© Dan Race_stock.adobe.com

Kirschning, Antje

Das ist doch nicht so gemeint“

Über alltäglichen Sexismus an Musikhochschulen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 6/2017 , Seite 44

Sexualisierte Diskriminierung gibt es überall, selbstverständlich auch im Studium.An Musikhochschulen ist dieses Thema besonders sensibel und schwierig zu handhaben, denn im Unterricht kommen sich die Lehren­den und Studierenden im wahrsten Sinne des Wortes "sehr nahe". Da kann es mitunter zu Situationen kommen, in denenpersönliche Grenzen missachtet und überschritten werden.

Ein respekt­vol­les Mit­ein­an­der för­dert die Krea­ti­vi­tät, beschleu­nigt die künst­le­ri­sche Ent­wick­lung und ermög­licht damit letzt­lich exzel­len­te Leis­tun­gen. Des­halb hat die Rek­to­ren­kon­fe­renz der Musik­hoch­schu­len (RKM) 2016 die Arbeits­grup­pe „Sexua­li­sier­te Dis­kri­mi­nie­rung“ gebil­det. Sie ent­wi­ckelt der­zeit bun­des­weit ein­heit­li­che Qua­li­täts­stan­dards und berück­sich­tigt dabei die Beson­der­hei­ten an künst­le­ri­schen Hoch­schu­len, da wäh­rend des Musik­un­ter­richts die Tech­nik am Instru­ment ver­mit­telt und per­fek­tio­niert wird. Ein Aspekt ist dabei die Kör­per­ar­beit, bei der die Hal­tung und die Atmung reflek­tiert, kom­men­tiert und kor­ri­giert wer­den. Beim Gesangs­un­ter­richt ist der Kör­per sogar das Inst­rument, mit dem musi­ziert wird. Auch die Stim­mung oder Tages­form kann dabei The­ma sein, denn sie lässt sich nicht ver­heim­li­chen oder „über­spie­len“. Inhalt­lich geht es in der Musik oft um star­ke Gefüh­le wie Freu­de und Trau­er oder Lie­be und Hass. In Opern zum Bei­spiel kom­men inti­me, ero­ti­sche und auch gewalt­tä­ti­ge Sze­nen vor.
Ein wei­te­rer Aspekt kommt hin­zu: Der Ein­zel­un­ter­richt fin­det teil­wei­se außer­halb der Hoch­schu­le, zum Bei­spiel in Pri­vat­räu­men, statt oder zu Zei­ten, zu denen die Gebäu­de wenig besucht sind. Es gibt Lehr­for­ma­te mit Kon­zer­ten in den Abend­stun­den oder am Wochen­en­de und oft gehen die­se naht­los in Fei­er­lich­kei­ten über. Folg­lich setzt der Unter­richt an Musik­hoch­schu­len ein gro­ßes per­sön­li­ches Ver­trau­en zwi­schen Leh­ren­den und Stu­die­ren­den vor­aus, das im Ide­al­fall im Lauf der Zeit wächst. Zudem ver­läuft die Ent­wick­lung der Stu­die­ren­den zu einer „künst­le­ri­schen Per­sön­lich­keit“ oft­mals nicht gerad­linig. Bei den Umwe­gen und Irr­we­gen, die zum Leben dazu­ge­hö­ren, geht sie mit­un­ter bis an die per­sön­li­chen oder kör­per­li­chen Gren­zen. Dann ist es beson­ders wich­tig, dass die Stu­die­ren­den psy­chisch auf­ge­fan­gen wer­den.
In die­sem kom­ple­xen Lern­pro­zess muss das Bedürf­nis nach Distanz und Nähe immer wie­der neu aus­ta­riert wer­den. Die­se Beson­der­hei­ten hat die Bun­des­kon­fe­renz der Frau­en- und Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten an Hoch­schu­len (BuKoF) sehr gut beschrie­ben und resü­miert: „Sol­che Lehr­for­ma­te und Lehr­ver­hält­nis­se set­zen eine beson­ders hohe Pro­fes­sio­na­li­tät der Leh­ren­den vor­aus. Das bedeu­tet, sie benö­ti­gen ein Bewusst­sein für Grenz­si­tua­tio­nen, Acht­sam­keit und Respekt im Umgang mit Stu­die­ren­den und Kolleg*innen und ihren je unter­schied­li­chen Grenzen.“1

