© Inken Kuntze-Osterwind

Ardila-Mantilla, Natalia

Bewe­gung in die rich­ti­ge Rich­tung

Wie JeKits eine nachhaltige Wirkung erzielen kann (Teil 2)

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 6/2018 , musikschule )) DIREKT, Seite 08

Wie kann JeKits bleibende Eindrücke hinterlassen? Setzen wir die Gedanken der vergangenen Ausgabe fort und gehen auf zwei weitere Dimensionen der Nachhaltigkeit ein.1

3. Blei­ben und Wan­del – Wie JeKits Lehr­kräf­te, Schu­len und Musik­schu­len ver­än­dert

Die­ser Abschnitt steht unter der Hera­klit zuge­schrie­be­nen For­mel: „Nichts ist so bestän­dig wie der Wan­del.“ Ich sage es mal so: JeKi und JeKits haben bereits blei­ben­de Ein­drü­cke hin­ter­las­sen, sicht­ba­re Spu­ren, man­cher­orts sogar Nar­ben. JeKi war ein Erd­be­ben in der Musik­schul­welt; JeKits ein star­kes Nach­be­ben. Wie tief JeKi und JeKits die Musik­schu­len erschüt­tert haben, wie sehr sie die Fach­welt gespal­ten haben, lässt sich anhand der Schlag­zei­len zu JeKi und JeKits in üben & musi­zie­ren gut be­obachten: „Fröh­li­che Stim­mung, (zu) vie­le Instru­men­te“, „JeKi kann Metho­de haben“, „Ich bin äußerst pes­si­mis­tisch“, „Eupho­rie­vor­sprung“, „Musi­zie­ren im kun­ter­bun­ten Dschun­gel­or­ches­ter“, „Vom Fun­ken­flug zum Stroh­feu­er?“, „Posi­ti­ves Poten­zi­al im Tan­dem“, „Ernüch­tern­de Ergeb­nis­se“… Wir müs­sen uns das ver­ge­gen­wär­ti­gen: JeKits ist das größ­te Bil­dungs­pro­gramm des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len, ein Pro­gramm, das etwa jedes drit­te Grund­schul­kind in NRW erreicht.2
JeKits hat die Grund­schu­len ver­än­dert. Es ist üblich gewor­den, Grund­schü­le­rin­nen vor­mit­tags mit Cel­lo, Flö­te und Gitar­re am Rücken auf dem Schul­weg zu sehen. Und obwohl die Akzep­tanz nicht aller­orts gege­ben ist, haben Musik­schul­lehr­kräf­te in Grund­schu­len kei­nen Sel­ten­heits­wert mehr. Außer­dem: Jedes drit­te Grund­schul­kind in Nord­rhein-West­fa­len hat heu­te zumin­dest zwei Jah­re lang Musik­un­ter­richt bei einer musik­päd­ago­gisch qua­li­fi­zier­ten Lehr­kraft in der Grund­schu­le. Natür­lich ist es ein Armuts­zeug­nis, dass das erwähnt wer­den muss. Trotz­dem: Es ist eine Verän­derung, von der vie­le Schü­le­rin­nen und Schü­ler, aber auch vie­le Lehr­kräf­te pro­fi­tie­ren.
JeKits hat aber auch die Musik­schu­len ver­än­dert. Ein dafür sym­pto­ma­ti­sches Bei­spiel ist die Ent­wick­lung des Gruppen­unterrichts an Musik­schu­len. Noch 2008 stell­te Tho­mas Gros­se in einer Unter­su­chung fest, dass der Grup­pen­un­ter­richt in Musik­schu­len – allen Beteue­run­gen zur Bedeu­tung des gemein­sa­men Musi­zie­rens zum Trotz – auf dem Rück­zug sei: „Der Trend geht zur Einer­grup­pe!“, schrieb er.3 Wie sieht das heu­te aus? Julia­ne Ger­land hat die Daten der Musik­schu­le Dort­mund dazu aus­ge­wer­tet und fest­ge­stellt, dass zwi­schen 2005 und 2012 die Anzahl der Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die in einer Grup­pe von vier oder mehr unter­rich­tet wer­den, enorm gestie­gen ist: im Fach Gitar­re z. B. um über 2200 Pro­zent, im Fach Vio­li­ne um 14200 Prozent!4
Natür­lich gab es auch vor JeKi Grup­pen­un­ter­richt, Ansät­ze des gemein­sa­men Musi­zie­rens von Anfang an und einen Inklu­sionsdiskurs in Musik­schu­len. Aber die Wucht, mit der JeKi ein­ge­schla­gen hat, die Dyna­mik, die es aus­ge­löst hat: Sie waren und sind gewal­tig.
