© Kai-Uwe Knoth

Jacobsen, Petra

Bun­te Rei­fen und gewa­sche­ne Töne

Singen trotz(t) Corona: Wiedereinstieg ins Singen in Schule und Musikschule

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 6/2021 , Seite 28

Lange konnte an Schulen und Musik­schulen nicht so gesungen werden, wie wir es gewohnt waren. In manchen Bundesländern war sogar das Singen im Freien mit Abstand nicht erlaubt. Jetzt wird es Zeit, wieder genauer hinzuhören und auch die Kinder  spielerisch anzuleiten, nicht irgendwie zu singen, sondern am eigenen Stimmklang zu  arbeiten und darüber hinaus auf den Chorklang zu achten.

Die Chor­klas­se 2c der Grund­schu­le Gods­horn steht auf mar­kier­ten Punk­ten im dop­pel­ten Halb­kreis und singt: Im Mai 2021 noch mit der hal­ben Klas­se, aber hof­fent­lich bald wie­der kom­plett. Vor ihnen, aus­ge­rüs­tet mit einem mobi­len Sprach­ver­stär­ker, ihre Leh­re­rin. – Wenn es nicht gera­de reg­ne­te oder schnei­te, ver­brach­ten wir so einen Groß­teil des Chor­klas­sen­un­ter­richts im ver­gan­ge­nen Schul­jahr. Wir hat­ten Lie­der gewählt, die wir auch mit Hil­fe der Deut­schen Gebär­den­spra­che gebär­de­ten oder mit Hand­zei­chen sol­mi­sier­ten. So konn­ten wir an den Lie­dern, die auf dem Schul­hof oder im Digi­tal­un­ter­richt gesun­gen wur­den, auch drin­nen wei­ter­ar­bei­ten und das inne­re Hören (Audia­ti­on) för­dern. Die Kin­der lern­ten auf die­se Wei­se vie­le neue Lie­der und ret­te­ten so den Spaß am Sin­gen durch die Pandemie.
Als schwie­rig erwies sich aller­dings die Akus­tik im Frei­en – und damit die Hör­kon­trol­le. Asphalt als Unter­grund und eine Begren­zung durch wenigs­tens eine Wand waren hilf­reich. Wei­ter­hin unter­stüt­zend waren gemein­sa­me Bewe­gun­gen oder beglei­ten­de Instru­men­te. Als für die Stim­me der Lehr­per­son sehr ent­las­tend erwies sich der bereits genann­te Sprach­ver­stär­ker. Damit kann für alle Kin­der gut hör­bar ganz locker lei­se gespro­chen oder gesun­gen wer­den, ohne die Stim­me zu for­cie­ren. Doch die ein­zel­nen Kin­der­stim­men errei­chen natür­lich nicht so gut unser Ohr wie in einem geschlos­se­nen Raum. Was kön­nen wir also tun, um das genaue Hin­hö­ren spie­le­risch zu för­dern, auch und gera­de wenn wir end­lich wie­der in geschlos­se­nen Räu­men sin­gen dürfen?

