Dilg, Jenny Marielle

Du bist doch die Leh­re­rin!“

Perspektivwechsel: Gespräche mit meinen SchülerInnen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 1/2017 , Seite 18

In der traditionellen Musikpäda­go­gik wird der lehrenden Person eine hohe Aufmerksamkeit geschenkt. Sie ist es, die für den Erfolg oder Miss­erfolg der Lernenden verantwortlich ist. Doch wie sieht es auf der anderen Seite aus?

Han­delt es sich bei den Schü­le­rIn­nen tat­säch­lich nur um Fäs­ser, die befüllt wer­den müssen?1 Oder kann Musik­un­ter­richt auch subjektorientiert2 erfasst wer­den? Ist es sinn­voll oder lehr­reich, den Fokus von den Leh­ren­den auf die Ler­nen­den zu ver­schie­ben? Was pas­siert, wenn die Schü­le­rIn­nen, die ­zumeist schweig­sam den Anwei­sun­gen der Lehr­per­son fol­gen, auf­ge­for­dert wer­den, ihre Sicht­wei­se zu schil­dern?
Eben dies soll in die­sem Bei­trag dar­ge­stellt wer­den. Sub­jekt­ori­en­tiert bedeu­tet, dass ich mei­ne Schü­le­rIn­nen aus der Frei­en Jugend­orchesterschule Ber­lin und der Noten­kind Music Aca­de­my Ber­lin zu ihren Emp­fin­dun­gen hin­sicht­lich ihres Unter­richts befragt habe. Hier sol­len nun die Schü­le­rIn­nen zu Wort kom­men, es soll nicht viel inter­pre­tiert, son­dern ein­fach ein klei­ner Ein­blick in den Unter­richts­all­tag gewor­fen wer­den.
Da ich in einer ers­ten Her­an­ge­hens­wei­se ver­sucht habe, vie­le Per­spek­ti­ven mit ein­zu­be­zie­hen, haben sich 18 Kurz­in­ter­views erge­ben. Die­se habe ich im Sin­ne der Groun­ded Theory3 nach The­men geord­net. Titel für die­se The­men sol­len, ähn­lich wie bei Pierre Bourdieu,4 ein Lesen und Ver­ständ­nis erleich­tern. Die Inter­views sol­len kei­ne reprä­sen­ta­ti­ve Stu­die dar­stel­len, son­dern als Bei­spiel einer Wahr­neh­mung gelten.5

Zur Metho­de

Län­ge der Inter­views und Alters­span­ne
Beim ver­wen­de­ten Mate­ri­al han­delt es sich um Tran­skrip­tio­nen von Inter­views, die zwi­schen einer und zehn Minu­ten betra­gen. Die Alters­span­ne der Befrag­ten liegt zwi­schen vier und 13 Jah­ren und ist damit recht groß, sodass bei den ­unter­schied­li­chen For­mu­lie­run­gen auf die jewei­li­gen Ent­wick­lungs­pha­sen zu ach­ten ist. Da Men­schen glei­chen Alters jedoch auch sehr gro­ße Unter­schie­de hin­sicht­lich der sprach­li­chen Ent­wick­lung und Intro­spek­ti­on haben kön­nen, möch­te ich dar­auf ver­zich­ten, bei jeder Aus­sa­ge auf das Alter zu ver­wei­sen. Auch sehr klei­ne Kin­der konn­ten in den Inter­views sehr kla­re Aus­sa­gen for­mu­lie­ren und die­se sol­len nicht auf­grund ihres Alters weni­ger Gewich­tung bekom­men.

Set­ting
Die Inter­views mit mei­nen Schü­le­rIn­nen haben kurz vor oder kurz nach dem Unter­richt statt­ge­fun­den, zumeist ohne die Anwe­sen­heit der Eltern, aber in man­chen Fäl­len auch in ihrer Anwe­sen­heit. Die­sem Punkt ist eben­falls Auf­merk­sam­keit zu schen­ken, da die An- oder Abwe­sen­heit der Eltern, der Befra­gungs­zeit­punkt, die Län­ge der vor­he­ri­gen Zusam­men­ar­beit oder Ähn­li­ches Varia­blen sind, die mög­li­cher­wei­se eine erheb­li­che Aus­wir­kung auf den Ver­lauf des Inter­views haben.

