Merk, Ulrike

Der flie­gen­de Robert

Komponieren im Instrumentalunterricht – eine sinnvolle ­Ergänzung des pädagogischen Unterrichtsfelds?

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2009 , Seite 20

Was muss der Instrumentalunter­richt nicht schon alles leisten…Ist er nicht bereits mit sekundären Unter­richtsfeldern so stark überlastet, dass er keine Erweiterung seiner Auf­gaben mehr verkraftet? Sollte man sich im Instrumentalunterricht nicht darauf beschränken, eine fundierte Instrumentalausbildung zu vermitteln? Sollte nicht sauber zwischen den Aufgabenfeldern des Instru­men­talisten und denen des Komponisten getrennt werden, anstatt sie zu vermischen?

Die schein­ba­ren Fremd­auf­ga­ben des Instru­men­tal­un­ter­richts sind viel­fäl­tig. Es geht im Instru­men­tal­un­ter­richt nicht nur dar­um, eine fun­dier­te Instru­men­tal­tech­nik zu ver­mit­teln, eine adäqua­te und über­zeu­gen­de Inter­pre­ta­ti­on von Wer­ken zusam­men mit dem Schü­ler oder der Stu­den­tin zu erar­bei­ten und ihn oder sie in die Reper­toire­kun­de des Instru­ments ein­zu­füh­ren. Gera­de an Musik­schu­len fal­len vie­le musi­ka­li­sche „Neben­fel­der“ in die Fach­kom­pe­tenz von Instru­ment­al­lehr­kräf­ten. Sie wer­den zumeist nicht wie an den Hoch­schu­len durch Fach­kol­le­gIn­nen unter­stützt, son­dern ver­mit­teln bis zu einem gewis­sen Grad zusätz­lich Wis­sen aus den Berei­chen Musik­theo­rie, Musik­ge­schich­te und For­men­leh­re. Dar­über hin­aus sind sie ver­ant­wort­lich für eine epo­chen­spe­zi­fi­sche Inter­pre­ta­ti­on, die eben­falls Beson­der­hei­ten des his­to­ri­schen Instru­men­ten­baus mit ein­be­zieht. Instru­ment­al­leh­re­rIn­nen ver­mit­teln ein ganz­heit­li­ches Wis­sen rund um ihr Instru­ment, das der musi­ka­li­schen Inter­pre­ta­ti­on dient. Aber ist das Arbeits­feld damit schon ganz­heit­lich und abge­run­det? Fehlt nicht noch eine wich­ti­ge Kom­po­nen­te, die den Schü­ler oder die Schü­le­rin viel­leicht zur Auf­nah­me einer musi­ka­li­schen Aus­bil­dung bewo­gen hat? Wo bleibt die Krea­ti­vi­tät? Wo bleibt die Ant­wort auf den Drang des Schü­lers, sich selbst durch das Medi­um Musik aus­zu­drü­cken?
Von der Renais­sance über Barock bis zur Klas­sik war es übli­che Instru­men­tal­pra­xis, dass Instru­men­ta­lis­ten bei Wie­der­ho­lun­gen (z. B. in Ari­en) in der Lage waren zu vari­ie­ren und dass Solo­ka­den­zen von Instru­men­tal­kon­zer­ten selbst gestal­tet wur­den, um die eige­ne Vir­tuo­si­tät, aber auch kom­po­si­to­ri­sche Befä­hi­gung unter Beweis zu stel­len. Das his­torische Selbst­ver­ständ­nis des Instrumen­talisten fin­den wir im nach­fol­gend zitier­ten Lehr­werk von Carl Czer­ny. Die Gren­zen zwi­schen Inter­pret und Kom­po­nist waren bei bestimm­ten Gat­tun­gen nicht nur durch­läs­sig, son­dern vom Inter­pre­ten wur­de ein gewis­ses Maß an Beherr­schung von kom­po­si­to­ri­scher Grund­fer­tig­keit ver­langt: „Wenn der aus­üben­de Ton­künst­ler die Fähig­keit besitzt, die Ide­en, wel­che sei­ne Erfin­dungs­ga­be, Begeis­terung, oder Lau­ne ihm ein­giebt, sogleich, im Augen­blick des Ent­ste­hens, auf sei­nem Inst­rument nicht nur aus­zu­füh­ren, son­dern