Schau­platz öffent­licher Meis­ter­kurs

Eine Sze­ne, die ver­deut­licht, wie wich­tig es ist, mit den Gren­zen des Gegen­übers sen­si­bel umzu­ge­hen, wird in der Zei­tung Die Welt beschrie­ben. In einem Arti­kel über einen Meis­ter­kurs gibt es eine Situa­ti­on, die sich so oder so ähn­lich hun­dert­fach an Musik­hoch­schu­len abspielt. Sie­ben auf­ge­reg­te Gesangs­stu­die­ren­de sin­gen in einem vol­len Saal vor einem Büh­nen­pro­fi. Die Stim­mung erin­nert die Autorin an eine Cas­ting-Show: „Und dann betritt eine jun­ge, sehr schö­ne Frau mit sehr kur­zem Kleid die Büh­ne […] Der Musik­pro­fes­sor bewegt sich stap­fend über die Büh­ne hin zur Inter­pre­tin. ,Töne, die Sie nicht im Rücken spü­ren, gibt es gar nicht‘, schmet­tert er ihr ent­ge­gen. ,Hocken Sie sich mal auf den Boden.‘ Die jun­ge Frau schaut ver­stört. ,Ja, ja, Sie hören rich­tig, da pas­siert aber nichts. Ich bin glück­lich ver­hei­ra­tet. Sie sol­len sich hin­ho­cken, weil […] ich kom­me nicht an Sie ran.‘ [Der Pro­fes­sor] tritt hin­ter die Sän­ge­rin, legt ihr die Hän­de auf die Schul­ter und ent­lockt ihr einen Ton. ,Das klingt ver­schlos­sen wie die Bank von Eng­land‘, kom­men­tiert er. ,Öff­nen Sie den Tre­sor. Bei jeder Dyna­mik ent­steht eine eige­ne Klang­farbe. So, und jetzt den­ken Sie mal, ,je suis eine Köni­gin‘. Ich sin­ge euch alle in Grund und Boden. Sie sind doch eine so schö­ne Frau!“2
Stel­len wir zunächst klar: In einem sol­chen Meis­ter­kurs geht es dar­um, an der sän­ge­ri­schen und musi­ka­li­schen Per­for­mance zu arbei­ten. Sub­til ver­mischt der Pro­fes­sor hier den Unter­richt mit ande­ren Bot­schaf­ten. Die Stu­den­tin wird als „sehr schö­ne Frau“ bezeich­net. Wel­che Rol­le spielt das? Was wäre, wenn sie nicht „schön“ wäre? Inter­es­sant ist, dass sowohl die Autorin als auch der Pro­fes­sor die Stu­den­tin „schön“ fin­den. Es gibt zwar gesell­schaft­lich geteil­te Über­zeu­gun­gen davon, wel­che Frau­en oder Män­ner als attrak­tiv gel­ten, doch die Wahr­neh­mung von Schön­heit ist höchst sub­jek­tiv. Die Bewer­tung, sie sei „doch eine so schö­ne Frau“ mag als Kom­pli­ment gemeint sein. In die­ser Situa­ti­on besteht jedoch eine Hier­ar­chie: Er als Leh­rer nimmt sich das Recht, das Äuße­re der Schü­le­rin auf offe­ner Büh­ne zu kom­men­tie­ren. Das ist respekt­los und demü­ti­gend. Er miss­braucht in die­sem Moment sei­ne Macht als Lehr­per­son.
Übri­gens: Das Aus­se­hen der ande­ren – männ­lichen – Sän­ger wird in dem Arti­kel nicht kom­men­tiert und von einer zwei­ten Sän­ge­rin ist nicht die Rede. Es ist sym­pto­ma­tisch, dass auf das Äuße­re von Frau­en mehr oder weni­ger aus­führ­lich und bewer­tend ein­ge­gangen wird, wohin­ge­gen bei Män­nern im All­ge­mei­nen und auch in die­sem Arti­kel der Fokus auf der Per­for­mance liegt und die Inhal­te zäh­len.

