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Bork, Magdalena / Michaela Hahn

Büh­ne als Ziel

An vielen Musikschulen in Österreich gehören Auftrittserlebnisse zum festen Bestandteil des Unterrichts

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 3/2018 , musikschule )) DIREKT, Seite 02

Gelungene Auftritte auf großen Bühnen oder in spannenden Konzertformaten prägen die Entwicklung junger musika­lischer Talente. Intensive Vorbereitung, Kontaktaufnahme mit einem aufmerk­samen und begeisterten Publikum und schließlich positive Rückmeldungen nach dem Auftritt sind die Hauptingredienzen im Leben junger MusikerInnen.

Sze­ne 1: Vor­spiel­stun­de

Im Vor­spiel­raum der Musik­schu­le ist es heu­te beson­ders heiß und eng, die Stim­mung spür­bar ange­regt: Das monat­li­che Klas­sen­vor­spiel steht an! Der zwölf­jäh­ri­ge Max übt an sei­nem Pro­gramm schon län­ger, heu­te fühlt er sich vor­be­rei­tet genug, um mit sich selbst die Wet­te abzu­schlie­ßen, ganz ohne Feh­ler vor­zu­spie­len. Als wäre das nicht schon Her­aus­for­de­rung genug, teilt er sei­ner Mut­ter noch im Auto stolz mit, dass er sich mel­den wird, um als Ers­ter dran­zukommen: Mit kal­ten Hän­den drauf­los spie­len – das sei doch eine gute Übung, und ein­ge­spielt sei er eh schon.
Max hebt die Gei­ge ans Kinn, schaut ein letz­tes Mal in die Run­de der vie­len Augen, die ihn ganz nah anschau­en (er wird spä­ter sagen: anstar­ren) und legt los… Das Musi­zie­ren macht ihm heu­te sicht­lich Spaß, der ers­te Satz ist ihm völ­lig mühe­los gelun­gen und selbst­be­wusst erklun­gen. Im inni­gen zwei­ten Satz macht er die Augen zu und spielt ruhig und berüh­rend sei­ne Melo­di­en, im drit­ten Satz kann er sei­ne gan­ze Vir­tuo­si­tät unter Beweis stel­len – Max legt heu­te viel schnel­ler los, als er eigent­lich geplant hat, bleibt aber dabei: Hier kann er was ris­kie­ren und schau­en, was aus sei­ner Gei­ge und sei­nen Fin­gern alles so raus­zu­ho­len ist. Nach dem letz­ten Ton, den er mit einer gro­ßen Ges­te hin­fetzt, jubeln sei­ne Kol­le­gIn­nen auf – der Spaß hat sich über­tra­gen, die Leh­re­rin und Kor­re­pe­ti­to­rin wech­seln erleich­ter­te und zufrie­de­ne Bli­cke. – –