Auch auf der poli­ti­schen Ebe­ne haben JeKi und JeKits Spu­ren hin­ter­las­sen. Wolf­ha­gen Sobi­rey beschrieb JeKi im Jahr 2012 als „eine Kehrt­wen­de der Politik“.5 Und Bernd Smal­la, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Lan­des­ver­bands der Musik­schu­len in Nord­rhein-West­fa­len, schreibt im Vor­wort zur Publi­ka­ti­on der JeKits-Aka­de­mie: „Der Schritt von JeKi zu JeKits war ein gro­ßer für die Lan­des­re­gie­rung, für die JeKits-Stif­tung und auch für die Musik­schu­len in NRW. Eine wenigs­tens eben­sol­che Trag­wei­te hat er aber für die Lehr­kräf­te in Bezug auf das gemein­sa­me Musi­zie­ren […] Welch radi­ka­ler Para­dig­men­wech­sel: Konn­ten wir uns bei JeKi noch auf unse­re tra­di­tio­nel­le Vor­stel­lung stüt­zen, die ers­ten Schrit­te der Schü­le­rIn­nen auf dem Instru­ment im geschütz­ten Raum des weit­ge­hend instru­men­ten­ho­mo­ge­nen Instru­men­tal­un­ter­richts zu beglei­ten, erfor­dert das gemein­sa­me Musi­zie­ren von Anfang an nun eine völ­li­ge Neu­ori­en­tie­rung von allen betei­lig­ten Lehrkräften.“6
JeKi und JeKits haben uns alle her­aus­ge­for­dert, uns aus unse­rer Kom­fort­zo­ne her­aus­ge­bracht: an ers­ter Stel­le die Lehr­kräf­te, aber auch die Schu­len und Musik­schu­len; und auch – wenn­gleich etwas lang­sa­mer – die Poli­tik und die Aus­bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen. JeKi und JeKits sind zu einem Stein im Schuh der Insti­tu­tio­nen gewor­den: Sie haben sie mit ihren struk­tu­rel­len und inhalt­li­chen Män­geln kon­fron­tiert. Und genau damit macht uns JeKits zukunfts­fä­hi­ger und letzt­lich nach­hal­ti­ger.
Vie­le die­ser The­men stan­den schon lan­ge auf der Agen­da. Ohne JeKi und JeKits – glau­be ich – hät­ten wir uns viel lang­sa­mer, womög­lich auch zu spät bewegt. Es ist gut, dass wir einen inten­si­ven Dis­kurs über Teil­ha­be­ge­rech­tig­keit in der musi­ka­li­schen Bil­dung füh­ren (müs­sen); es ist gut, dass sich Lehr­kräf­te wei­ter­bil­den (müs­sen); es ist gut, dass Grund­schu­len über­le­gen (müs­sen), in wel­chem Raum ein Schüleren­semb­le vor­mit­tags musi­zie­ren kann. Natür­lich sind wir weit vom Ide­al­zu­stand ent­fernt, aber: Wir bewe­gen uns! Mei­ner Mei­nung nach sogar in die rich­ti­ge Rich­tung.