Befra­gungs­me­tho­de
Bei den Inter­views habe ich die qua­li­ta­ti­ve Befra­gungs­me­tho­de des Leit­fa­den­in­ter­views nach Gün­ter Mey verwendet.6 Hier­bei wird eine all­ge­mei­ne Ein­gangs­fra­ge gestellt: „Was ist dir in dei­nem Musik­un­ter­richt wich­tig?“ und der oder die Inter­view­te soll dazu frei asso­zi­ie­ren. Gege­be­nen­falls habe ich Nach­fra­gen gestellt, die die Per­so­nen zum Wei­ter­re­den ani­mie­ren soll­ten, wie etwa: „Was genau gefällt dir im Unter­richt und was nicht?“, „War­um hast du dein Instru­ment gewählt?“

Spon­ta­ne Interviews/gestellte Situa­ti­on?
Die offe­ne Ein­gangs­fra­ge, die in den meis­ten Fäl­len vor­her nicht ange­kün­digt war, und die offe­ne Gesprächs­si­tua­ti­on waren ein Ver­such, ein mög­lichst authen­ti­sches Gespräch her­zu­stel­len. Lei­der ist die Ver­wen­dung eines Auf­nah­me­ge­räts eine erheb­li­che Hür­de, da sich man­che Inter­view­part­ne­rIn­nen schä­men, ihren Gedan­ken bei lau­fen­dem Auf­nah­me­ge­rät frei­en Lauf zu las­sen. Auch pas­sier­te es, dass wirk­lich inter­es­san­te und rele­van­te Details kurz nach dem Aus­schal­ten des Auf­nah­me­ge­räts preis­ge­ge­ben wur­den.

Inter­views nach The­men

Nun soll den GesprächspartnerInnen7 das Wort über­las­sen wer­den. Ich habe die Kurz­in­ter­views nach The­men sor­tiert, um aus einer sozio­lo­gi­schen Per­spek­ti­ve eine Idee davon zu bekom­men, was den Ler­nen­den im Unter­richt wich­tig ist. Eine tie­fer­ge­hen­de Inter­pretation wäre Auf­ga­be eines wei­te­ren Bei­trags. Die von mir gewähl­ten The­men­zu­ord­nun­gen sind jene, die mir nach Durch­sicht des Mate­ri­als als beson­ders rele­vant erschie­nen.

1 Ich neh­me Bezug auf ein Zitat von Hera­klit, wel­ches im Haupt­ge­bäu­de der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin an der Wand hängt: „Bil­dung ist nicht das Befül­len von Fäs­sern, son­dern das Ent­zün­den von Flam­men.“
2 zu sub­jekt­ori­en­tier­ter Päd­ago­gik sie­he Gise­la Ulmann: Über den Umgang mit Kin­dern. Orientierungs­hilfen für den Erzie­hungs­all­tag, Ber­lin 1999.
3 Anselm L. Strauss: Groun­ded theo­ry. Grund­la­gen qua­li­ta­ti­ver Sozi­al­for­schung, Wein­heim 1996.
4 vgl. Pierre Bour­dieu: Das Elend der Welt. Zeug­nis­se und Dia­gno­sen all­täg­li­chen Lei­dens an der Gesell­schaft, Kon­stanz 1997.
5 zu Ver­all­ge­mei­ne­rung in qua­li­ta­ti­ver For­schung: Johan­nes Gef­fers: „Alles typisch? Typus, Typo­lo­gie, Typen der Ver­all­ge­mei­ne­rung, empi­ri­sche Typen­bil­dung und typi­sche Mög­lich­keits­räu­me“, in: Lorenz Huck et al. (Hg.): „Abs­trakt negiert ist halb kapiert“. Bei­trä­ge zur mar­xis­ti­schen Sub­jekt­wis­sen­schaft, Mar­burg 2008, S. 349–368.
6 vgl. Gün­ter Mey: Qua­li­ta­ti­ve For­schung. Ana­ly­sen und Dis­kus­sio­nen. 10 Jah­re Ber­li­ner Metho­den­tref­fen, Wies­ba­den 2014.
7 Die Gesprächs­part­ne­rIn­nen haben sich selbst Pseu­donyme aus­ge­sucht.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 1/2017.