Was ist das eigent­lich: Sexis­mus?

Das Bei­spiel zeigt, dass sexua­li­sier­te Dis­kri­mi­nie­rung nichts mit Sexua­li­tät zu tun hat, son­dern mit Macht. Dafür gibt es ein Wort: Sexis­mus. Er gehört zu unse­rem All­tag – wir neh­men ihn aber oft nicht bewusst wahr, eben weil er so all­täg­lich ist. Des­halb ist es wich­tig, sexis­ti­sche Macht­de­mons­tra­tio­nen und „Macht­spiel­chen“ als sol­che zu benen­nen. Wer das im wah­ren Leben macht, hört oft Sät­ze wie: „Das ist doch nicht so gemeint. Ich woll­te nur ein Kom­pli­ment machen. Ich bin doch kein Sexist…“ Sie geben deut­lich zu ver­ste­hen: Ich habe nichts Unrech­tes getan, hier gibt es kein Pro­blem. Und wenn es hier ein Pro­blem geben soll­te, dann ist es ein pri­va­tes – und zwar eines der ande­ren. Wer Sexis­mus the­ma­ti­siert, stellt immer auch die Fra­ge nach der Macht, nach ihrer unglei­chen Ver­tei­lung und nach den Stra­te­gi­en, mit denen die­se Ver­hält­nis­se auf­recht­erhal­ten wer­den.

Wer Sexis­mus the­ma­ti­siert, stellt immer auch die Fra­ge nach der Macht.

Sexis­mus ist ein Über­be­griff für sexu­el­le Beläs­ti­gung und ande­re For­men von sexua­li­sier­ter Gewalt. 2016 wur­de das deut­sche Straf­recht refor­miert. Dabei wur­den die juris­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen für eine Ver­ur­tei­lung wegen sexu­el­ler Nöti­gung oder Ver­ge­wal­ti­gung ver­rin­gert. Bis­her galt, dass ein Täter nur ver­ur­teilt wer­den konn­te, wenn er Gewalt ange­droht oder ange­wen­det hat oder das Opfer schutz­los war. Dadurch blie­ben zum Bei­spiel Grap­sche­rei­en häu­fig unge­ahn­det oder Über­grif­fe, bei denen sich das Opfer nicht kör­per­lich wider­setz­te. Künf­tig soll der „Nein heißt Nein“-Grundsatz gel­ten. Er besagt, dass sich schon der­je­ni­ge straf­bar macht, der „gegen den erkenn­ba­ren Wil­len einer ande­ren Per­son sexu­el­le Hand­lun­gen“ voll­zieht. Dafür dro­hen künf­tig Haft­stra­fen von bis zu fünf Jah­ren.
„Erkenn­bar“ bedeu­tet dabei, dass auch ein­fa­che ver­ba­le Äuße­run­gen wie eben ein „Nein“ oder ein „Hör auf“ genü­gen kön­nen. Ent­schei­dend ist, dass das Opfer nach­voll­zieh­bar dar­stel­len kann, dass es sich gegen die Hand­lung aus­ge­spro­chen hat. Kri­ti­ke­rIn­nen argu­men­tie­ren, dass dies zu weit gehe. Was eine Per­son als beläs­ti­gend emp­fin­det, ist von der ande­ren Per­son mög­li­cher­wei­se nicht grenz­über­schrei­tend gemeint. Umso wich­ti­ger ist es, dass wir uns früh­zei­tig dar­über aus­tau­schen, wie wir respekt­voll mit­ein­an­der umge­hen und Grenz­über­schrei­tun­gen vor­beu­gen.

