Hagedorn, Volker

Bachs Welt

Die Familiengeschichte eines Genies

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt, Reinbek 2016
erschienen in: üben & musizieren 5/2016 , Seite 56

Ist es legi­tim, dass ein Buch, das sich auf den ers­ten Blick doku­men­ta­risch gibt, mun­ter drauf­los fabu­liert? Ja, es ist dann legi­tim, wenn der Doku­men­ten­cha­rak­ter dadurch erhal­ten bleibt, dass ver­gleich­ba­re rea­le Ereig­nis­se bei­spiel­haft unter­legt wer­den: Natür­lich weiß auch der Autor nicht, wie es beim Pest-Tod des Johann Chris­ti­an Bach 1682 zuge­gan­gen ist. Dafür aber gibt es unzäh­li­ge Beschrei­bun­gen, die die­ses Dra­ma ver­an­schau­li­chen und die man hier unter­le­gen kann, um eben auch den Bach’­schen Tod wirk­lich­keits­nah dar­zu­stel­len. Hage­dorn hat sich einer Pest-Dar­stel­lung bedient, die er dem gro­ßen ita­lie­ni­schen Schrift­stel­ler Ales­san­dro Man­zo­ni ver­dankt. Da er sei­ne Mon­ta­gen im – übri­gens aus­ge­zeich­ne­ten – Anhang offen­legt, ist die inter­sub­jek­ti­ve Über­prüf­bar­keit gewähr­leis­tet. Hage­dorn ist, wie er schreibt, „zuver­sicht­lich, dass die Leser sich dadurch nicht genarrt, son­dern in der Lek­tü­re beför­dert füh­len“.
Und das wer­den sie in der Tat. Aus dem nach wie vor weni­gen, das wir über die Bachs wis­sen, hat Hage­dorn eine wun­der­bar leben­di­ge Chro­nik gestal­tet, fern aller aka­de­mi­schen Tro­cken­heit, wie sie wis­sen­schaft­li­chen Bio­gra­fi­en lei­der so oft anzu­haf­ten pflegt. Von den ältes­ten bekann­ten Stamm­vä­tern im damals unga­ri­schen Poz­so­ny (Press­burg, heu­te: Bra­tis­la­va) führt der Autor sei­ne Genea­lo­gie bis hin zum größ­ten aller „Bache“ in Leip­zig und hält im Fond jeder­zeit eine gro­ße Por­ti­on Zeit­ko­lo­rit parat, wodurch der all­um­fas­sen­de Titel des Buchs gerecht­fer­tigt ist.
Die Kom­po­si­tio­nen der älte­ren Bachs wer­den ein­ge­hend gewür­digt und, wie z. B. im Fal­le des berühm­ten Cho­rals Jesu mei­ne Freu­de, äußerst sinn­voll inter­pre­tiert.
Ganz neben­bei bringt Hage­dorn sogar die Bach-For­schung mit neu­en Erkennt­nis­sen wei­ter: So gelingt ihm der Nach­weis, dass der Text des „Lamen­to“ des Eisen­acher Orga­nis­ten Johann Chris­toph Bach, des­sen Dich­ter bis­her als unbe­kannt galt, kein Gerin­ge­rer sein kann als der bedeu­ten­de Barock­dich­ter Simon Dach.
Sind schon die­se Kapi­tel ein ein­zi­ges, lehr­rei­ches, exzel­lent recher­chier­tes Lese­ver­gnü­gen, so wird die­ses noch gestei­gert in dem Abschnitt, der den Schick­sa­len des Alt­ba­chi­schen Archivs von Leip­zig über Ber­lin bis in die Ukrai­ne und von dort wie­der zurück nach Ber­lin gewid­met ist. Hier haben wir es gera­de­zu mit einem Kri­mi zu tun, und genau­so span­nend liest es sich!
Sehr wohl­tu­end ist auch, dass der Ver­fas­ser nicht nur in einer fer­nen Ver­gan­gen­heit abtaucht und in ihr ver­schwin­det, son­dern – er hat vie­le der Bach-Orte selbst bereist – manch ver­glei­chen­den Blick in die Gegen­wart tut. Zum Bei­spiel in die Gegen­wart eines Thü­rin­gen, das geprägt ist von einem Rechts­ex­tre­mis­mus, „der sich vor allem gegen Asyl­be­wer­ber und Aus­län­der rich­tet“. Das alles hat nichts mit den Bachs zu tun? Nun, die­se kamen als arme aus­län­di­sche Flücht­lin­ge nach Thü­rin­gen…
Frie­de­mann Klu­ge