Baur, Eva Gesine

Cho­pin oder Die Sehnsucht

Eine Biografie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: C. H. Beck, München 2009
erschienen in: üben & musizieren 4/2010 , Seite 58

Detail­lier­ter geht es wohl kaum. Die Kunst­ge­schicht­le­rin und Kul­tur­jour­na­lis­tin Eva Gesi­ne Baur hat sich mit aller Akri­bie mit dem Leben Fré­dé­ric Cho­pins ver­traut gemacht und eine volu­mi­nö­se Bio­gra­fie vor­ge­legt. In erleb­ba­rer his­to­ri­scher Gegen­wart lässt sie den Leser teil­ha­ben auch an klei­nen Din­gen im Leben ihres Prot­ago­nis­ten. So wer­den wir Zeu­ge von Cho­pins ers­tem Besuch auf Geor­ge Sands Land­sitz Nohant: „Zu Fuß geht Cho­pin mit Geor­ge und den Kin­dern hin­ter einer Frau mit wei­ßem, eckig gefal­te­tem Kopf­tuch her durch den Schloss­hof, die Kar­ren wer­den hin­ter ihnen drein­ge­scho­ben. Rechts sieht er die Wirt­schafts­ge­bäu­de und die Stal­lun­gen […] Durch den dich­ten Gar­ten gehen sie auf das zu, was sich Cha­teau Nohant nennt. […] In der Ein­gangs­hal­le begrüßt der Hund die Neuankömmlinge.“
Mit der glei­chen Aus­führ­lich­keit erfährt man von vie­ler­lei his­to­ri­schen Gescheh­nis­sen, poli­ti­schen Wir­ren, Auf­stän­den zwi­schen War­schau und Paris, nimmt teil an Cho­pins geschäft­li­chem Umgang mit Ver­le­gern oder Kon­zert­ver­an­stal­tern, wird ein­ge­weiht in glück­li­che Lie­be­lei­en und unglück­li­che Lieben.
Doch was mein­te Franz Liszt: „In das Aller­hei­ligs­te sei­nes Her­zen dran­gen selbst sei­ne nächs­ten Bekann­ten nicht ein.“ In das „Aller­hei­ligs­te sei­nes Her­zens“? Gehört dazu nicht auch sei­ne Musik? Was bleibt von einem Künst­ler, einem Kom­po­nis­ten, einem Genie gar, wenn man ihn sei­ner Kunst ent­klei­det? Ein inter­es­san­ter, weil auch neu­ro­ti­scher Mensch? Eva Gesi­ne Baur wid­met sich Cho­pins Musik sel­ten und wenn, dann unspe­zi­fisch. Und das ist in der Tat ein Man­gel die­ser Biografie.
Die Autorin hat wie­der­holt geäu­ßert, ihr läge drin­gend dar­an, ihrem „Prot­ago­nis­ten nahe“ gekom­men zu sein, „sein See­len­le­ben durch­schaut zu haben“. Die­se Nähe bringt auch Gefah­ren mit sich. Die Bio­gra­fin schlüpft näm­lich nicht sel­ten in eine Rol­le, die es ihr gestat­tet, ihren Prot­ago­nis­ten im Nach­hin­ein zu kri­ti­sie­ren, in der Art eines „Hät­test du doch nur“. Lan­ge Zeit zeich­net Baur von Cho­pin das Bild eines fau­len, mit­tel­mä­ßi­gen Kom­po­nis­ten, von einem, der Ent­schei­dun­gen scheut, abhän­gig von ande­ren und zu geben­der Lie­be nicht fähig. Und der das doch bit­te zu ändern habe. Als Cho­pin dann sei­ne Rol­le gefun­den hat, spä­tes­ten also in Paris, scheint auch Eva Gesi­ne Baur mit ihrem Schütz­ling zufrie­de­ner zu sein. Doch das Mäkeln lässt sie nicht. Und rüh­rend naiv sind man­che ihrer „Wunsch­bil­der“.