Das Opfer beschul­di­gen: „vic­tim bla­ming“

Zurück zu unse­rem Bei­spiel. Die Stu­den­tin trägt ein Kleid. Wir erfah­ren, es ist „sehr kurz“. Spielt das eine Rol­le? Und wenn ja, wel­che? Bei Ver­ur­tei­lun­gen wegen sexu­el­ler Beläs­ti­gung und Gewalt wird oft nach einer Mit­ver­ant­wor­tung der Opfer gesucht nach dem Mot­to: „Damit musst du eben rech­nen, wenn du einen Mini­rock trägst.“ Mit die­sem Erklä­rungs­mus­ter wird das Opfer als Ursa­che für sexua­li­sier­te Gewalt in den Fokus gerückt. Die Unter­stel­lung lau­tet, das Opfer selbst habe durch bestimm­te Fak­to­ren wie etwa Klei­dungs­stil, Ver­hal­tens­wei­se oder ­Alko­hol­kon­sum sexua­li­sier­te Gewalt aus­ge­löst.
Dem Opfer wird sug­ge­riert, es hät­te eine Mit­schuld oder sogar die Haupt­schuld dar­an, dass ihm Gewalt ange­tan wur­de. Das führt dazu, dass Betrof­fe­ne sehr häu­fig nicht die Unter­stüt­zung bekom­men, die sie benö­ti­gen. Außer­dem suchen vie­le Opfer die Schuld bei sich und trau­en sich nicht, über ihre Erfah­run­gen zu spre­chen – oder sie sogar zur Anzei­ge zu brin­gen. Die­je­ni­gen, die ande­re beläs­ti­gen, wer­den wie­der­um ent­las­tet, da sie argu­men­tie­ren kön­nen, sie hät­ten sich zum Bei­spiel auf­grund der Klei­dung des Opfers auf­ge­for­dert gefühlt und sich nicht „beherr­schen“ kön­nen. Die­sem Erklä­rungs­mo­dell liegt aller­dings auch ein pro­ble­ma­ti­sches Bild von Män­nern zugrun­de, die sich als ani­ma­li­sche Trieb­tä­ter „nicht im Griff haben“. Seit den 1970er Jah­ren hat sich für die­se Stra­te­gie der Schuld­um­kehr die Bezeich­nung „vic­tim bla­ming“ durchgesetzt.3
Indem der Pro­fes­sor sagt: „Hocken Sie sich mal auf den Boden“, erteilt er der Stu­den­tin eine Anwei­sung. Er über­geht, dass sie irri­tiert reagiert. Dies hät­te ihm den Hin­weis geben kön­nen, dass hier eine Erklä­rung oder mehr Höf­lich­keit ange­bracht wäre. Durch das Hin­ho­cken wird sie nun neben der bestehen­den Hier­ar­chie auch auf einer kör­per­li­chen Ebe­ne in eine unter­ge­be­ne Posi­ti­on gebracht und damit „klein gemacht“. Eine respekt­vol­le Auf­for­de­rung hät­te der Stu­den­tin signa­li­siert, dass der Pro­fes­sor dar­um weiß, dass das Hin­ho­cken vor dem Sta­tus­hö­he­ren als unan­ge­bracht und hei­kel emp­fun­den wer­den kann.
Statt­des­sen fährt er fort: „Ja, ja, Sie hören rich­tig, da pas­siert aber nichts.“ Was könn­te denn „pas­sie­ren“? Nun kommt ein­deu­tig eine sexu­el­le Kom­po­nen­te hin­zu: „Ich bin glück­lich ver­hei­ra­tet.“ Was ist der Sub­text? Was wäre, wenn er unglück­lich ver­hei­ra­tet wäre? Wür­de dann „was pas­sie­ren“? Wel­ches Bild von sei­ner Ehe ver­brei­tet er neben­bei? Beson­ders per­fi­de ist, dass er der Stu­den­tin unter­stellt, sie habe Fan­ta­si­en sexu­el­ler Natur. Er beschul­digt sozu­sa­gen sein Opfer und weist sie qua­si zurück mit „da pas­siert aber nichts“. Denn er ist ja ver­hei­ra­tet. Erst spä­ter begrün­det er sei­ne Anwei­sung mit einem sach­li­chen Grund: dem Grö­ßen­un­ter­schied. Er hät­te sie auch gleich höf­lich bit­ten kön­nen, sich hin­zu­ho­cken, damit er an ihre Schul­ter her­an­kommt.

