Hoos de Jokisch, Barbara

Die geis­ti­ge ­Klang­vor­stel­lung

Franziska Martienßen-Lohmann. Gesangstheorie und Gesangspädagogik, mit CD-ROM

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2015
erschienen in: üben & musizieren 6/2016 , Seite 50

Wem es – wie Bar­ba­ra Hoos de Jokisch – gelingt, sich in den Orbit eines Pla­ne­ten zu bege­ben und die­sen beob­ach­tend zu ­umkrei­sen, der erkennt nicht nur unzäh­li­ge, dem mensch­li­chen Auge bis­her ver­bor­ge­ne Details, son­dern ihm wer­den zugleich über­ge­ord­ne­te Zusam­men­hän­ge deut­lich, die nur aus die­ser Per­spek­ti­ve sicht­bar und ver­ständ­lich wer­den kön­nen. Mehr als zehn Jah­re lang befass­te sich Bar­ba­ra Hoos de Jokisch, Dozen­tin für Gesang und Gesangs­methodik an der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin, mit Leben, Werk und Wir­ken der Gesangs­päd­ago­gin Fran­zis­ka Mar­ti­en­ßen-Loh­mann (1887–1971), der his­to­ri­schen Leit­fi­gur der deut­schen Gesangs­päd­ago­gik. Die „Gran­de Dame“ hin­ter­ließ zahl­rei­che Bücher und teil­wei­se unver­öf­fent­lich­te Auf­sät­ze, Brie­fe und Vor­trä­ge.
Bar­ba­ra Hoos de Jokisch unter­zog sich der Auf­ga­be, die Fül­le an Schrif­ten zu sich­ten, zu ord­nen und nach wis­sen­schaft­li­chen Maß­stä­ben zu erschlie­ßen, um ihre Ergeb­nis­se und Erkennt­nis­se in den aktu­el­len Wis­sens­stand ein­zu­bet­ten und der All­ge­mein­heit zur Ver­fü­gung zu stel­len. Mit der Prä­zi­si­on einer Bild­haue­rin, die bereits eine geis­ti­ge Vor­stel­lung in sich trägt, mei­ßelt Hoos de Jokisch Die geis­ti­ge Klang­vor­stel­lung aus dem Mate­ri­al her­aus, ein Begriff, der sich auch bei Mar­ti­en­ßen-Loh­mann erst ent­wi­ckeln muss­te und den Kern ihrer Gesangs­auf­fas­sung beschreibt.
Par­al­lel zur Beleuch­tung der Haupt­wer­ke rich­tet die Autorin den Licht­strahl auch auf das pri­va­te Leben und Wer­den der Gesangs­päd­ago­gin, die man auf­grund ihrer viel­sei­ti­gen Fähig­kei­ten in den Berei­chen Dich­tung, Schau­spiel, Zeich­nen, Kla­vier­spiel oder Phi­lo­so­phie heu­te als „All­round-Talent“ bezeich­nen wür­de. Respekt­voll wird das Licht her­un­ter­ge­dimmt, wenn es um pikan­te­re Details geht. So erhel­len sich bis­her unent­deck­te Zusam­men­hän­ge zwi­schen beruf­li­chem und pri­va­tem Wer­de­gang.
Sowohl metho­disch als auch sprach­lich steht die­ses Buch auf Augen­hö­he mit Mar­ti­en­ßen-Loh­manns Anspruch, es beein­druckt durch die Fül­le der Erkennt­nis­se und Aus­wer­tun­gen, durch gro­ße Zusam­men­hän­ge, die unter ande­ren in die Berei­che der Phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie, der Medi­zin oder des Tan­zes füh­ren, und es besticht durch die Klar­heit sei­ner For­mu­lie­run­gen. Doch Die geis­ti­ge Klang­vor­stel­lung erschöpft sich nicht in der Dar­stel­lung ihres Objekts. Das Buch wirft ein Licht vor­aus auf den über­ge­ord­ne­ten Bereich der Gesangs­me­tho­dik und ist zugleich ein bei­spiel­haf­ter Bei­trag für den metho­di­schen Ver­gleich von his­to­ri­schen und aktu­el­len Gesangs­schu­len.
Allen, die in irgend­ei­ner Wei­se mit Gesang zu tun haben, sei die­ses außer­ge­wöhn­li­che Buch ans Herz gelegt. Eine CD mit wert­vol­len Doku­men­ten, Audio- und Video­aus­schnit­ten im Anhang run­det das Buch und den tie­fen Ein­druck ab, den es beim Lesen hin­ter­lässt.
Lore Sla­dek