Bossen, Anja

Du müss­test hier aber mal aufräumen“

Überlegungen zur Gestaltung von Unterrichtsräumen

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 4/2014 , musikschule )) DIREKT, Seite 02

Bereits als Stu­den­tin unter­rich­te­te ich an einer Ber­li­ner Musik­schu­le. Doch da die­se schon damals unter aku­ter Raum­not litt, war ich gezwun­gen, zuhau­se zu unter­rich­ten – in mei­ner eng begrenz­ten Stu­den­ten­bu­de. Dort war es nicht immer ordent­lich: Bücher­sta­pel, ange­fan­ge­ne Semi­nar­ar­bei­ten, Noten und CDs bedeck­ten den Groß­teil der Abla­ge­flä­chen. Mei­ne Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die ich ein­zeln in mei­ner Woh­nung emp­fing, hat­ten nicht sehr viel Platz, um ihr Instru­ment und ihre Noten irgend­wo abzu­le­gen. Meist dien­te mein Sofa als Abla­ge­flä­che für die Instru­men­ten­käs­ten. Vor dem Sofa, neben mei­nem Kla­vier, bau­te ich einen Noten­stän­der auf. Natür­lich räum­te ich benutz­tes Geschirr weg, wisch­te Staub und putz­te auch das Bad vor einem Unter­richts­nach­mit­tag. Die Akus­tik war so, wie man sie in einem mit Tep­pich und Möbeln voll­ge­stopf­ten Raum erwar­ten kann: staubtrocken.