so zu ver­bin­den, dass der Zusam­men­hang auf den Hörer die Wir­kung eines eigent­li­chen Ton­stü­ckes haben kann, – so nennt man die­ses: Fan­ta­sie­ren. (:Impro­vi­sie­ren, Extem­po­rie­ren.:) […] Auch dem Zuhö­rer bie­thet das Fan­ta­sie­ren einen eige­nen Reiz dar, da in dem­sel­ben eine Frey­heit und Leich­tig­keit der Ide­en­ver­bin­dung, eine Unge­zwun­gen­heit der Aus­füh­rung herr­schen kann, die man in wirk­li­chen Com­po­si­tio­nen, (:selbst wenn sie als Fan­ta­si­en benannt sind:) nicht findet.“1
Satz­tech­ni­sche For­men wie Pas­sa­ca­glia, Cha­conne und Folia waren in ihrer Anfangs­pha­se rei­ne (Bass-)Schemata, die selbst­stän­dig musi­ka­lisch aus­ge­füllt wer­den muss­ten. Wo ist die­se Fer­tig­keit geblie­ben, die Beherr­schung des Instru­ments mit Satz­tech­nik ver­eint? Es reicht also nicht, wenn Instru­ment­al­lehr­kräf­te noch eini­ge Impro­vi­sa­ti­ons­übun­gen in ihr bereits so eng geschnür­tes Auf­ga­ben­feld auf­neh­men, sie müs­sen einem ganz ande­ren his­to­ri­schen Anspruch gerecht wer­den. Impro­vi­sa­ti­on ist gut und rich­tig, aber Impro­vi­sa­ti­on ist nur der Start­punkt für ein selbst­be­stimm­tes musi­ka­li­sches Han­deln, das im Kom­po­nie­ren mün­den kann.
Ver­schrift­li­chung war immer schon eine wich­ti­ge Kom­po­nen­te für Wei­ter­ent­wick­lung. Bei­spiels­wei­se kommt die Ent­wick­lung von Kul­tu­ren ohne Schrift weit­aus lang­sa­mer vor­an als die Ent­wick­lung von schrift­un­ter­stütz­ten Kul­tu­ren. Über­tra­gen auf die Musik bedeu­tet dies, dass erst ein Ver­schrift­li­chen von Impro­vi­sier­tem die ver­tief­te Mög­lich­keit von Wer­tung, Ver­bes­se­rung und Wei­ter­ent­wick­lung bie­tet. In die­sem Punkt fin­det man Bestä­ti­gung bei Anselm Ernst, der das Kom­po­nie­ren eben­falls als Wei­ter­füh­rung der Impro­vi­sa­ti­on betrach­tet: „Von Impro­vi­sie­ren zum Kom­po­nie­ren ist es kein wei­ter Weg. Die Erfah­rung zeigt immer wie­der, daß Schü­ler, die an der Impro­vi­sa­ti­on Geschmack gefun­den haben, ihre Ein­fäl­le fest­hal­ten möch­ten. Auch in die­sem Punkt kann jeder Instru­ment­al­leh­rer sich zutrau­en, aus­rei­chend fach­li­che Hil­fe zu geben. Die Kom­po­si­ti­ons­ver­su­che eines Schü­lers sind wert­vol­le Ansatz­punk­te, in ele­men­ta­rer und ursprüng­li­cher Wei­se musi­ka­li­sche Pro­blem­stel­lun­gen zu klä­ren: die for­ma­le Gestal­tung von Musik­pro­zes­sen und die Ord­nung der Töne, Klän­ge und Geräu­sche in den Dimen­sio­nen von Dau­er, Stär­ke, Höhe und Far­be. Beim Impro­vi­sie­ren kann dies nicht so aus­führ­lich zur Spra­che kom­men wie beim Komponieren.“2
Aus die­sen Über­le­gun­gen her­aus ist ein eigen­stän­di­ges musik­päd­ago­gi­sches Kon­zept ent­stan­den, des­sen jüngs­te Schü­ler­kom­po­si­ti­on nach­fol­gend vor­ge­stellt wird. Doch zunächst eine Auf­wärm­übung zum ele­men­ta­ren Kom­po­nie­ren im Instru­men­tal­un­ter­richt.

1 Carl Czer­ny: Sys­te­ma­ti­sche Anlei­tung zum Fan­ta­sie­ren auf dem Pia­no­for­te op. 200, Wien 1829, Ein­lei­tung §1 + §3.
2 Anselm Ernst: Leh­ren und Ler­nen im Instrumental­unterricht, Mainz 1991, S. 52.

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