Sze­ne 2: Der gro­ße Auf­tritt

Die 17-jäh­ri­ge Julia, heu­te in einem wun­der­schö­nen boden­lan­gen Kleid, betritt betont lang­sam und stolz die Büh­ne – gera­de vor drei Wochen hat sie einen Work­shop besucht in ihrer Musik­schu­le, in dem die Teil­neh­me­rIn­nen ihre Auf­trit­te auf Video bewer­ten durf­ten – als ein Modul des Talen­te­för­der­pro­gramms, für das sich Julia vor einem Jahr qua­li­fi­ziert hat. Auch wenn die Situa­ti­on jetzt ganz anders ist, ihr Herz nun wirk­lich auf­ge­regt schnell schlägt und sie an ihren kal­ten Hän­den einen leich­ten Schweiß­film spürt, weiß sie noch, was sie sich damals vor­ge­nom­men hat – lang­sam bewe­gen und lächeln: Es sieht bes­ser aus nach außen und soll sie vor allem im Inne­ren beru­hi­gen…
Das Büh­nen­licht des Bruck­ner­hau­ses Linz blen­det sie. „Gar nicht schlecht“, denkt sie sich, „dann muss ich all die vie­len Men­schen nicht sehen, die so erwar­tungs­voll dasit­zen.“ Julia, Bun­des­sie­ge­rin in ihrer Alters­klas­se, hat sich gegen die bes­ten Pia­nis­tIn­nen ihres Lan­des durch­ge­setzt, und darf sich heu­te mit einem gro­ßen Solo­kon­zert prä­sen­tie­ren. Die Pro­be ist sehr gut gegan­gen, das Orches­ter – lau­ter Erwach­se­ne – hat sie warm begrüßt. Und trotz­dem: Die Auf­re­gung wird immer grö­ßer, Julia ver­sucht, noch lang­sa­mer zu gehen, lässt sich viel Zeit, den Hocker auf ihre Höhe zu dre­hen, wischt sich den kal­ten Schweiß mehr­mals von den Hän­den, am Ende wischt sie mit dem Tuch über die Tas­ta­tur des ein­la­dend glän­zen­den Bösen­dor­fers. Julia spürt ihre Freun­de, Ver­wand­ten, den Leh­rer und all ihre Mit­schü­le­rIn­nen im Publi­kum, die extra gekom­men sind – sie muss sehr gut spie­len, ihr Bes­tes geben! Die­sen Druck kennt sie nur zu gut, aber sie weiß, was zu tun ist: „Ein­fach nur Spie­len“ den­ken…
Dort im Bruck­ner­haus gelingt es ihr tat­säch­lich wie­der, die Auf­re­gung zu über­win­den, in die Musik rein­zu­kom­men und mit den Tönen, die sie mit ihren trai­nier­ten Fin­gern dem Instru­ment ent­lockt, zu ver­schmel­zen. Beim Run­ter­ge­hen von der Büh­ne denkt sie, dass sie wie­der­kom­men will, und sie spürt, dass sie es auch wird. – –

Büh­ne als inten­si­ve Begeg­nung mit Kunst und mit sich selbst

Liest man die­se fik­ti­ven Geschich­ten, die aus authen­ti­schen Gesprä­chen mit jun­gen Musi­ke­rIn­nen ent­stan­den sind, fällt die Inten­si­tät des Erle­bens und die Viel­fäl­tig­keit der The­men, die ein Büh­nen­er­leb­nis bie­tet, beson­ders auf. Und so ist der Büh­nen­auf­tritt einer jun­gen Musi­ke­rin oder eines jun­gen Musi­kers vor allem das: die Mög­lich­keit, sich unter die­sen beson­de­ren Umstän­den zu erle­ben und zu erfah­ren. Oder in den Wor­ten von Kon­rad Paul Liess­mann aus­ge­drückt: durch Kunst eine exis­ten­zi­el­le Erfah­rung zu machen.1
Zur Ent­wick­lung jun­ger Instru­men­ta­lis­tIn­nen gehö­ren Büh­nen­er­leb­nis­se von Anfang an dazu, die neben der täg­li­chen Beschäf­ti­gung mit dem Instru­ment und den Wer­ken einen wei­te­ren Boden bie­ten, um sich als Musi­ke­rIn zu erpro­ben – und dadurch Wesent­li­ches zu ler­nen. Ist die­ser Boden viel­fäl­tig und ler­nen die Talen­te mög­lichst vie­le unter­schied­li­che Büh­nen ken­nen, erwei­tern die­se Erfah­run­gen ihr künst­le­ri­sches und per­sön­li­ches Poten­zi­al.
Jene jun­gen Musi­ke­rIn­nen, die in ihrer Ent­wicklung als beson­ders schnell und moti­viert wahr­ge­nom­men wer­den und deren „Talent“ als Poten­zi­al iden­ti­fi­ziert wird, das durch För­de­rung zur Ent­fal­tung gebracht wer­den soll, schei­nen tat­säch­lich alle Arten von Büh­ne zu suchen, zu wol­len und – das viel­leicht auf­fäl­ligs­te Merk­mal hoch­be­gab­ter Musi­ke­rIn­nen – zu genie­ßen. Die­se Musi­ke­rIn­nen erle­ben die Büh­ne als wei­te­ren Lern­ort ihrer musi­ka­li­schen Bio­gra­fie, als Ort, an dem sie ihr indi­vi­du­el­les musi­ka­li­sches Ich viel­fäl­tig und in Ver­bin­dung mit ech­tem Publi­kum erle­ben kön­nen. Sie nut­zen die Büh­ne als einen wei­te­ren und durch den Live-Cha­rak­ter auch erwei­ter­ten Begeg­nungs­ort mit Kunst.