Sexis­tisch sein kön­nen Män­ner und Frau­en

Die Autorin nimmt die Ver­stö­rung wahr, the­ma­ti­siert jedoch in ihrem Bei­trag nicht deren Umstän­de. Hier wird deut­lich: Sexis­mus kommt ein­mal in direk­ter Inter­ak­ti­on zum Aus­druck und wird wei­ter­hin legi­ti­miert durch Nicht-Wahr­neh­men oder Nicht-Benen­nen. Das Bei­spiel macht deut­lich: Sexis­mus ist unab­hän­gig vom Geschlecht. Der Pro­fes­sor „legt ihr die Hän­de auf die Schul­ter und ent­lockt ihr einen Ton“. Ange­bracht wäre, dass er sie vor­her fragt, ob sie damit ein­ver­stan­den ist. Und wenn er fragt, muss er die Ant­wort abwar­ten, denn sie könn­te ja auch ableh­nen. Zumin­dest soll­te er sei­ne päd­ago­gi­sche Inter­ven­ti­on mit Kör­per­kon­takt vor­ab ankün­di­gen und erklä­ren. So ist dies auch bei einer Begeg­nung mit einer Ärz­tin oder einem Arzt üblich.
Es macht einen Unter­schied, aus wel­cher Posi­ti­on her­aus sich jemand einen Spruch oder einen Witz „erlau­ben“ kann und wel­che Mög­lich­kei­ten das Gegen­über hat, sich dage­gen zur Wehr zu set­zen. Umge­kehrt wäre es undenk­bar, dass die Stu­den­tin in der beschrie­be­nen Situa­ti­on das Aus­se­hen des Leh­rers kom­men­tiert hät­te. Im Kon­text des Unter­richts ist die Macht gene­rell extrem ungleich ver­teilt, da die Lehr­per­son am Ende die Stu­den­tin oder den Stu­den­ten beno­tet und ihre Emp­feh­lun­gen über deren wei­te­re künstle­rische Kar­rie­re mit­ent­schei­den. Hier ist der Grenz­über­griff ein ein­sei­ti­ges Ver­hal­ten einer Lehr­per­son, die als künst­le­ri­sche Auto­ri­tät geach­tet oder gar als Idol ver­ehrt wird. Eine ableh­nen­de Reak­ti­on der Stu­den­tin ist vor Publi­kum kaum mög­lich. Die Gefahr, sich lächer­lich zu machen und wei­ter bloß­ge­stellt zu wer­den, ist groß. Sie könn­te das Vor­sin­gen abbre­chen. Dann wür­de sie wohl als humor­los, zim­per­lich und prü­de von der Büh­ne gehen. Oder sie müss­te sehr schlag­fer­tig kon­tern, doch dann wäre ihr Ruf an der Hoch­schule eben­falls beschä­digt – und dar­über hin­aus zum Bei­spiel auch bei Wett­be­wer­ben. Sie soll­te kei­ne Angst haben müs­sen vor nega­ti­ven Fol­gen, denn allein die­se Angst gibt den­je­ni­gen, die ande­re sexu­ell beläs­ti­gen, so viel Macht.4