Ver­schie­de­ne Raumerfahrungen

Damals mach­te ich mir kei­ner­lei Gedan­ken dar­über, wie mein als Unter­richts­raum genutz­tes Wohn­zim­mer wohl auf mei­ne Schü­ler wir­ken könn­te. Ich dach­te auch nicht dar­über nach, was der Unter­richts­raum eigent­lich über mei­ne Per­son aus­sa­gen könn­te und was die Schü­ler wohl auf­grund der vor­ge­fun­de­nen Raum­ver­hält­nis­se über mich den­ken wür­den. Die Ein­rich­tung von Unter­richts­räu­men war in mei­nem Musik­stu­di­um kein The­ma. Offen­bar gin­gen die Dozen­ten davon aus, dass man als Instru­men­tal­päd­ago­gin selbst­ver­ständ­lich einen ange­mes­se­nen Raum von der Musik­schu­le zur Ver­fü­gung gestellt bekä­me, oder sie hiel­ten die Gestal­tung eines Unter­richts­raums für den Instrumental­unterricht schlicht­weg für überflüssig.
Eines Tages jedoch sag­te mein sie­ben­jäh­ri­ger Schü­ler Dirk mit in die Sei­ten gestemm­ten Armen zu mir: „Hier ist es aber unor­dent­lich! Also, ich glau­be, du müss­test hier aber mal auf­räu­men.“ Nach die­sem Satz mach­te ich mir zum ers­ten Mal Gedan­ken über mei­nen Unter­richts­raum – und räum­te auf!
Wenig spä­ter unter­rich­te­te ich in einem Klas­sen­raum einer Grund­schu­le, eine in Ber­lin weit ver­brei­te­te Pra­xis. Der Klas­sen­raum war rie­sig und kom­plett mit einem abge­tre­te­nen, nach Fuß­schweiß stin­ken­den Tep­pich­bo­den aus­ge­stat­tet. Die Fens­ter konn­te man nur kip­pen und nicht ganz öff­nen, was sich nicht nur wegen des Geruchs, son­dern auch wegen der ange­stau­ten Hit­ze im Som­mer als äußerst nega­tiv erwies. Einen Son­nen­schutz gab es auch nicht. Jede Woche muss­te ich Tische und Stüh­le zur Sei­te schie­ben und einen oder zwei (selbst mit­ge­brach­te) Noten­stän­der auf­bau­en. Woll­te ich das glück­licherweise vor­han­de­ne Kla­vier nut­zen (die­ses Glück haben nur weni­ge Ber­li­ner Musik­schul­lehr­kräf­te), das ganz hin­ten an einer Wand stand, muss­ten mei­ne Schü­ler sich in eine Nische zwi­schen Schrank und Kla­vier klem­men, da sie sonst hin­ter mir hät­ten ste­hen müs­sen, wenn ich sie am Kla­vier beglei­te­te, von wo aus ich aber kei­nen Sicht­kon­takt zu ihnen gehabt hätte.
Die Nut­zung von Klas­sen­räu­men als Unter­richts­räu­me für Instru­men­tal­un­ter­richt ist eine bun­des­weit ver­brei­te­te Pra­xis, wie sie z. B. sehr ein­ge­hend im Film JeKi – ein Jahr mit 4 Tönen von Oli­ver Rauch gezeigt wird: Der Gitar­ren­leh­rer baut in einer Ecke zwi­schen Wasch­be­cken, Tafel, Schrank und Tischen mit hoch­ge­stell­ten Stüh­len sei­ne mit­ge­brach­ten Noten­stän­der auf. Die Kin­der sit­zen im Halb­kreis in die­ser Ecke des Raums, Platz zum Bewe­gen gibt es nicht. Der Raum ist voll­ge­hängt mit Bil­dern, ein typi­scher Klas­sen­raum eben, nicht auf die Bedürf­nis­se von Instru­ment­al­lehr­kräf­ten aus­ge­legt, die in Schu­len allen­falls „zu Gast“ sein dürfen.
Spä­ter unter­rich­te­te ich im Musikschul­gebäude in einem Raum, den ich mir mit meh­re­ren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen teil­te (jeder an einem ande­ren Tag). Er war schlauch­ar­tig geschnit­ten, klein, akus­tisch sehr tro­cken, aus­ge­stat­tet mit seit min­des­tens 30 Jah­ren nicht gewa­sche­nen moos­grü­nen Gar­di­nen aus den 1970er Jah­ren, abge­tre­te­nem Lin­ole­um­bo­den und einer aus Neon­röh­ren bestehen­den, schlech­ten Beleuchtung.
Irgend­wie muss­te es eben gehen, denn ich konn­te es mir nicht leis­ten, einen Unter­richts­raum mit bes­se­ren Bedin­gun­gen pri­vat zu mie­ten. Aus heu­ti­ger Sicht jedoch stel­le ich mir die Fra­ge, wel­che Ein­flüs­se die beschrie­be­nen Bedin­gun­gen wohl auf die Wahr­neh­mung, die Emo­ti­on und das musi­ka­li­sche Lern­ergebnis mei­ner Schü­le­rin­nen und Schü­ler hatten.

Wel­che päd­ago­gi­sche ­Bedeu­tung hat der Raum?

