen objek­ti­ven Erkennt­nis­ge­winn und hohe Zufrie­den­heit, son­dern zeig­te im Rah­men des Work­shops auch deut­li­che Lern­zu­wäch­se bei den Schü­le­rin­nen und Schü­lern.
Der Wunsch nach Hil­fe­stel­lun­gen beim Vom-Blatt-Spiel ist sowohl bei Schü­le­rIn­nen als auch bei Lehr­kräf­ten sehr groß. Das Diskla­vier kann dabei ana­ly­tisch ein­ge­setzt wer­den und ver­mit­telt als Feed­back genaue­re Ansatz­punk­te für das indi­vi­du­el­le Spiel. Für die kla­vier­päd­ago­gi­sche Lehr­kraft eröff­net es das schnel­le Erken­nen wie­der­keh­ren­der Pro­ble­me und bie­tet zusätz­lich einen Zugang, Schü­le­rin­nen und Schü­lern sys­te­ma­ti­sche Pro­ble­me visu­ell zu ver­mit­teln. Auf die­se Wei­se ermög­licht das Diskla­vier im Gegen­satz zu gän­gi­gen digi­ta­len Noten­lern­pro­gram­men oder Apps eine Dar­stel­lung des direk­ten Spiel­ver­hal­tens am Instru­ment und bie­tet in der Ver­knüp­fung mit der Instru­ment­al­lehr­kraft eine didak­tisch-metho­di­sche Unter­stüt­zung.

Aus­blick

Die Erfah­run­gen zei­gen viel­ver­spre­chen­de Mög­lich­kei­ten für den prak­ti­schen Ein­satz des Diskla­viers in der kla­vier­päd­ago­gi­schen Aus­bil­dung. Des­sen dif­fe­ren­zier­te Anwen­dung setzt bis­her aller­dings ein umfang­rei­ches tech­ni­sches Know-how in der Daten­ana­ly­se und -aus­wer­tung vor­aus. Wei­te­re For­schung zum Ein­satz des Diskla­viers bei­spiels­wei­se in der Didak­tik des Vom-Blatt-Spiels ist an der Hoch­schu­le für Musik Frei­burg bereits geplant. In Zusammen­arbeit mit der Kla­vier­di­dak­tik und -metho­dik kön­nen Ansät­ze zur indi­vi­du­el­len Her­an­ge­hens­wei­se in der päd­ago­gi­schen Pra­xis for­mu­liert wer­den, wel­che wiede­rum als Grund­la­ge für neue kla­vier­di­dak­ti­sche Unter­richts­wer­ke die­nen kön­nen.
Gera­de für pro­fes­sio­nel­le Pia­nis­tin­nen und Pia­nis­ten kön­nen mit­hil­fe des Diskla­viers dar­über hin­aus wich­ti­ge Fra­gen der Übe­strategien bei spe­zi­fi­schen pia­nis­ti­schen Pro­ble­men unter­sucht wer­den. Für das neue Frei­bur­ger For­schungs- und Lehrzent­rum Musik an der Hoch­schu­le für Musik Frei­burg lie­gen hier man­nig­fal­ti­ge wissenschaft­liche Her­aus­for­de­run­gen in Koope­ra­ti­on von Kla­vier­päd­ago­gik, Kla­vier­di­dak­tik, Mu­sikphysiologie und Musi­ker­me­di­zin.

1 Zum Über­blick über die Ein­satz­mög­lich­kei­ten des Diskla­viers sie­he Chris­toph Sisch­ka: „Von ,Wel­te-Mignon‘ zu vir­tu­el­lem Musi­zie­ren. Das Yama­ha Diskla­vier in der Kla­vier­di­dak­tik, bei der Inter­pre­ta­ti­ons­ana­ly­se und als musi­ka­li­sches Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um“, in: European Pia­no Tea­chers Asso­cia­ti­on – Sek­ti­on der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (Hg.): Im Mit­tel­punkt: Das Instru­ment, Stac­ca­to, Düs­sel­dorf 2016, S. 70–78.
2 vgl. Kath­le­en Riley/Edgar E. Coons/David Mar­carian: „The Use of Mul­ti­modal Feed­back in Re­trai­ning of com­plex Tech­ni­cal Skills of Pia­no Per­formance“, in: Medi­cal Pro­blems in Per­forming Artists, 20, 2005, S. 82–88.