Mahlert, Ulrich

Drei Kreise der Aufmerksamkeit

Anregungen aus der Schauspielpraxis

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 2/2026 , Seite 28

Schauspiel und Musizieren sind performative Künste, die mancherlei Gemein­samkeiten haben. In beiden geht es darum, geschriebene Texte einem Publikum hör- und sichtbar darzubieten oder Geschehnisse improvisierend zu realisieren – in gesprochener Sprache oder als „Tonsprache“.

Die beiden hauptsächlichen Darstellungsmittel Sprache und Klang werden zum großen Teil mit gleichen Parametern gestaltet: Dynamik, Artikulation, Tempo, Tonfall, Klangfarbe, Phrasierung. Diese „prosodischen“, der gesprochenen Rede bzw. der „Klangrede“ eigenen Faktoren sind in beiden Künsten eng mit weiteren körperlichen Ausdruckselementen verbunden: Mimik, Gestik, Haltung und (beim Musizieren eingeschränkt) dem Raumverhalten der Agierenden.
Schauspiel- und Musizierunterricht können sich wechselseitig anregen.1 In Hochschulseminaren und Fortbildungen habe ich erfahren, dass Musikerinnen und Musikpädagoginnen sich sehr für Arbeitsweisen im Schauspielunterricht interessieren und sie als fruchtbar für ihr eigenes Spiel wie für ihren Unterricht empfanden. Ihr Sinn für den Umgang mit den genannten Darstellungsmitteln verfeinerte sich.
Die nachfolgend beschriebenen Übungen wollen Grundformen des Raumempfindens beim Musizieren vermitteln. Das Raumempfinden hat eine beträchtliche Bedeutung für die Selbstwahrnehmung beim Musizieren und für dessen Wirkung. Die Übungen gehen zurück auf Ausführungen des russischen Schauspielers und Theaterpädagogen Konstantin Stanislawski (1863-1938). In seinen umfangreichen Büchern schildert er detailliert die praktische Arbeit mit Schauspielschülern.
Sein Ziel ist, dass die Darsteller ihre Rollen mit allen emotionalen Facetten aufs Intensivste erleben. Dadurch sollen sie ihr Handeln in der Rolle nicht fremdbestimmt, sondern aus sich heraus produzieren und so bewirken, dass ein Publikum das Dargestellte in gleicher Weise erlebt. Anders als Bertolt Brecht, der eine Distanz des Schauspielers zu seiner Rolle forderte, um Erkenntnisse und nicht Gefühle zu produzieren, wollte Stanislawski, dass Schauspieler sich mit ihren Rollen identifizieren und in ihnen aufgehen. Zentrale Begriffe seiner Methode sind u. a. „emotionales Gedächtnis“, „psychophysische Handlung“, „Als ob“, „Was wäre, wenn“, „Kunst des Erlebens“, „Einlebung“, „Psychotechnik“.
In seinem Buch Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst2 beschreibt Stanislawski im Kapitel „Aufmerksamkeit auf der Bühne“ eine Reihe von Wahrnehmungs- und Vorstellungsübungen, die verschiedene Arten des Raumempfindens auf der Bühne vor dem „schwarzen Loch“ des Zuschauerraums vermitteln sollen. Die Imaginationen des Raumempfindens, die der Schauspieler gleichsam als Handwerkszeug beherrschen soll, nennt er „Kreise der Aufmerksamkeit“. Die Arbeit mit ihnen erweist sich auch beim Üben und Musizieren als produktiv.

Raumempfinden

Stanislawski unterscheidet drei Kreise: den kleinen, den mittleren und den großen Kreis der Aufmerksamkeit. Das Empfinden für diese Kreise lehrt er in praktischer Arbeit mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen auf der Bühne.
Der erste Kreis ist der kleine Kreis der Aufmerksamkeit: Die Schauspielschüler sitzen auf der verdunkelten Bühne. Nun wird auf einem in der Mitte stehenden Tisch ein Licht entzündet. „Dieses in der Dunkelheit leuchtende Lämpchen demonstriert uns einen nahen Aufmerksamkeitspunkt. Wir gebrauchen ihn in Situationen, wo wir unsere eigene Aufmerksamkeit konzentrieren müssen, sie nicht abschweifen und entgleiten lassen dürfen.“3 Ein Schauspielschüler beschreibt sein Erleben: „Ein Lichtkegel fiel auf Kopf und Arme, beleuchtete die Mitte des Tisches, auf dem allerhand Kram stand, während die riesige Ausdehnung der Bühne und des Zuschauerraums in unheimlichem Dunkel lag. Um so geborgener fühlte ich mich in dem Lichtkreis der Lampe, der gleichsam meine ganze Aufmerksamkeit in seinen hellen, von Dunkelheit umschlossenen Bereich bannte.“4 Der Lehrer doziert: „Merken Sie sich rasch: Der Zustand, in dem Sie sich jetzt befinden, heißt in unserer Sprache ‚öffentliche Einsamkeit‘. Er ist öffentlich, weil wir alle um Sie herum dabei sind; er ist Einsamkeit, weil Sie der kleine Kreis der Aufmerksamkeit isoliert: Während der Vorstellung, unter den Blicken einer tausendköpfigen Menge, können Sie sich immer in Ihre Einsamkeit zurückziehen wie die Schnecke in ihr Gehäuse.“5

1 siehe auch den Beitrag in dieser Ausgabe von Staemmler, Hansjacob/Nachbar, Martin: ­„Acting out Music. Was wir spie­len, warum und wie“, S. 44-47; Anz, Gab­riele: „Von Schauspielern lernen. Über den Umgang mit ‚Vorstellungsbildern‘ im Instrumentalunterricht“, in: üben & musizieren, 23. Jg., 2006, Heft 1, S. 10-15. Dieser Beitrag stellt auf S. 15 in Kurzform einige von Stanislawski angeregte Übungen mit „Aufmerksamkeitskreisen“ zusammen.
2 Stanislavski [Konstantin Sergeevič Stanislavskij]: Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst. Tagebuch eines Schülers. Teil I: Die Arbeit an sich selbst im schöpferischen Prozess des Erlebens, Berlin (West) 1986 [russische Originalausgabe Moskau 1938].
3 ebd., S. 92.
4 ebd., S. 98.
5 ebd., S. 99.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 2/2026.

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