Hat der Unter­richts­raum über­haupt einen Ein­fluss auf die Schü­ler und deren Lern­ergebnis? Die­se Auf­fas­sung ist heu­te in der Erzie­hungs­wis­sen­schaft unum­strit­ten. Aus der Reg­gio-Kin­der­gar­ten-Päd­ago­gik stammt der Begriff vom Unter­richts­raum „als drit­tem Päd­ago­gen“. Er soll den Kin­dern zum einen Gebor­gen­heit (Bezug) geben und zum ande­ren Her­aus­for­de­run­gen im Sin­ne einer Sti­mu­la­ti­on bie­ten. „Eine har­mo­nisch gestal­te­te Umge­bung, die unter­schied­li­che Unter­richts­for­men zulässt, die Bedürf­nis­se der Nut­zer berück­sich­tigt und an deren Gestal­tung die Nut­zer betei­ligt wur­den, stärkt nicht nur das Wohl­be­fin­den, son­dern kann auch die Gesund­heit der Leh­ren­den und Ler­nen­den för­dern. So wer­den aus Lern­räu­men Lebens­räu­me für die Zukunft.“ So zu lesen in der Bro­schü­re Das Lern­för­dern­de Klas­sen­zim­mer, die vom Baye­ri­schen Gemeindeunfallversiche­rungs­verband und der Baye­ri­schen Lan­des­un­fall­kas­se mit Unter­stüt­zung der Ber­tels­mann-Stif­tung als „Hand­lungs­an­lei­tung für Pla­ner, Schul­lei­ter und Lehr­kräf­te“ ­he­rausgegeben wurde.
Aber voll­zie­hen sich musi­ka­li­sche Bil­dungs­pro­zes­se nicht auch in stau­bi­gen Hüt­ten irgend­wo in Afri­ka oder in Räu­men mit abblät­tern­dem Putz wie in Vene­zue­las „El Sis­te­ma“? In einer inter­na­tio­na­len ­empi­ri­schen Unter­su­chung zur Qua­li­tät künst­le­ri­scher Bil­dung von Anne Bam­ford aus dem Jahr 2010 (sie­he Kas­ten „Lite­ra­tur“) erwies sich die Lern­um­ge­bung zwar nicht als der wich­tigs­te Fak­tor für das Lern­er­geb­nis; ande­re Fak­to­ren, allen vor­an die Per­sön­lich­keit und das metho­disch-­di­dak­ti­sche Vor­ge­hen der Lehr­kraft, erwie­sen sich als wich­ti­ger. Den­noch weist Bam­ford dar­auf hin, dass, auch wenn Lehr­kräf­te unter schwie­ri­gen Raum­be­din­gun­gen arbei­ten und dabei teils beein­dru­cken­de Ergeb­nis­se künst­le­ri­scher Bil­dung erzie­len, dies kei­nes­wegs eine gute Lösung ist und für die Lehr­kräf­te eine gro­ße Belas­tung dar­stellt. Für Bam­ford gehö­ren daher zu einem guten Pro­gramm künstle­rischer Bil­dung auch gut aus­ge­stat­te­te ­Unter­richts­räu­me als Bestand­teil güns­ti­ger äuße­rer Bedin­gun­gen. Und nur bei güns­ti­gen äuße­ren Bedin­gun­gen kön­nen künst­lerische Pro­gram­me eine hohe Bil­dungs­qua­li­tät erreichen.
Dabei muss auch berück­sich­tigt wer­den, dass sich Raum­stan­dards nach den in einem Land übli­chen Raum­ver­hält­nis­sen rich­ten: Wenn der größ­te Teil der Bevöl­ke­rung in Lehm­hüt­ten lebt, dies also die herr­schen­de Nor­ma­li­tät ist, wird auch ein ärm­lich aus­ge­stat­te­ter Unter­richts­raum mit brö­ckeln­dem Putz weni­ger stö­rend ins Gewicht fal­len als in einem rei­chen Land wie Deutsch­land, in dem der Wohn­stan­dard erheb­lich höher ist. Musik kann sich zwar über­all ereig­nen. Aber ein opti­mal gestal­te­ter Raum kann dazu bei­tra­gen, dass nicht irgend­ein, son­dern das best­mög­li­che Ergeb­nis erzielt wird.
Bedenkt man, dass – wie die Lern­for­schung uns lehrt – Emo­ti­on, Moti­va­ti­on und Ler­nen eng zusam­men­hän­gen, so scheint die Gestal­tung des Unter­richts­raums, wenn auch nicht der wich­tigs­te Lern­fak­tor, zumin­dest auch nicht uner­heb­lich zu sein. Her­mann Rau­he mein­te dazu 2003: „Die Lust am Ler­nen wird nicht nur durch das Ler­nen und Üben im Flow geför­dert, son­dern auch durch die Schaf­fung krea­ti­ver Bedin­gun­gen wie z. B. moti­vie­ren­der Unter­richts­räu­me, deren Raum­ge­stal­tung, Licht, Farb­ge­stal­tung und Mobi­li­ar nach lern­bio­lo­gi­schen und moti­va­ti­ons­psy­cho­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten erfolgt.“ Und Alfred Holz­bre­cher von der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Hei­del­berg schlägt für den Bereich der all­ge­mein bil­den­den Schu­le vor, Unter­richts­räu­me so zu gestal­ten, dass die Art der Gestal­tung und die ver­wen­de­ten Mate­ria­li­en den Men­schen wert­schät­zen. Licht und Far­be sol­len als wich­ti­ge Gestal­tungs­ele­men­te ein­ge­setzt, Akus­tik, Luft und Raum­kli­ma berück­sich­tigt wer­den. „Die Räu­me haben ein Ambi­en­te, das umhüllt und gleich­zei­tig frei lässt.“ (sie­he Kas­ten „Lite­ra­tur“)

