© Eva Erben

Erben, Eva

Das Instrument als Spielplatz

Spielideen für den Musizierunterricht: traditionell und analog

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 2/2026 , Seite 22

Lernst du noch oder spielst du schon? Spielen sollte im Musizierunterricht einen festen Platz haben. Das ist unbestritten. Es heißt nicht umsonst: Ich spiele ein Instrument. Umso wichtiger erscheint es mir deshalb, Spiele – vor allem im Anfangsunterricht mit Grund­schulkindern – analog anzubieten und so die Spielfreude am Instrument zu entfalten und zu erhalten.

Lasst uns spielen! Dieser Ausruf tut not. Der Neurobiologe Gerald Hüther und der Philosoph Christoph Quarch formulieren es drastischer und fordern in ihrem gleichnamigen Buch: „Rettet das Spiel!“1 Das analoge Kulturgut Spiel scheint in unserem von Effizienz, Funktionalität und Produktivität bestimmten Leben zunehmend ein Schattendasein zu führen.
Uns scheint die Lust am Spielen verloren gegangen zu sein. Andreas Doerne fragt plakativ: „Warum nur spielen wir so wenig, wenn wir Musik machen?“2 Dabei ist Spielen alles andere als nutzloser Zeitvertreib. Spielen beinhaltet immer auch Lernen, ist ohne Lernen nicht denkbar. Doch „da der Instrumentalunterricht für die meisten Menschen im Jahr des Schuleintritts beginnt und – bei aller zunächst möglicherweise vorhandenen spielerischen Orientierung – in erster Linie die sogenannte deliberate practise, also das systematische und zielgerichtete Üben zum Ziel hat, ist das Musizieren mit einer Art Ursünde belastet: Es wird von allen Beteiligten hauptsächlich jenem Bereich des Ernstes, der Arbeit und des vom Spiel abgetrennten Lernens zugerechnet. Und das, obwohl es doch im Kern Spiel ist!“3 So wird Spielen plötzlich zur Spielerei degradiert und das ihm innewohnende Potenzial verkannt.
Was das Spiel auch und gerade im Bereich der Künste zu leisten vermag, beschreibt Michael Rosen anschaulich: „Play is at the heart of creativity, music, dance, song, poetry and art – it is a form of experimentation that loosens the often rigid boundaries of our very structured world, allowing us to try, allowing us to fail, allowing us to see that success might come in an unexpected shape, colour, sound or configuration. And out of this play, or through this play, we create art.“4 Unser volles künstlerisches Potenzial entfaltet sich demzufolge paradoxerweise am besten, wenn wir beim Musizieren zuallererst fernab des Leistungsaspekts spielend experimentieren, gestalten, Fehler machen und scheitern dürfen.
Das gelingt meiner Erfahrung nach wesentlich besser im lebendigen Miteinander als virtuell. Indem wir mit unseren Schülerinnen und Schülern in den analogen Spielraum eintreten, eröffnen wir uns die Chance, uns „als aktive, lustvolle und kreative Entdecker und Gestalter unserer Möglichkeiten zu erfahren“.5 Hinzu kommt das haptische Moment, das dem Bedürfnis, Dinge anzufassen, zu erspüren und im wahrsten Sinne des Wortes zu „be-greifen“, entgegenkommt.
Welche Voraussetzungen muss nun aber ein solches Spiel erfüllen? Aus neurobiologischer und philosophischer Sicht lautet die Antwort: „Es muss jedem Einzelnen die Möglichkeit bieten, sich innerhalb der Spielregeln frei zu fühlen, seine kreativen Potenziale zu entfalten, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vervollkommnen, sein Wissen und Können zu erweitern, sich also spielerisch weiterzuentwickeln.“6

Unser volles künstlerisches Potenzial entfaltet sich am besten, wenn wir beim Musizieren fernab des Leistungsaspekts spielend experimentieren.

In seiner faszinierendsten Form lässt sich diese Art von Spiel beobachten, wenn das Instrument selbst zum Spielzeug wird. Ein Glückspilz darf sich nennen, wem es vergönnt ist, sein Instrument so für sich zu entdecken und liebzugewinnen wie beispielsweise Antonin, der eine Geige geschenkt bekommen hat: „Er nimmt sie und spielt. Das heißt: Er spielt nicht auf der Geige – er spielt, er spiele Geige. Dann spielt er, mit der Geige Musik zu spielen. Jetzt fängt er an, den Tönen sehr intensiv zu lauschen. Er sitzt im Schneidersitz, sehr in sich gekehrt, und spielt nun nicht mehr mit der Geige, sondern mit den Tönen der Geige. Man könnte sich Sorgen machen. Er hält den Bogen nicht richtig. Man könnte eingreifen. Sich denken: Wenn er das nicht von Anfang an richtig tut, werden sich ‚schlechte Gewohnheiten‘ verfestigen. […] Ein paar Tage danach, ohne jede Vorankündigung, hält er den Bogen ‚richtig‘. Seine Haltung ist zu 100 Prozent korrekt und zeigt keine Spur von Anstrengung.“7 Es fällt Erwachsenen mitunter schwer, in einer Szene wie der beschriebenen das erforderliche Vertrauen und die Geduld aufzubringen. Allzu gerne greifen wir ein und zeigen, wie es geht. Doch jedes Kind bringt eigene Spielerfahrung mit, wenn es zu uns in den Unterricht kommt. Es gilt, daran anzuknüpfen.
Wenn das Instrument auch nicht immer wie bei Antonin als Spielzeug wahrgenommen wird, so kann es doch Spielplatz sein und mit allen Sinnen erforscht und erobert werden. Im Folgenden werden sieben Spielideen vorgestellt, bei denen das Instrument im Mittelpunkt des Spielgeschehens steht. Ich habe sie ursprünglich für den Klavier­unterricht mit Kindern im Alter von etwa fünf bis zwölf Jahren gesammelt bzw. konzipiert und in der Praxis erprobt. Doch mit ein wenig Fantasie können die Spiele auf andere Ins­trumente übertragen und auch mit Erwachsenen gespielt werden.8

1 Hüther, Gerald/Quarch, Christoph: Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist, München 2016.
2 Doerne, Andreas: „Warum nur spielen wir so wenig, wenn wir Musik machen?“, https://www.musikschullabor.de/ideenlabor/sp-3-ad/ (Stand: 23.11.2025).
3 ebd.
4 Rosen Michael: Michael Rosen’s Book of Play! Why Play ­Really Matters, and 101 Ways to Get More of It in Your Life, London 2020, S. 25.
5 Hüther/Quarch, S. 18f.
6 ebd., S. 21.
7 Stern, André: Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben, München 22016, S. 21.
8 Von den hier vorgestellten Spielen zu unterscheiden, sind Lernmaterialien und Lernspiele, wie sie in der Reformpädagogik üblich sind. Diese besitzen einen hohen Aufforderungscharakter, meist eine Fehlerkontrolle und dienen der sicheren Aneignung von musikalischen Lerninhalten. Sie basieren häufig auf traditionellen Spielformen wie Domino oder Memory (vgl. u. a. Erben, Eva: „Hilf mir, es selbst zu tun“, in: musikpraxis 103, 26. Jg., 2004, Heft 3, S. 2-14 und Losert, Martin: „Lernen beim Spielen. Spielmaterialien im Instrumentalunterricht“, in: üben & musizieren, 27. Jg., 2010, Heft 5, S. 6-11).

Lesen Sie weiter in Ausgabe 2/2026.

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