Büh­nen­er­fah­run­gen von Anfang an

Regel­mä­ßi­ge Auf­trit­te sind von Anfang an in den Musik­schul­un­ter­richt zu inte­grie­ren. Im Unter­schied zur Pflicht­schu­le zielt der Unter­richt an der Musik­schu­le auf die öffent­li­che Auf­füh­rung. Am Ende des Ler­nens steht in der Regel die publikumswirk­same Prä­sen­ta­ti­on der Lern­er­geb­nis­se. So for­dert es der Lehr­plan für öster­rei­chi­sche Musikschulen.2
Damit aber jun­ge Musi­ke­rIn­nen auf der Büh­ne ste­hen und das Publi­kum begeis­tern kön­nen, bedarf es sehr viel an Vor­be­rei­tung und Unter­stüt­zung. Zunächst berei­ten die Leh­ren­den die jun­gen Musi­ke­rIn­nen gezielt auf den Auf­tritt vor. Nicht nur musi­ka­lisch-künst­le­ri­sche, auch men­ta­le und psy­cho­lo­gi­sche Aspek­te sind wesent­li­che Bestand­tei­le im Unter­richt. Der per­sön­li­che Umgang mit Lam­pen­fie­ber, Kon­zen­tra­ti­ons­übun­gen, Entspannungstech­niken sowie das Bewusst­sein für körper­liche Aus­gleichs­be­we­gung sind hilf­rei­che Mit­tel in die­sem Pro­zess. Die Schü­le­rIn­nen pro­fi­tie­ren hier ins­be­son­de­re von der Erfah­rung der Leh­ren­den, die selbst als Musi­ke­rIn­nen damit umzu­ge­hen gelernt haben. Die jeweils indi­vi­du­ell pas­sen­de und opti­ma­le Vor­be­rei­tung her­aus­zu­fin­den, bedarf viel Zeit und (Selbst-)Erfahrung von bei­den Sei­ten. In klei­ne­ren Vor­spie­len an der Musik­schu­le kann der Ernst­fall aber von Anfang an erprobt und ers­te Erfahrun­gen kön­nen gesam­melt wer­den.
Neben dem Musik­schul­un­ter­richt unter­stüt­zen und beglei­ten auch Eltern und Fami­li­en den kom­men­den Auf­tritt: vom Zuhö­ren beim Üben bis hin zu pri­vat orga­ni­sier­ten Haus­kon­zer­ten. Beim Auf­tritt selbst sind fast immer Fami­li­en­mit­glie­der anwe­send – zur prak­ti­schen (Fahr­dienst) und ide­el­len (Mit­fie­bern) Unter­stüt­zung.