Ein Bei­spiel dafür ist die JeKits-Aka­de­mie. Noch ein­mal Bernd Smal­la: „[Es] war und ist […] uns als Lan­des­ver­band gemein­sam mit der JeKits-Stif­tung ein wich­ti­ges Anlie­gen, die Kom­pe­ten­zen der Lehr­kräf­te und deren Ent­wick­lungs- und Inno­va­ti­ons­po­ten­zi­al zu bün­deln und wei­ter her­aus­zu­for­dern […] Zu die­sem Zweck ist mit der JeKits-Aka­de­mie ein völ­lig neu­es For­mat ent­stan­den, das Ent­wick­lung und Fort­bildung ver­eint und die­se Auf­ga­be den im Pro­zess ste­hen­den Lehr­kräf­ten anver­traut. […] Die Teil­neh­me­rIn­nen aus bis­lang zwei Aka­de­mie-Jahr­gän­gen gehen jetzt in die Mul­ti­pli­ka­ti­on vor Ort und ver­tre­ten dort ihre jeweils gewon­ne­nen Über­zeu­gun­gen. Ihre Impul­se wer­den sich über kurz oder lang im gan­zen Land verbreiten.“7
Ich fin­de es bei­spiels­wei­se bemer­kens­wert, wel­che Bedeu­tung dem Team­geist und der kol­le­gia­len Zusam­men­ar­beit in den in Teil 1 genann­ten Rat­schlä­gen für JeKits-Orches­ter­lei­te­rin­nen bei­gemes­sen wird.8 Mir erscheint das bahn­bre­chend für die Institu­tion Musik­schu­le – eine Insti­tu­ti­on, die in der Ver­gan­gen­heit vom Ein­zel­kämp­fer­tum und kol­le­gia­lem Wett­be­werb geprägt war und vie­ler­orts noch ist.
Aller­dings: Vie­le Insti­tu­tio­nen könn­ten sich deut­lich stär­ker und viel radi­ka­ler ver­än­dern, und wenn wir uns eine nach­hal­ti­ge, zukunfts­fä­hi­ge musi­ka­li­sche Bil­dungs­land­schaft wün­schen, dann müs­sen wir viel mehr tun. Zu Beginn des ers­ten Teils mei­nes Bei­trags in der ver­gan­ge­nen Aus­ga­be habe ich aus­führ­lich Anja Bos­sen zitiert.9 Und bei aller Kri­tik an ihren Aus­sa­gen – mit einer Sache hat sie recht: Natür­lich muss es mög­lich sein, dass Kin­der, die in JeKits die Lust am Musi­zie­ren ent­deckt, ihr Wunsch­in­stru­ment gefun­den und für ihr Aus­drucks­be­dürf­nis ein Ven­til gefun­den haben, die­se Erfah­rung fort­set­zen kön­nen, und zwar so lan­ge und so inten­siv, wie sie sich das wün­schen. Es muss mög­lich sein, dass sie Instru­men­tal­un­ter­richt wei­ter in Anspruch neh­men und sich musi­ka­lisch – sogar bis zum Niveau einer Hoch­schul­eig­nungs­prü­fung – wei­ter­ent­wi­ckeln, in einem Ensem­ble wei­ter­spie­len, als Erwach­se­ne wie­der ein­stei­gen und in ihrer Regi­on Kon­zerte, Fes­ti­vals und Work­shops besu­chen kön­nen.
Davon sind wir lei­der weit ent­fernt. In einem kürz­lich erschie­ne­nen Arti­kel schil­dern Johan­na Schie und Ste­fan Pro­phet – Musik­schul­lei­te­rIn­nen in Nord­rhein-West­fa­len – die struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen, die der Wech­sel vom vier­jäh­ri­gen JeKi zum zwei­jäh­ri­gen JeKits mit sich gebracht hat. Sie berich­ten vom Ein­bruch der JeKits-Anmel­dun­gen trotz Ein­rich­tung von geziel­ten Fol­ge­an­ge­bo­ten und machen auf die Viel­schich­tig­keit der Fak­to­ren aufmerk­sam, die dabei eine Rol­le spie­len wie etwa Unter­richts­bei­trä­ge, enge Zeit­fens­ter, Rück­zug der Grund­schu­len, die sich ab dem drit­ten Jahr nicht mehr in der Mit­ver­ant­wor­tung sehen, für man­che Fami­li­en unüber­brück­ba­re büro­kra­ti­sche Hür­den und unter­schied­li­che finan­zi­el­le Mög­lich­kei­ten der Kom­mu­nen, die ab dem drit­ten Jahr für sol­che Pro­gram­me eigen­ver­ant­wort­lich zustän­dig sind.10 Es gäbe also vie­le zu besei­ti­gen­de struk­tu­rel­le Bar­rie­ren, auch sol­che, die über die Grund­schul­zeit hin­aus­ge­hen.
