Bossen, Anja

Die Chan­cen der ande­ren

Kommentar

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 5/2016 , musikschule )) DIREKT, Seite 01

Immer mehr musi­ka­li­sche Pro­jek­te und För­der­maß­nah­men wer­den unter dem Stich­wort „Chan­cen­ge­rech­tig­keit“ spe­zi­ell zur För­de­rung von bil­dungs­be­nach­tei­lig­ten Kin­dern und Jugend­li­chen oder aktu­ell auch spe­zi­ell für Flücht­lin­ge imple­men­tiert. Das ist begrü­ßens­wert und soll­te nicht anders sein. Aller­dings stellt sich all­mäh­lich auch die Fra­ge, was eigent­lich aus der musi­ka­li­schen För­de­rung nicht von Hau­se aus bil­dungs­be­nach­tei­lig­ter Kin­der und Jugend­li­cher wird. So posi­tiv es auch ist, wenn staat­lich geför­der­te Musik­schu­len Kapa­zi­tä­ten für Pro­jek­te im Sin­ne von Chan­cen­ge­rech­tig­keit erwei­tern: Was wird aus den von sich aus an musi­ka­li­scher Bil­dung inter­es­sier­ten oder aus musi­ka­lisch hoch­be­gab­ten Kin­dern und Jugend­li­chen?

Noch immer exis­tie­ren an staat­li­chen Musik­schu­len gigan­ti­sche War­te­lis­ten – und das, obwohl es auch immer mehr pri­va­te Anbie­ter gibt. Offen­bar ist es ein Wunsch vie­ler Eltern, dass ihre Kin­der an staat­li­chen Musik­schu­len unter­rich­tet wer­den. Wird es also nicht Zeit, sich wie­der auch mehr um die­je­ni­gen zu küm­mern, die den drin­gen­den Wunsch ver­spü­ren, Unter­richt zu neh­men? Vor allem, nach­dem sich an Pro­jek­ten wie „JeKi“ gezeigt hat, dass das musi­ka­li­sche Ange­bot, sobald es frei­wil­lig und/oder kos­ten­pflich­tig wird, weit weni­ger gut ange­nom­men wird als erhofft (was aller­dings nie­man­den, der kul­tur­so­zio­lo­gi­sche For­schungs­er­geb­nis­se kennt, wirk­lich über­ra­schen kann)…

Kann es zu mehr Chan­cen­ge­rech­tig­keit füh­ren, wenn Musik­schu­len von der Poli­tik den Auf­trag erhal­ten, neue und vor allem bil­dungs­fer­ne Ziel­grup­pen zu erschlie­ßen, ohne dass sie für die­se neu­en Auf­ga­ben zusätz­lich mit finan­zi­el­len Mit­teln aus­rei­chend aus­ge­stat­tet wer­den? Wenn, mit ande­ren Wor­ten, statt­des­sen eine nicht ­offen aus­ge­spro­che­ne Umver­tei­lung vor­ge­nom­men wird? Sicher: Man kann auf der bil­dungs­po­li­ti­schen Ebe­ne ent­schei­den, nur noch unter­pri­vi­le­gier­te Kin­der und ­Jugend­li­che zu för­dern. Doch dann soll­te es eine bewusst gefäll­te und begrün­de­te Ent­schei­dung sein.

Und so posi­tiv es ist, sich der Her­aus­for­de­rung der Inklu­si­on zu stel­len, ist auch hier­bei zu beden­ken, dass ein weit gefass­ter Inklu­si­ons­be­griff auch die För­de­rung talen­tier­ter und inter­es­sier­ter Kin­der und Jugend­li­cher meint, näm­lich die För­de­rung aller im Rah­men ihrer Bega­bung und unab­hän­gig von ihrer öko­no­mi­schen Situa­ti­on. Das ist Chan­cen­ge­rech­tig­keit! Eine Gesell­schaft soll­te die Schwächs­ten för­dern, dabei aber auch die Inter­es­sen der an musi­ka­li­scher Bil­dung stark Inter­es­sier­ten im Blick haben.