Büh­nen als Orte der Selbst­eva­lua­ti­on

Die Büh­ne als Ort, an dem live musi­ziert wird, wo die Wer­ke von vor­ne bis hin­ten durch­ge­spielt wer­den und wo der geschütz­te Klas­sen­raum gegen einen öffent­li­chen Raum aus­ge­tauscht wird, bie­tet die Mög­lich­keit, das Erlern­te in einem ande­ren Set­ting, in der „Ernst­si­tua­ti­on“ eines Live-Auf­tritts aus­zu­pro­bie­ren. Der Lern­ef­fekt wird hier merk­lich ver­dich­tet – die Fra­ge nach dem „Wo ste­he ich“ qua­si öffent­lich aus­ge­tra­gen. Mit einer posi­ti­ven, wert­schät­zen­den Hal­tung der Zuhö­re­rIn­nen ermög­licht die­ser öffent­li­che Raum dem Schü­ler oder der Schü­le­rin eine per­sön­li­che Eva­lua­ti­on: Was ist mir gelun­gen, wo will ich noch wei­ter­kom­men, was habe ich mit mei­nem Spiel erreicht?
Jun­ge Musi­ke­rIn­nen schei­nen oft kaum von Büh­nen­ängs­ten oder Auf­tritts­stress betrof­fen zu sein. Ja, auch sie spü­ren den Druck, neh­men die Auf­merk­sam­keit und den Fokus des gan­zen Saals auf sich wahr und sind auf­ge­regt, wenn sie die Büh­ne betre­ten. Jedoch scheint ihr Ver­trau­en in das eige­ne Spiel, in die Musik, in das Gelin­gen ihres Auf­tritts grö­ßer zu sein als die Auf­re­gung. Büh­ne bedeu­tet in ihrem Ver­ständ­nis kei­ne End­sta­ti­on, und so ist auch ein gele­gent­li­ches „Ver­sa­gen“ vor allem eins: die Mög­lich­keit, es nächs­tes Mal bes­ser zu machen. Das erin­nert an das Phä­no­men der Resi­li­enz und wird von den Musi­ke­rIn­nen selbst als Fähig­keit benannt, auch mit gele­gent­li­chen Miss­erfol­gen umge­hen zu kön­nen und aus ihren Feh­lern so selbst­kri­tisch wie kennt­nis­reich zu ler­nen und sich vor allen Din­gen nicht von ihnen fer­tig­ma­chen oder gar abhal­ten zu las­sen.

Rol­len und Auf­ga­ben der Insti­tu­tio­nen

Neben der inten­si­ven fach­li­chen und per­sön­li­chen Vor­be­rei­tung der jun­gen Musi­ke­rIn­nen sind auch Büh­ne und Publi­kum wesent­li­che Fak­to­ren für den Erfolg eines Auf­tritts – und die­se müs­sen bereit­ge­stellt wer­den. Hier kom­men die Insti­tu­tio­nen ins Spiel, an ers­ter Stel­le natür­lich das jewei­li­ge Aus­bil­dungs­in­sti­tut. Musik­schu­len bie­ten den jun­gen Talen­ten zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten, ihre erar­bei­te­ten Wer­ke zu prä­sen­tie­ren. Je nach Stand­ort gibt es für jun­ge Musi­ke­rIn­nen vie­le ver­schie­de­ne klei­nere und grö­ße­re Kon­zer­te zu spie­len: solis­tisch, vor allem aber auch kam­mer­mu­si­ka­lisch und in ver­schie­de­nen Ensem­bles. Zu den beson­de­ren Erleb­nis­sen zäh­len Orches­ter­auf­trit­te, die die Erfah­rung bie­ten, sich als Teil eines Gan­zen zu erle­ben und in einer gro­ßen Gemein­schaft mit Ernsthaf­tigkeit und Ziel­stre­big­keit zu arbei­ten.
Durch­schnitt­lich 55 Ver­an­stal­tun­gen ver­an­stal­tet eine öster­rei­chi­sche Musik­schu­le pro Jahr. Damit bekom­men jun­ge Musi­ke­rIn­nen wöchent­lich eine Auf­tritts­ge­le­gen­heit. Immer häu­fi­ger wer­den auch unge­wöhn­li­che Orte für musi­ka­li­sche Auf­trit­te genutzt: in der Innen­stadt, in Geschäf­ten oder auf Bur­gen und Schlös­sern.
Auch die öster­rei­chi­schen Musik­schul­wer­ke der Bun­des­län­der – also die Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen, die alle Musik­schu­len des jewei­li­gen Bun­des­lan­des ver­wal­ten – sehen es als ihre Auf­ga­be, her­aus­ra­gen­de Talen­te durch lan­des­wei­te Auf­trit­te zu för­dern. Sie ver­an­stal­ten eige­ne Kon­zer­te und suchen neue Wege, um die jun­gen Talen­te an den pro­fes­sio­nel­len Kon­zert- und Ver­an­stal­tungs­be­trieb her­an­zu­füh­ren. Koope­ra­tio­nen mit Kul­tur­be­trie­ben bie­ten dem Nach­wuchs Büh­nen und stär­ken zugleich das Bewusst­sein der Öffent­lich­keit für die Talen­te, die so viel Arbeit in den Aus­bau ihrer Fer­tig­kei­ten ste­cken.
Neue Wege wer­den teil­wei­se auch im pro­fes­sio­nel­len Ver­an­stal­tungs­be­trieb ein­ge­schla­gen. Nicht nur span­nen­de Auf­füh­rungs­or­te, auch inno­va­ti­ve For­ma­te sind im Kom­men. Hier ist ins­be­son­de­re der recht jun­ge Bereich der Musik­ver­mitt­lung zu nen­nen, der für eine Brü­cke zwi­schen Musik, Künst­le­rIn­nen und Publi­kum sorgt.