Liedaus­wahl und Unterrichtsgestaltung

Für unse­re Chor­klas­se habe ich den klei­nen Kanon Obst­sa­lat ausgewählt.1 Das Lied besteht aus vier zwei­tak­ti­gen Moti­ven, die rhyth­misch und melo­disch ein­fach und deut­lich unter­scheid­bar sind. Dadurch eig­net es sich für den Umgang mit Nota­ti­on und Sol­mi­sa­ti­on. Der Text ist ele­men­tar und auch für Kin­der mit wenig Deutsch­kennt­nis­sen sinn­lich erfahr­bar und leicht zu ler­nen. Die vier Far­ben der besun­ge­nen Obst­sor­ten erlau­ben es, mit farb­lich pas­sen­den Gym­nas­tik­rei­fen die Plät­ze für die jewei­li­ge Obst­sor­te für ver­schie­de­ne Spie­le zu kenn­zeich­nen und dadurch Abstän­de beim Sin­gen ein­zu­hal­ten. Wie immer sol­len im Chor­klas­sen­un­ter­richt die drei Berei­che Stimm­bil­dung, Chor­sin­gen und Musiktheorie/Hörerziehung mit­ein­an­der ver­bun­den werden.
Die Lehr­kraft kün­digt einen „musi­ka­li­schen Obst­sa­lat“ an und star­tet mit einer klei­nen Stimmbildungsgeschichte.2 In mei­ner Chor­klas­se arbei­te ich mit soge­nann­ten Ampel­kar­tei­kar­ten: Ent­spre­chend dem Grund­auf­bau von Stimm­bil­dung beginnt die Kar­tei mit roten Kar­ten zum Bereich Hal­tung, es fol­gen gel­be zur Atmung, den Abschluss bil­den grü­ne Kar­ten zur Arbeit an der Stimme.
Zunächst lockern wir unse­ren Kör­per bei der Obst­ern­te: Wir tra­gen einen gro­ßen, ima­gi­nä­ren Korb vor der Brust (Wei­tung des Ober­kör­pers) und stel­len den Korb unter einem Apfel­baum ab. Dort stre­cken wir uns, um Äpfel zu pflü­cken (Ampel­kar­tei­kar­te 17). Wir pro­bie­ren es mal mit der einen, mal mit der ande­ren Hand, mal mit bei­den – und kom­men tat­säch­lich ohne Lei­ter aus. Zwi­schen­drin legen wir die Äpfel immer wie­der vor­sich­tig im Korb vor unse­ren Füßen ab. Dann gehen wir zum Pflaumenbaum.


Zwi­schen­drin las­sen wir immer wie­der den Duft der Äpfel und Pflau­men tief in unse­ren Kör­per ein­strö­men (Ampel­kar­tei­kar­te 34). Dabei hält eine Hand das Obst­stück, die ande­re beglei­tet in einer ruhi­gen Bewe­gung den Weg des Atems nach unten und zur Sei­te. Auch das Sum­men der Insek­ten beglei­tet uns und wir imi­tie­ren Hum­meln (tie­fe Lage: „mmm“), Flie­gen (mitt­le­re Lage: „www“) und Mücken (hohe Lage: stimm­haf­tes „sss“).
Oh, da ist auch ein Johan­nis­beer­strauch! Die Lehr­kraft zupft ein paar Ris­pen mit roten Johan­nis­bee­ren ab und ver­teilt sie an die Kin­der: Die Höhe der Hand beim Her­über­rei­chen der klin­gen­den Bee­re auf reso­nanz­rei­chen Klang­sil­ben (z. B. „nu“, „nü“, „mo“) zeigt die unge­fäh­re Ton­hö­he an und die Kin­der sol­len die Bee­re auf der­sel­ben Ton­hö­he anneh­men, bevor sie sie in den Mund stecken.
Zum Schluss fin­den wir noch etwas ganz Zau­ber­haf­tes im Gar­ten: musi­ka­li­sche Bana­nen, die an rie­si­gen Stau­den wach­sen. Wir pflü­cken sie, ste­cken sie mit einem wohl­klin­gen­den „hammm“ in den gewei­te­ten Mund­raum (Ampel­kar­tei­kar­te 75), kau­en sie dabei genüss­lich und sin­gen dann mit einem Quint­fall abwärts: „Ba-na-ne“.

1 ent­hal­ten in: Petra Jacobsen/Silja Stegemeier/Silke Zies­ke: CHOR:KLASSE! – Lie­der­buch, Edi­ti­on Ome­ga, Kirch­lin­teln 2009, S. 66.
2 Die Ideen dafür stam­men aus Petra Jacobsen/Silja Stegemeier/Silke Zies­ke: CHOR:KLASSE! – Ampel­kar­tei (= 102 Bild­kar­ten mit Erläu­te­run­gen zur Stimm­bil­dung). Neu­auf­la­ge vor­aus­sicht­lich im Früh­jahr 2022 bei Schott Music.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 6/2021.