JeKits kann also mei­nes Erach­tens nur dann nach­hal­ti­ge Wir­kung erzie­len, wenn es in einen Gesamt­plan der musi­ka­li­schen Bil­dung ein­ge­bet­tet ist, in wel­chem Top-Down- und Bot­tom-Up-Ansät­ze inein­an­der­grei­fen. In Bezug auf Bot­tom-Up-Ansät­ze möch­te ich an die­ser Stel­le auf die zukunfts­wei­sen­de Arbeit des Pro­jekts „Eine Musik­schu­le für alle“ (EMSA) auf­merk­sam machen: ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt des Lan­des­ver­bands der Musik­schu­len in NRW mit der Köl­ner Musik­hoch­schu­le unter der Lei­tung von Ste­pha­nie Buy­ken-Höl­ker, Ursu­la Schmidt-Lau­kamp und Chris­ti­ne Stö­ger, in dem sowohl die Ent­wick­lungs­pro­zes­se als auch die Ergeb­nis­se von Koope­ra­tio­nen zwi­schen Musik­schu­len und Schu­len in den Blick genom­men und eine „dich­te Ver­zah­nung“ bei­der Insti­tu­tio­nen mit dem Ziel der Ermög­li­chung indi­vi­du­el­ler Bil­dungs­we­ge ange­strebt werden.11 Ich fän­de es groß­ar­tig, wenn JeKits-Musik­schu­len und -Grund­schu­len auch sol­che Wege gehen und gemein­sam, mit genug Zeit und mit einer pro­fes­sio­nel­len Beglei­tung Kon­zep­te für die Zeit nach JeKits ent­wi­ckeln wür­den.
Was die Top-Down-Ebe­ne betrifft, wür­de ich mir eine Land­kar­te musi­ka­li­scher Bil­dung in Nord­rhein-West­fa­len wün­schen, die gemein­sam von vie­len Akteu­ren ent­wi­ckelt und mit Leben gefüllt wird: eine Kar­te, die alle Über­gän­ge und Schnitt­stel­len gezielt in den Blick nimmt und Rah­mun­gen dafür schafft. Es wäre z. B. wich­tig, dass es Info-Stel­len für JeKits-Schu­len gäbe, die bera­tend Kin­dern und Eltern zur Sei­te ste­hen, wenn Kin­der sich wei­ter musi­ka­lisch betä­ti­gen wol­len.
Fazit: JeKits hat uns – Lehr­kräf­te, Grund­schu­len, Musik­schu­len und Musik­hoch­schu­len – bereits ver­än­dert und uns damit wahr­schein­lich nach­hal­ti­ger gemacht. Wir wer­den uns aber wei­ter ver­än­dern müs­sen, und die­se Ver­än­de­rung muss weit über die Imple­men­tie­rung von JeKits hin­aus­ge­hen.

4. Blei­ben oder gehen? – Umgang mit JeKits-Res­sour­cen

Ich habe in die­sem Bei­trag die For­de­run­gen for­mu­liert, dass Leh­ren­de
– einen ästhe­tisch anspre­chen­den Unter­richt gestal­ten,
– im Unter­richt stets kör­per­lich prä­sent und fan­ta­sie­voll blei­ben,
– einen emp­fäng­li­chen und anschluss­fä­hi­gen Unter­richt gestal­ten,
– ihren Unter­richt gemein­sam mit Tandem­lehrkräften und Schü­le­rin­nen pla­nen,
– sich offen auf einen zielof­fe­nen Ver­än­de­rungs­pro­zess ein­las­sen und
– mit Bot­tom-Up-Initia­ti­ven vor Ort loka­le Land­kar­ten musi­ka­li­scher Bil­dung ent­wi­ckeln.
Und dann muss ich den­ken: im Ernst? Mit einem befris­te­ten Hono­rar­ver­trag und Nied­riglohn, ohne irgend­ei­ne Form insti­tu­tio­nel­ler Unter­stüt­zung? Wie kann man das von Lehr­kräf­ten ver­lan­gen? Ist das nicht schlicht­weg unver­ant­wort­lich?
