Watkins, Huw

Cal­lis­to

for solo oboe

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2017
erschienen in: üben & musizieren 3/2018 , Seite 60

Stern­gu­cker erken­nen im Namen Cal­lis­to rasch ent­we­der den zweit­größ­ten der vier Gali­lei­schen Mon­de des Pla­ne­ten Jupi­ter oder asso­zi­ie­ren ein gan­zes Son­nen­sys­tem. Bei­de sind nach der Nym­phe Kal­lis­to benannt, deren Namen mit „die Schöns­te“ über­setzt wer­den kann. Als Toch­ter des Königs Lykaon aus Arka­di­en war sie in der grie­chi­schen Mytho­lo­gie eine Gefähr­tin der Jagd­göt­tin Dia­na. Sie wur­de gegen ihren Wil­len eine Gelieb­te des Zeus: „Aller­dings rang sie dage­gen, soweit ein Weib es ver­moch­te. Doch frei­lich, wen könn­te ein Mäd­chen bezwin­gen? Wer über Jupi­ter sie­gen?“ Cal­lis­to wird schwan­ger und ver­sucht, das zu ver­ber­gen. Wäh­rend eines Bades stel­len die ande­ren Nym­phen sie bloß und ver­sto­ßen sie dar­auf­hin. Jupi­ters Gemah­lin Hera, die sich wenig erfreut zeigt, ver­wan­delt sie in eine Bärin. Seit­dem fun­kelt sie als Stern­bild vom Him­mel her­un­ter. Die­se und ande­re Ver­wand­lun­gen fin­den sich in den berühm­ten Meta­mor­pho­sen des Ovid, womit wir schließ­lich im Kern des Gesche­hens sind.
Der 1976 in Wales gebo­re­ne Ton­künst­ler Huw Wat­kins schrieb ein etwa zwei­mi­nü­ti­ges Stück mit die­sem Titel für Oboe solo. Eine gewis­se Affi­ni­tät zu den 1952 erschie­ne­nen Sechs Meta­mor­pho­sen nach Ovid von Ben­ja­min Brit­ten ist sicher­lich gewollt. Außer­dem war der Aulos, der anti­ke Vor­gän­ger der Oboe, das wich­tigs­te Blas­in­stru­ment der Grie­chen.
Inzwi­schen kann Wat­kins, her­aus­ra­gen­der Pia­nist und Pro­fes­sor für Kom­po­si­ti­on an der Roy­al Aca­de­my of Music, auf ein beacht­li­ches Schaf­fen bli­cken: zahl­reiche Kon­zer­te für Vio­line, Vio­lon­cel­lo, Flö­te, Kla­vier, ein Dop­pel­kon­zert sowie eine Rei­he von kam­mer­mu­si­ka­li­schen Wer­ken, Vokal­stü­cken und zwei Kam­mer­opern. Vor­lie­gen­des Stück kom­po­nier­te Wat­kins 2013. Die Urauf­füh­rung fand am 19. Sep­tem­ber des­sel­ben Jah­res in der Holy Tri­ni­ty Church wäh­rend des Lei­ces­ter Inter­na­tio­nal Music Fes­ti­vals durch den Obo­is­ten Nicho­las Dani­el statt. Nun brach­te Schott die­se „Meta­mor­pho­se“ ohne Vor­wort oder Erläu­te­rung her­aus. Infos dar­über wie auch die beein­dru­cken­de Vita des Ton­künst­lers fin­den sich auf der Home­page des Ver­lags.
Ähn­lich wie bei Brit­ten fin­det wäh­rend des Ver­laufs eine pro­gram­ma­ti­sche wie musi­ka­li­sche Ver­wand­lung statt. Zunächst wild und unge­zähmt in unter­schied­li­chen gera­den und unge­ra­den Sech­zehn­tel- und Ach­tel-Tak­ten mit hek­ti­schen 160 Vier­teln pro Minu­te, dyna­misch ext­rem pola­ri­sie­rend, beru­higt sich der über­aus vir­tuo­se Teil ab Takt 44 in einem „All­ar­gan­do“ fast um die Hälf­te des Anfangs­tem­pos. Dafür extre­me, vier­ma­li­ge Sprün­ge von a' zu g''', um dann im drei­fa­chen For­tis­si­mo mit der Vor­trags­be­zeich­nung „fero­ce“ (unbän­dig) zum h zu stür­zen. Ein Absturz, der sich im Ver­lauf, nun eher figu­ra­tiv, wie­der­holt und in Takt 65 mit dem b die unters­te Schwel­le erreicht. Mit einer acht­ma­li­gen Sech­zehn­tel- und Quin­to­len-Ket­te mit ver­we­hen­dem Dimi­nu­en­do bis zum es''' scheint ab Takt 78 Cal­lis­to im Tran­quil­lo-Tem­po kon­tem­pla­tiv im drei­fa­chen Pia­nis­si­mo zu leuch­ten.
Wer­ner Boden­dorff