Zu Besuch in der Franz Schmidt-Musik­schu­le in Perch­tolds­dorf

Ein kal­ter Sams­tag­abend in der Markt­ge­mein­de unweit von Wien, die trotz der Ein­wohnerzahl von 14000 ihren dörf­li­chen Cha­rak­ter bewahrt hat. Dut­zen­de Men­schen, warm ein­ge­packt in ihre Män­tel, ste­hen vor dem Ein­gang zur „Burg“, deren Ursprün­ge bis ins Jahr 1000 zurück­ge­hen. Der neu reno­vier­te Burg­saal beher­bergt mehr als 400 Zuschaue­rIn­nen. Im Foy­er bemerkt man sofort, dass es sich um einen beson­de­ren Ter­min han­delt: Fest­li­che Klei­dung domi­niert das Bild. Dass vie­le schon vor einer Woche hier waren, erfährt man aus den Bemer­kun­gen: Das Ton­künst­ler-Orches­ter Nie­der­ös­ter­reich hat die Woche zuvor sein tra­di­tio­nel­les Neu­jahrs­kon­zert hier gespielt. Heu­te ist die Musik­schu­le dran: Es spielt das Franz Schmidt-Sin­fo­nie­or­ches­ter, bestehend aus Leh­ren­den der Musik­schu­le, fort­ge­schrit­te­nen Schü­le­rIn­nen und eini­gen pro­fes­sio­nel­len MusikerIn­nen aus der Gemein­de, die der Musik­schu­le ver­bun­den sind.
Ein bun­tes Bild bie­tet sich dar: Von der 14-jäh­ri­gen Quer­flö­tis­tin bis zum 60-jäh­ri­gen Gei­ger sind alle Genera­tio­nen ver­tre­ten und wir­ken rou­ti­niert oder auch ein wenig auf­ge­regt. Beim einen oder ande­ren Pult kann man auf­mun­tern­de Bli­cke der Leh­ren­den zu ihren Schü­le­rIn­nen bemer­ken. Mit dem berühm­ten Wal­zer Her­ein­spa­ziert von Carl Micha­el Zieh­rer beginnt das Neu­jahrs­kon­zert 2018, und schon nach den ers­ten Tak­ten ist man wie gebannt von der Ener­gie, der Span­nung, aber auch der Qua­li­tät die­ses Schul­or­ches­ters. Nach dem Wal­zer folgt das ers­te Stück mit Solis­ten – wie jedes Jahr sin­gen eine Sopra­nis­tin und ein Bari­ton. Oft sind es Musik­schul­leh­ren­de oder Freun­de, die durch ihr Mit­wir­ken die Wich­tig­keit des Events noch unter­strei­chen.
In der Pau­se wird der ers­te Kon­zert­teil bei Wein und Bröt­chen aus­gie­big bespro­chen. Eini­ge der jun­gen Musi­ke­rIn­nen ver­las­sen die Gar­de­ro­be, um schon ers­tes Lob der zuhö­ren­den Eltern und Ver­wand­ten abzu­stau­ben. Ein jun­ger Trom­pe­ter ist gar nicht zufrie­den mit sei­ner Leis­tung. „Das gibt’s ja nicht, bei der Pro­be hat’s immer geklappt! Im zwei­ten Teil muss es ein­fach ge­hen“, spricht er sich selbst Mut zu. Die Oma beteu­ert, dass sie gar nichts vom Feh­ler gehört habe und bewun­dert den neu­en, ext­ra fürs Kon­zert gekauf­ten Anzug.