JeKi kam sehr schnell. Die Schrit­te, die man­che Lehr­kräf­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren machen muss­ten, waren gewal­tig: Die Anfor­de­run­gen an Berufs­ein­stei­ger sind gestie­gen, die sozia­le Absi­che­rung ist enorm gesun­ken. Ist es nicht wahrschein­licher – und auch nach­voll­zieh­bar –, dass sich akti­ve und ange­hen­de Musik­schul­lehr­kräf­te die Fra­ge stel­len: Soll ich blei­ben oder gehen? Ist das über­haupt ein Job für mich? Nach­hal­tig­keit hat auch mit dem scho­nen­den Umgang mit Res­sour­cen zu tun. Wenn wir davon aus­ge­hen, dass Lehr­kräf­te – ihre Kom­pe­ten­zen, ihre Krea­ti­vi­tät, ihr Enga­ge­ment – eine zen­tra­le Res­sour­ce des musi­ka­li­schen Bil­dungs­sys­tems dar­stel­len, soll­ten wir uns dann nicht die Fra­ge stel­len, wie scho­nend JeKits-, Grund­schul- und Musik­schul­ver­ant­wort­li­che mit die­ser Res­sour­ce umge­hen?
Der Musik­päd­ago­ge und Coach Bernd Dahl­haus schreibt in üben & musi­zie­ren: „Die Situa­ti­on ist inso­fern para­dox, weil sich einer­seits die JeKi-Hono­rar­kräf­te (berech­tigt) Sor­gen um ihre lang­fris­ti­ge finan­zi­el­le Exis­tenz machen […], gleich­zei­tig aber die Teil­nah­me der Musik­schu­len an JeKits das Über­le­ben der Musik­schu­len sichern oder zumin­dest wahr­schein­li­cher ma­chen wird: Musik­schu­len müs­sen bei JeKits mit­ma­chen und es ist zu befürch­ten, dass sie dadurch gleich­zei­tig dem ‚Musik­schul­leh­rer-Pre­ka­ri­at‘ Vor­schub leisten.“12
JeKits kann nur nach­hal­tig sein, wenn die Bedürf­nis­se aller Betei­lig­ten – auch der betei­lig­ten Lehr­kräf­te – ernst genom­men wer­den. Das ist momen­tan nicht der Fall. Nach den Erhe­bun­gen der Fach­grup­pe Musik in ver.di arbei­te­ten im Jahr 2017 61,5 Pro­zent der Musik­schul­lehr­kräf­te in Nord­rhein-West­fa­len als freie Mit­ar­bei­ter, mit stei­gen­der Tendenz.13

All die­se Men­schen arbei­ten unter pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen und sind von Armut – beson­ders von Alters­ar­mut – bedroht. Tho­mas Wag­ner fragt in einem auf der ver.di-Website ver­öf­fent­lich­ten Text: „[Ist] die Arbeit an einer Musik­schu­le nur ein schö­nes Hobby?“14 Und obwohl der Ver­band deut­scher Musik­schu­len immer wie­der auf die Rele­vanz von sta­bi­len Arbeits­ver­hält­nis­sen im Musik­schul­be­reich hinweist15 und die Poli­tik dar­auf pocht, dass Musik­schu­len wich­tig sei­en, blei­ben die Ver­hält­nis­se für Lehr­kräf­te seit Jah­ren untrag­bar und wer­den sogar schlech­ter.