Ein wei­te­res Phä­no­men die­ser Bio­gra­fie sind die Fra­ge­zei­chen, derer sich Baur fast manisch bedient. Das gibt ihrer Spra­che einen rau­nen­den Ton. Da klingt es  so geheim­nis­voll nach „hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand“, wenn zur Bezie­hung Marie d’Agoult/Chopin gefragt wird: „Hat sie sich nur, weil der sich beharr­lich wei­ger­te, für Liszt ent­schie­den?“ Die­ses Fra­ge­prin­zip wirkt auf die Dau­er enervierend.
Hät­te der so generv­te Leser Chris­toph Rue­gers Cho­pin-Bio­gra­fie zur Hand, dann böte die­se den bes­ten Aus­gleich zu Ver­mu­tun­gen und unbe­ant­wor­te­ten Fra­gen. Rue­ger ist Musik­wis­sen­schaft­ler und hat ein ganz unprä­ten­tiö­ses, fun­dier­tes Buch über Cho­pin und sei­ne Musik geschrie­ben – kei­nen Roman, der das Leben sei­nes Prot­ago­nis­ten chro­no­lo­gisch ver­folgt. Fünf­zehn Kapi­tel wid­men sich den zen­tra­len Lebens­sta­tio­nen, zu denen auch Cho­pins Leben als umschwärm­ter Leh­rer gehört. Rue­ger mäkelt nicht. Wenn er Cho­pins Lie­be zu extra­va­gant-fei­ner Klei­dung beschreibt, so geschieht das mit sach­li­cher Empa­thie. Wenn Rue­ger über Cho­pins Bin­dungs­pro­ble­me in punk­to Frau­en oder die inni­ge Bezie­hung zu sei­nem Freund Tytus schreibt, so „raunt“ es nicht geheim­nis­voll, son­dern es wer­den schlüs­si­ge psy­cho­lo­gi­sche Denk­we­ge angeboten.
Tytus’ „Stell­ver­tre­ter­funk­ti­on“ für uner­füll­te Lie­bes­be­zie­hun­gen, sei­ne Rol­le als Cho­pins Alter Ego, die Genüg­sam­keit in der pla­to­ni­schen Lie­be des jun­gen Cho­pin, aus der her­aus das musi­ka­li­sche Schaf­fen „aus dem Her­zen“ ein­setzt als „eine idea­le Form der Sub­li­ma­ti­on“ – das weni­ge schon macht den Leser wach, sich sei­ne eige­nen Fra­gen über Cho­pins „Inners­tes“ zu stellen.
Ver­gleicht man die Dar­stel­lung einer Bege­ben­heit wäh­rend des zwei­ten Wien-Auf­ent­halts in Rue­gers und Bau­rs Bio­gra­fien, so spürt man den Unter­schied in bei­der Hal­tun­gen zur Per­son ihres Inter­es­ses. Rue­ger unter­bricht das lan­ge Zitat aus Cho­pins Brief an Jan Matu­s­zyn­ski über sei­nen Hei­lig­abend-Besuch im noch lee­ren Ste­phans­dom nicht, fällt Cho­pin nicht ins Wort und kon­sta­tiert: „Er lotet die düs­te­re Stim­mung mit Genuss aus.“ Baur bie­tet Bruch­stü­cke des Zitats, ergänzt mit eige­nen Wor­ten, schafft so eine unru­hi­ge Atem­lo­sig­keit. Baur schafft Stim­mun­gen, Rue­ger klärt auf.
Rue­ger hat in sei­nem Buch der Musik einen eige­nen, nach Werk­for­men geglie­der­ten Kapi­tel­teil bei­gege­ben, den auch der musi­ka­li­sche Laie mit Gewinn lesen wird. Aber auch inner­halb des bio­gra­fi­schen Teils kommt die Musik zur Spra­che in dich­tem Kon­takt auch zu psy­chisch-see­li­schen Berei­chen. Wem die­se musi­ka­li­sche Nähe zu Cho­pin sowie­so näher liegt, dem ist ohne­dies als Ergän­zung zu den bei­den hier vor­ge­stell­ten Büchern zu Mie­c­zys­law Tomas­zew­kis oder Tade­usz A. Zielinskis bewähr­ten Cho­pin-Mono­gra­fien zu raten.
Gün­ter Matysiak