Mit Nähe und Distanz umge­hen

Es han­delt sich hier nicht um eine Ein­zel­erfah­rung, die bedau­er­lich ist und für die es eine indi­vi­du­el­le, pri­va­te Lösung zu fin­den gilt. Viel­mehr erle­ben Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten häu­fig sehr ähn­li­che sexis­ti­sche Situa­tio­nen. Es geht beim öffent­li­chen Spre­chen über Sexis­mus nicht dar­um, zu mora­li­sie­ren und ein­zel­ne Men­schen wegen ihres Fehl­ver­hal­tens bloß­zu­stel­len. Viel­mehr geht es dar­um auf­zu­zei­gen, dass eine kon­kre­te Situa­tion wie Sexis­mus in einem öffent­li­chen Meis­ter­kurs Aus­druck eines struk­tu­rel­len, gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Pro­blems ist, das wir nur im Kon­kre­ten in den Griff bekom­men. Vor­an bringt uns nur ein Dia­log in der Situa­ti­on. Das erfor­dert Mut.
Auch an Musik­hoch­schu­len müs­sen wir uns über unse­re Erfah­run­gen mit Grenz­ver­let­zun­gen, Dis­kri­mi­nie­rung und dem Bedürf­nis nach Distanz und Nähe aus­tau­schen. Gemein­sam müs­sen wir nach Metho­den und Lösun­gen suchen, die sich im All­tag umset­zen lassen.5 Die­ser Aus­tausch soll­te im bes­ten Fall zu Anfang des Stu­di­ums begin­nen und regel­mä­ßig durch die Hoch­schu­le ermög­licht, das heißt also insti­tu­tio­na­li­siert wer­den. So wie Stu­die­ren­de an wis­sen­schaft­li­chen Hoch­schu­len ler­nen und üben, wis­sen­schaft­lich kor­rekt zu arbei­ten, so soll­ten Stu­die­ren­de an künst­le­ri­schen Hoch­schu­len fort­lau­fend den Umgang mit Nähe und Distanz ler­nen und üben. Sie soll­ten trai­nie­ren, die eige­nen Gren­zen und die des Gegen­übers wahr­zu­neh­men und zu respek­tie­ren, da im künst­le­ri­schen Ent­wick­lungs­pro­zess die Bezie­hun­gen zu den Leh­ren­den auch kör­per­li­che Bezug­nah­men ein­schlie­ßen.
Die beschrie­be­ne Sze­ne ver­deut­licht, dass an Musik­hoch­schu­len der Umgang mit sexu­el­ler Beläs­ti­gung beson­ders sen­si­bel und schwie­rig zu hand­ha­ben ist. Aus ihren Erfah­run­gen kommt die Bun­des­kon­fe­renz der Frau­en- und Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten an Hoch­schu­len (BuKoF) zu dem Schluss: „Der Grenz­über­griff ist stets ein ein­sei­ti­ges Ver­hal­ten und zwingt die Betrof­fe­nen zu einer ableh­nen­den Reak­ti­on auf sehr per­sön­li­cher Ebe­ne gegen­über einer Lehr­per­son, die als künst­le­ri­sche Auto­ri­tät geach­tet wird. Fast immer haben die Betrof­fe­nen den Anspruch, dass die Lehr­per­son kei­nen Gesichts­ver­lust erlei­det, dass sie auf kei­nen Fall ver­letzt oder belei­digt wird, dass die Aner­ken­nung und För­de­rung durch die­se Lehr­per­son nicht aufs Spiel gesetzt wird. Daher liegt die Ver­ant­wor­tung dafür, dass die Stu­die­ren­den einem sol­chen emo­tio­na­len Druck nicht aus­ge­setzt sind, bei den Leh­ren­den und bei den künst­le­ri­schen Hochschulen.“6
Die BuKoF for­dert in ihren Hand­lungs­emp­feh­lun­gen zum Umgang mit sexua­li­sier­ter Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt, dass sich jede Hoch­schu­le öffent­lich gegen sexua­li­sier­te Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt posi­tio­niert und bei neu ein­ge­stell­tem Lehr­per­so­nal ent­spre­chen­de Ver­ein­ba­run­gen unter­zeich­net wer­den. Jede Hoch­schu­le soll­te eine Richt­li­nie für einen respekt­vol­len und fai­ren Umgang mit­ein­an­der ver­ab­schie­den und Beschwer­de­richt­li­ni­en für den Umgang mit sexua­li­sier­ter Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt erlas­sen. Außer­dem soll­ten alle Ansprech­per­so­nen öffent­lich bekannt gege­ben und intern oder extern wei­ter­ge­bil­det wer­den. Schließ­lich schlägt die BuKoF Fort­bil­dun­gen zur Prä­ven­ti­on von Grenz­überschreitungen, kol­le­gia­le Bera­tun­gen und Super­vi­sio­nen vor.
An man­chen Musik­hoch­schu­len wur­de davon schon eini­ges umge­setzt. Die bereits exis­tie­ren­den Vor­la­gen kön­nen über­nom­men und an die Bedin­gun­gen jeder ein­zel­nen Hoch­schu­le ange­passt wer­den. Bedau­er­lich ist, dass manch­mal erst bekannt gewor­de­ne, kri­ti­sche Vor­fäl­le zum Han­deln füh­ren. Vie­le Leh­ren­de hal­ten es für über­flüs­sig, die­ses The­ma zu dis­ku­tie­ren oder haben sogar Angst davor. Wer zugibt, den eige­nen Umgang mit sexua­li­sier­ter Dis­kri­mi­nie­rung zu reflek­tie­ren, setzt sich dem Ver­dacht aus, er oder sie habe damit ein Pro­blem. Dabei ist es gera­de umge­kehrt: Meist mel­den sich die ohne­hin sen­si­bi­li­sier­ten Leh­ren­den.
Nie­man­dem kann eine Fort­bil­dung vor­ge­schrie­ben wer­den, jedoch soll­ten zumin­dest Ange­bo­te auf frei­wil­li­ger Basis statt­fin­den. Die­se wer­den sich an den rela­tiv klei­nen Musik­hoch­schu­len her­um­spre­chen und lang­fris­tig müs­sen sich alle Leh­ren­den mit dem The­ma aus­ein­an­der­set­zen. Aller­dings braucht ein sol­cher Kul­tur­wan­del Zeit und die pas­sen­den For­ma­te müs­sen noch ent­wi­ckelt wer­den. Der gute Ruf der deut­schen Musik­hoch­schu­len wird am Ende alle über­zeu­gen. Denn ein respekt­vol­ler Umgang mit­ein­an­der för­dert die künst­le­ri­sche Krea­ti­vi­tät und ermög­licht damit letzt­lich exzel­len­te Leis­tun­gen.