Fak­to­ren der Raumgestaltung

Zur Gestal­tung von Lern­si­tua­tio­nen in einem Raum tra­gen Fak­to­ren bei, die in ver­schie­de­nem Aus­maß und situa­ti­ons­ab­hän­gig (je nach­dem, wo man unter­rich­tet) beein­fluss­bar sind:

– Raum­grö­ße: Wäh­rend man sich in einem sehr klei­nen Unter­richts­raum beengt fühlt, kann in einem sehr gro­ßen Raum das Gegen­teil der Fall sein: Man fühlt sich „ver­lo­ren“.
Unter­rich­tet man z. B. in einem Klas­sen­raum im Ein­zel­un­ter­richt, so kann man die vor­han­de­nen Möbel dazu benut­zen, die Raum­flä­che anders auf­zu­tei­len und sich klei­ne­re Ecken oder Nischen zu schaffen.

– Farb­ge­stal­tung: Eine freund­li­che Farb­ge­stal­tung kann das Wohl­be­fin­den von Lehr­kräf­ten und Schü­le­rIn­nen ver­bes­sern und wirkt durch Refle­xio­nen auch zurück auf die Licht­ver­hält­nis­se. Dabei soll­te Far­be jedoch mit Maß und gezielt ein­ge­setzt wer­den, um nicht erdrü­ckend zu wir­ken. In der Farb­psy­cho­lo­gie wer­den den Far­ben ver­schie­de­ne Wir­kun­gen zuge­schrie­ben. Blau hat z. B. auf die meis­ten Men­schen eine eher küh­le Aus­strah­lung, wohin­ge­gen Far­ben wie Oran­ge und Gelb für eine posi­ti­ve, freund­li­che, gelös­te Atmo­sphä­re ste­hen. Hin­wei­se zur Farb­ge­stal­tung von Unter­richts­räu­men fin­den sich unter www.sichere-schule.de/klassenraum/lernraeume/ farbgestaltung/02.htm.

– Akus­tik: Je grö­ßer, höher und weni­ger mit Stoff aus­ge­legt, des­to über­akus­ti­scher ist ein Raum. Die Akus­tik kann man vor allem durch das Anbrin­gen (oder Ent­fer­nen) von Tep­pi­chen, Vor­hän­gen und Pols­ter­mö­beln beein­flus­sen. Auch Zim­mer­pflan­zen haben schall­schlu­cken­de Eigenschaften.

– Licht­ver­hält­nis­se: Sowohl eine zu dunk­le Beleuch­tung, die ein Lesen von Noten müh­sam macht, als auch eine grel­le, blen­den­de Beleuch­tung ist von Nach­teil. Es ist außer­dem zu beden­ken, dass die Licht­ver­hält­nis­se auch von der Wand­far­be abhän­gen. Bei zu dunk­ler Beleuch­tung kann das Anbrin­gen von Pult­leuch­ten hilf­reich sein, die man auch ohne gro­ßen Auf­wand trans­por­tie­ren kann. Mitt­ler­wei­le gibt es sehr leich­te LED-Pult­leuch­ten, die sowohl mit Bat­te­rien als auch mit­tels Netz­teil betrie­ben wer­den kön­nen – wobei vom Bat­te­rie­be­trieb aus Kos­ten- und Umwelt­grün­den eher abzu­ra­ten ist.

– Platz­ver­hält­nis­se: Neben der Flä­che, an der man sich mit den Schü­lern auf­hält, ist zu beden­ken, dass es auch siche­re (!) Abla­ge­flä­chen für Instru­men­ten­käs­ten, Platz zum Bewe­gen, mög­li­cher­wei­se einen Platz am Kla­vier usw. geben sollte.