Ich möch­te aber nicht nur über ökono­mische und sozia­le Bedürf­nis­se spre­chen, son­dern auch über emo­tio­na­le. In zwei bemer­kens­wer­ten Arti­keln in üben & musi­zie­ren hat Bernd Dah­l­haus dies sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich zitie­re aus ­einem davon: „Der zwei­fel­los not­wen­di­ge Aus­tausch über Sach- und Qua­li­täts­fra­gen erscheint mir mehr als eine Art Ober­flä­chen­phä­no­men, bei dem das, was die betei­lig­ten Men­schen […] eigent­lich bewegt, nur andeu­tungs­wei­se zur Spra­che kommt. […] Ich möch­te anbie­ten, die Wortmeldun­gen der (JeKi-)Lehrer statt als Aus­druck von Berufs­be­quem­lich­keit, Ver­än­de­rungs­wi­der­wil­len, als Unzu­frie­den­heit per se oder gar als Inkom­pe­tenz als wert­vol­le Infor­ma­tio­nen über berech­tig­te und aner­ken­nens­wer­te Bedürf­nis­se zu beschreiben.“16
Wel­che Bedürf­nis­se sind damit gemeint? Leh­ren­de in JeKits haben die­sel­ben Bedürf­nis­se, die auch Schü­le­rin­nen und Schü­ler haben, wenn sie sich auf eine neue Situa­ti­on ein­stel­len und sich etwas Neu­es aneig­nen sol­len: sta­bi­le (Arbeits-)Beziehungen, Wert­schät­zung und Aner­ken­nung und die Berück­sich­ti­gung der eige­nen Bedürf­nis­se, Wün­sche und Zie­le. Aber auch die Lei­tun­gen haben Bedürf­nis­se, wie etwa dass die Mit­ar­bei­ter sich pro­ak­tiv mit kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen aus­ein­an­der­set­zen und, anstatt einem alten Berufs­bild nach­zu­trau­ern, ein neu­es, zeit­ge­mä­ßes mit entwickeln.17
Also: Wenn JeKits nach­hal­ti­ge Wir­kung erzie­len soll, wenn Musik­schul­lehr­kräf­te bei JeKits enga­giert, kon­struk­tiv und zukunfts­orientiert blei­ben und eine sol­che Nach­hal­tig­keit mög­lich machen sol­len, wenn Hoch­schul­ab­sol­ven­tin­nen den Weg in die Musik­schu­le ein­schla­gen und noch frische­ren Wind mit­brin­gen sol­len, dann müs­sen alle Ver­ant­wort­li­chen – ohne sich gegen­sei­tig die Ver­ant­wor­tung hin und her zu schie­ben – dafür sor­gen, dass sie abge­si­chert sind und in einer lern­för­dern­den Um­gebung arbei­ten kön­nen.
Und mit die­ser For­de­rung und der Erin­ne­rung dar­an, dass die­se vier „Dimen­sio­nen des Blei­bens“ in einem engen Zusam­men­hang ste­hen, möch­te ich die­sen Bei­trag schlie­ßen.

1 Die­ser Bei­trag ist die über­ar­bei­te­te Fas­sung eines Vor­trags, den ich am 8. März 2018 im Rah­men des JeKits-Pra­xis­tags in der Köl­ner Musik­hoch­schu­le gehal­ten habe. Der ers­te Teil erschien in der vo­rigen Aus­ga­be von musik­schu­le )) DIREKT (Heft 5/2018). Ein Tran­skript des Vor­trags ist im JeKits-Ma­­te­ri­al­pool zu fin­den, https://materialpool.jekits.de/ cate­go­ry/in­halt­li­che-impul­se (Stand: 12.7.2018).
2 vgl. www.jekits.de/informationsfilm (Stand: 12.7.2018).
3 Tho­mas Gros­se: „Kom­pe­tenz­man­gel Grup­pen­un­ter­richt? Neu­es vom Grup­pen­un­ter­richt: Der Trend geht zur Einer­grup­pe!“, in: üben & musi­zieren 5/2008, S. 6–11.
4 vgl. Julia­ne Ger­land: „Inklu­si­ve Regel statt exklu­si­ver Aus­nah­me?! Inklu­si­ve Ent­wick­lung von Musik­schu­len und Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Lehr­kräf­te“, in: üben & musi­zie­ren 1/2016, S. 13.
5 Wolf­ha­gen Sobi­rey: „Rein und raus. Wel­che Vor­aus­set­zun­gen braucht JeKi zum Gelin­gen?“, in: üben & musi­zie­ren 2/2012, S. 23.
6 Bernd Smal­la: „Vor­wort des stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den des Lan­des­ver­bands der Musik­schu­len in NRW“, in: JeKits-Stif­tung (Hg.): Vom Lau­ern auf den Moment. Pra­xis­im­pul­se, Refle­xio­nen und Schlüs­sel­fra­gen aus der Arbeit der JeKits-Aka­de­mie. Unter Mit­ar­beit von Sara Schnei­der und Mar­tin Thei­le, Bochum 2017, S. 7.