1 Bun­des­kon­fe­renz der Frau­en- und Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten an Hoch­schu­len: Hand­lungs­emp­feh­lun­gen der BuKoF zum Umgang mit sexua­li­sier­ter Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt an künst­le­ri­schen Hoch­schu­len, 2016, www.bukof.de/tl_files/Veroeffentl/16–07-21-BuKoF_Handlungsempfehlungen-Sexualisierte%20Diskriminierung%20und%20Gewalt_Kunsthochschulen.pdf
2 Anke-Sophie Mey­er: „Der lan­ge Weg auf die gro­ße Opern­büh­ne“, in: Die Welt, 30. April 2015.
3 Anna Schiff: Bro­schü­re Ist doch ein Kom­pli­ment… ­Behaup­tun­gen und Fak­ten zu Sexis­mus, Rei­he „luxem­burg argu­men­te“, 9/2016, S. 16. Die Bro­schü­re lie­fert Argu­men­te, um gän­gi­ge Mythen und abweh­ren­de Behaup­tun­gen, die ein Spre­chen über Sexis­mus unter­bin­den sol­len, zu ent­kräf­ten. Sie endet mit dem Appell: „Sexis­mus ist von Men­schen gemacht, also kön­nen wir ihn auch abschaf­fen.“ www.rosalux.de/publikation/id/ 8932/ist-doch-ein-kom­pli­ment
4 Hoch­schu­le für Musik Hanns Eis­ler Ber­lin: Nein heißt Nein. Infor­ma­tio­nen zu sexua­li­sier­ter Beläs­ti­gung, ­Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt, 2016, S. 19, www.hfm-berlin.de/fileadmin/user_upload/PDF/Frauenbeauftragte/Broschuere_HfM_Nein_heisst_Nein_deutsch.pdf
5 vgl. Schiff, S. 9.
6 Hand­lungs­emp­feh­lun­gen der BuKoF, sie­he Anm. 1.


Die­ser Bei­trag ist die leicht gekürz­te Fas­sung eines ­Arti­kels, der zuerst erschie­nen ist im Hoch­schul­ma­ga­zin der neu­en musik­zei­tung 6/2017. Wir dan­ken für die freund­li­che Nach­druck­ge­neh­mi­gung.

Lesen Sie alle Bei­trä­ge in Aus­ga­be 6/2017.