Ermert, Karl (Hg.)

Chor­mu­sik und Migra­ti­ons­ge­sell­schaft

Erhebungen und Überlegungen zu Kinder- und Jugendchören als Orte transkultureller Teilhabe

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bundesakademie für Kulturelle Bildung, Wolfenbüttel 2016
erschienen in: üben & musizieren 6/2016 , Seite 50

Wie funk­tio­nie­ren Chö­re, allem vor­an Kin­der- und Jugend­chö­re, als sozia­le Kul­tur­or­te?“ Denn dass sie mehr als ein Zusammen­kommen sing­be­geis­ter­ter Men­schen sind, steht außer Fra­ge. Wei­ter gefragt: „Die­nen Kul­tur­or­te als Lern­or­te inter­kul­tu­rel­ler Kom­pe­tenz?“
Mit Fra­ge­stel­lun­gen wie die­sen schlie­ßen Karl Ermert und vie­le nam­haf­te Kol­le­gIn­nen aus Theo­rie und Pra­xis in der vor­lie­gen­den Publi­ka­ti­on eine wis­sen­schaft­li­che Lücke. Von kultur­politischen Ein­bli­cken über Ent­wick­lun­gen der Stim­me und des Chor­sin­gens in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren bis hin zu Pra­xis­ein­bli­cken in trans­kul­tu­rel­le Chor­lei­tungs­ar­beit wer­den zahl­rei­che Kon­tex­te mit­ge­dacht. Empi­risch geht es jedoch um die Fra­ge, „ob Kin­der und Jugend­li­che mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund – wie in Tei­len der Öffent­lich­keit ange­nom­men – tat­säch­lich in deut­schen Kin­der- und Jugend­chö­ren unter­re­prä­sen­tiert sind“.
Der Kon­text der Erhe­bun­gen ist beacht­lich, denn bun­des­weit exis­tie­ren 60000 Chö­re mit zwei bis drei Mil­lio­nen Sän­ge­rIn­nen, davon 700000 akti­ve Kin­der und Jugend­li­che. Die vor­lie­gen­de Stu­die (Lauf­zeit Okto­ber 2014 bis April 2016) doku­men­tiert die Unter­su­chun­gen des For­schungs­pro­jekts „Chor­mu­sik und Migra­ti­ons­ge­sell­schaft“ des Arbeits­krei­ses Musik in der Jugend, die Bei­trä­ge aus der gemein­sam mit der Bun­des­aka­de­mie für kul­tu­rel­le Bil­dung Wol­fen­büt­tel ver­an­stal­te­ten Tagung und Gast­bei­trä­ge. Befragt wur­den Chor­lei­te­rIn­nen als Schlüs­sel­per­so­nen zu ihren Chö­ren. Der Rück­lauf mit knapp 200 Daten­sät­zen ist jedoch gering. Der Fokus auf die Ziel­grup­pe „Men­schen mit Mig­rationshintergrund“ ist pro­ble­ma­tisch, macht man sie doch so erst zu einem The­ma. Das Erstre­bens­wer­te, mit einer Ziel­grup­pe anstatt über sie zu spre­chen, wird in die­sem Buch ver­nach­läs­sigt.
Den­noch sind die Aus­wer­tun­gen infor­ma­tiv und ­inter­es­sant: Kin­der- und Jugend­chö­re sind inter­kul­tu­rel­ler zusam­men­ge­setzt, als ange­nom­men wird, und der Migra­ti­ons­hin­ter­grund ist bezo­gen auf den Kul­tur­ort kein bedeut­sa­mer Aspekt.
Das Buch schafft es, die Stu­die so ein­zu­bet­ten, dass man viel­schich­tig in das The­ma Chor­kul­tur und geo­gra­fisch beding­te Viel­falt ein­taucht. Der Leser wird sen­si­bi­li­siert für Begrif­fe, The­men und etwai­ge Details. Scheu und Vor­ur­tei­le kris­tal­li­sie­ren sich als kei­ne guten Moti­va­to­ren her­aus. Und wer sagt über­haupt, dass sich Kin­der mit ­Migra­ti­ons­hin­ter­grund mit ihrer deut­schen Hei­mat iden­ti­fi­zie­ren und in einen deut­schen Chor ein­brin­gen möch­ten? Die Lek­tü­re des Buchs ist emp­feh­lens­wert, auch wenn es sich nicht um ein „Will­kom­mens­kul­tur-Buch“ han­delt.
Eva-Maria Kös­ters