7 ebd., S. 8.
8 vgl. JeKits-Stif­tung: Rat­schlä­ge für ange­hen­de JeKits-Orches­ter­lei­te­rIn­nen, 2015, https://materialpool.jekits.de/ratschlaege-fuer-angehende-jekits-orchesterleiterinnen (Stand: 28.2.2018).
9 sie­he Nata­lia Ardi­la-Man­til­la: „Blei­ben­de Ein­drü­cke hin­ter­las­sen. Wie JeKits eine nach­hal­ti­ge Wir­kung erzie­len kann (Teil 1)“, in: musik­schu­le )) DIREKT 5/2018, S. 6.
10 vgl. Johan­na Schie/Stefan Pro­phet: „,Wir ver­lie­ren die Kin­der…‘. Die Kon­ti­nui­tät nach dem zwei­ten JeKits-Jahr ist gefähr­det“, in: musik­schu­le )) DIREKT 6/2017, S. 10 f.
11 vgl. www.lvdm-nrw.de/arbeitsbereiche/eine-musikschule-fuer-alle (Stand: 11.10.2018). Sie­he auch Ste­pha­nie Buy­ken-Höl­ker/Ur­su­la Schmidt-Lau­kam­p/Chris­ti­ne Stö­ger: „Eine (Musik)Schule für alle. Ein Pro­jekt der Hoch­schu­le für Musik und Tanz Köln mit dem Lan­des­ver­band der Musik­schu­len NRW“, in: üben & musi­zie­ren 4/2018, S. 48–50.
12 Bernd Dah­l­haus: „Gemein­sam, gerecht, gebil­det? Von JeKi zu JeKits: ein Pro­gramm­wech­sel mit der Lupe betrach­tet, Teil 2“, in: üben & musi­zie­ren 3/2015, S. 42 f.
13 Jür­gen Simon: Ein­kom­mens­si­tua­ti­on und Ar­beitsbedingungen von Musik­schul­lehr­kräf­ten und Pri­vat­mu­sik­leh­rern 2017. Ergeb­nis­se der Umfra­ge der Fach­grup­pe Musik der ver.di von Juli 2017 – Sep­tem­ber 2017, hg. von Ver­ein­te Dienstleistungs­gewerkschaft (ver.di), S. 16, https://musik.verdi.de > Musik­schu­len > Umfra­ge > Umfra­ge 2017 | Er­gebnisse (Stand: 11.10.2018).
14 Tho­mas Wag­ner: „Eigent­lich? Musik­ho­no­rar­kräf­te soll­ten sich weh­ren“, 2015, https://musik. verdi.de/themen/nachrichten/++co++bb1d6bec-7955–11e5-a9d2-525400248a66 (Stand: 4.3.2018).
15 2011 schrieb z. B. Win­fried Rich­ter, dama­li­ger Bun­des­vor­sit­zen­der des VdM: „[Die Arbeit von Musik­schul­lehr­kräf­ten setzt] ein hohes Maß an künst­le­ri­schem und päd­ago­gi­schem Kön­nen und Enga­ge­ment vor­aus. Da die­se Qua­li­tä­ten in einem kon­ti­nu­ier­li­chen Unter­richt ziel­füh­rend genutzt wer­den müs­sen, bedarf es sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ger Ange­stell­ten­ver­hält­nis­se. Das ist aus der Sache her­aus für mich und den VdM ein Cre­do“. In: Chris­toph Schul­te im Wal­de: „Musik­schul­lehr­kräf­te sind kei­ne Lücken­bü­ßer. Im Gespräch mit Win­fried Rich­ter, Bun­des­vor­sit­zen­der des Ver­bands deut­scher Musik­schu­len“, in: üben & musi­zie­ren 4/2011, S. 47.
16 Bernd Dah­l­haus: „JEg­li­che Kom­pe­tenz Inte­grie­ren. Zum Stand der Dis­kus­si­on über das Pro­jekt ‚Jedem Kind ein Instru­ment‘ und zur (zukünf­ti­gen) Musik­schul­ar­beit“, in: üben & musi­zie­ren 3/2010, S. 50.
17 vgl. ebd., S. 50–52.