Die Kunst erfor­dert, heu­te mehr denn je, das Ein­tau­chen in eine ande­re Welt, eine Welt, in der es um Genau­ig­keit, Auf­merk­sam­keit, Kon­zen­tra­ti­on, ­Hin­ga­be, Anstren­gung und Selbst­ver­ges­sen­heit geht, um Hal­tun­gen also, die quer­ste­hen zu jener Mischung aus Bequem­lich­keit und Ego­ma­nie, zu der wir ansons­ten ange­hal­ten sind.3

Musik­schul­lei­te­rin Maria Jen­ner steht trotz Stress – schließ­lich spielt sie selbst auch mit – für ein Inter­view zur Ver­fü­gung. Uns inter­es­siert die Ziel­set­zung der Musik­schu­le mit die­sem doch sehr auf­wän­di­gen Kon­zert. „Die­ses Orches­ter bie­tet unse­ren fort­ge­schrit­te­nen Schü­lern die Mög­lich­keit, pro­fes­sio­nel­le Orches­ter­er­fah­rung zu sam­meln. Für vie­le ist es eine gro­ße Ehre, hier erst­mals auf­zu­tre­ten. Für ande­re ist es ein Pflicht­ter­min, auch wenn sie die Musik­schu­le schon vor eini­gen Jah­ren ver­las­sen haben. Wich­tig ist mir, unse­ren Schü­lern durch das Mit­ein­an­der trotz unter­schied­li­cher Erfah­rungs­le­vels her­aus­for­dern­de und den­noch geschütz­te Auf­tritts­er­leb­nis­se zu ermög­li­chen. Nicht nur die Leh­ren­den, auch die Schü­ler unter­ein­an­der unter­stüt­zen die ,Frisch­lin­ge‘. Bei allen päd­ago­gi­schen und sozia­len Ziel­set­zun­gen steht trotz­dem das Event selbst im Zent­rum. Es ist eine gro­ße Chan­ce, aber jedes Jahr auch eine Her­aus­for­de­rung, dass unser Neu­jahrs­kon­zert ein musi­ka­li­scher Höhe­punkt im Kul­tur­pro­gramm der Gemein­de wird.“
Maria Jen­ner berich­tet wei­ter von den zahl­rei­chen Klas­sen­aben­den und Vor­spiel­stun­den, bei denen sich jeder selbst ein­tra­gen kann, und auch von fächer­über­grei­fen­den Pro­jek­ten bis hin zu The­men­kon­zer­ten. Den Leh­ren­den sei es wich­tig, nicht nur solis­ti­sche Mög­lich­kei­ten zu bie­ten, son­dern allen Schü­le­rIn­nen auch das gemein­sa­me Musi­zie­ren näher zu brin­gen – einer­seits in den Musik­schul­ensem­bles und -orches­tern, ande­rer­seits in den Kul­tur­ver­ei­nen vor Ort, z. B. in einer der drei Blas­mu­si­ken. So gibt es zahl­rei­che Ensem­bles, von der Volks­mu­sik, die beim Advents­markt oder bei den Heu­ri­gen spie­len, bis zu Band­auf­trit­ten, die von Musik­schü­le­rIn­nen dann auch schon selbst „an Land ge­zogen“ wer­den. Die Musik­schu­le wird nicht nur von ihrer Trä­ge­rin, der Gemein­de, ange­fragt. Auch Pri­va­te oder Fir­men fin­den den Kon­takt. So öff­net die Musik­schu­le ihren Schü­le­rIn­nen Türen und bie­tet ihnen die Mög­lich­keit, mit ihrer Musik schon außer­halb der Musik­schu­le ers­tes Geld mit einem „Gig“ zu ver­die­nen und sich damit in der Rol­le eines Pro­fis aus­zu­pro­bie­ren.
Die Mut­ter des Kon­tra­bas­sis­ten, die zum Gespräch dazu­kommt, erzählt lachend, dass ihr Sohn die beim Weih­nachts­markt ers­ten selbst­ver­dien­ten 20 Euro in einem Bil­der­rah­men über sei­nen Schreib­tisch gehängt habe. Ein Vater berich­tet, dass sein Sohn, ursprüng­lich Schlag­zeu­ger, mit sei­nen Freun­den eine Band gegrün­det habe und kur­zer­hand auf Gesang gewech­selt sei, da sein bes­ter Freund auch Schlag­zeu­ger sei. Nun orga­ni­sie­re er die Auf­trit­te und ver­han­de­le auch das Hono­rar für alle. Als der Schlag­zeu­ger ein­mal krank­heits­hal­ber aus­ge­fal­len sei, habe er die jün­ge­re Schwes­ter enga­giert, die bei die­ser Gele­gen­heit „um einen hal­ben Kopf gewach­sen ist“.
Doch zurück zum zwei­ten Teil des Neu­jahrs­kon­zerts. Er star­tet ganz vir­tu­os mit dem jüngs­ten Solis­ten des Abends: Leon­hard, ein hoch­be­gab­ter zehn­jäh­ri­ger Gei­ger, spielt mit dem Orches­ter den Bole­ro aus der Scè­ne de Bal­let von Charles-Augus­te de Béri­ot. Beim tosen­den Applaus fällt das Orches­ter spon­tan mit ein – man spürt, dass hier einer von ihnen vor den Vor­hang geholt wird. Nach dem offi­zi­el­len Pro­gramm spielt das Orches­ter noch zwei mit­rei­ßen­de Zuga­ben und man spürt die Freu­de, dass alles gut­ge­gan­gen ist.
Bür­ger­meis­ter und Kul­tur­re­fe­rats­lei­te­rin über­rei­chen sym­bo­lisch Geschen­ke an Diri­gent, Kon­zert­meis­ter und die Solis­tIn­nen. Die­ser Ter­min sei ein Pflicht­ter­min, aller­dings ein ange­neh­mer, wie sie lächelnd anmer­ken. Der Stolz in ihren Wor­ten ist nicht zu über­hö­ren: „Wir sind glück­lich, dass wir die Musik­schu­le haben.“

1 vgl. Kon­rad Paul Liess­mann: „Und mehr bedarfs nicht – Über Kunst in beweg­ten Zei­ten“, Rede zur Eröff­nung der Salz­bur­ger Fest­spie­le 2016, www.salzburgerfestspiele.at/blog/entryid/691 (Stand: 12.3.2018).
2 Kon­fe­renz der öster­rei­chi­schen Musik­schul­wer­ke (KOMU): Lehr­plan für Musik­schu­len. All­ge­mein päd­ago­gisch-didak­tisch-psy­cho­lo­gi­scher Teil, Punkt 7, 2009.
3 Liess­mann, a. a. O.