– Raum­kli­ma: Dass fri­sche Luft einen posi­ti­ven Ein­fluss auf das Ler­nen hat, ist unum­strit­ten. Aller­dings gibt es wie oben beschrie­ben Räu­me, in denen die Fens­ter nicht aus­rei­chend weit geöff­net wer­den kön­nen. In eini­gen Räu­men mit anhal­tend schlech­tem Geruch, wie er z. B. von Tep­pich­bö­den in Schu­len aus­ge­hen kann, könn­te man eine Ver­bes­se­rung jedoch nur erzie­len, indem man das Fens­ter stun­den­lang öff­net, was aber zumin­dest im Win­ter und auch mit Rück­sicht auf die umlie­gen­den Anwoh­ner sehr pro­ble­ma­tisch sein kann.
Zim­mer­pflan­zen kön­nen sich posi­tiv auf die Raum­luft aus­wir­ken, indem sie Schad­stof­fe auf­neh­men, Feuch­tig­keit in die Luft abge­ben und staub­bin­dend wir­ken, was auch für All­er­gi­ker von Vor­teil sein kann. Die Pflan­zen soll­ten aller­dings pfle­ge­leicht sein und kei­ne Sta­cheln oder schar­fen Kan­ten haben. Bei der Aus­wahl ist außer­dem zu beden­ken, ob die Pflan­zen viel Licht oder eher Schat­ten benö­ti­gen und ob man sich oft genug in dem Raum auf­hält, um sie regel­mä­ßig zu gie­ßen und zu pflegen.

– Mobi­li­ar und Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de: Dazu gehö­ren neben dem eigent­li­chen Mobi­li­ar wie Stüh­le, Sofas oder Tische auch Acces­soires wie Bil­der, Pos­ter, Blu­men­töp­fe, Ker­zen­leuch­ter usw. Hier ist zu über­le­gen, wie viel von sei­nem per­sön­li­chen Geschmack man preis­ge­ben möch­te, und ob man musik­be­zo­ge­ne Gegen­stän­de wie Bil­der von Kom­po­nis­ten oder Instru­men­ten, Rega­le mit Musik­zu­be­hör, Musik­bü­chern und ‑spie­len o. Ä. ein­be­zie­hen möch­te, also Gegen­stän­de, die zum Fra­gen oder Unter­su­chen einladen.
Mög­li­cher­wei­se kön­nen Bil­der aber auch zu Ableh­nungs­ge­füh­len füh­ren, sodass in Raum­kon­zep­ten für Schu­len von Bil­dern abge­ra­ten wird. Statt­des­sen soll­ten Wän­de in freund­li­chen Far­ben oder auch mit Struk­tu­ren gestal­tet wer­den. Die Ein­rich­tung wird sich auch nach der zu unter­rich­ten­den Alters­grup­pe rich­ten: Je jün­ger die Schü­le­rin­nen und Schü­ler, des­to mehr Gegen­stän­de zum Aus­pro­bie­ren und Erfor­schen kön­nen ein­be­zo­gen wer­den. Dabei muss aber bedacht wer­den, dass die Lern­um­ge­bung nicht zu vie­le Rei­ze bie­ten soll­te, was vor allem für Kin­der mit Auf­merk­sam­keits­pro­ble­men und Kon­zen­tra­ti­ons­schwie­rig­kei­ten pro­ble­ma­tisch sein kann.

Wel­che Fak­to­ren man über­haupt und mit wel­chem finan­zi­el­len und zeit­li­chen Auf­wand beein­flus­sen kann, hängt in hohem Maß davon ab, ob man einen Klas­sen­raum an einer all­ge­mein bil­den­den Schu­le, einen musik­schul­ei­ge­nen Raum (allein oder mit meh­re­ren Kol­le­gIn­nen gemein­sam) oder einen pri­va­ten Raum nutzt.

Hand­lungs­mög­lich­kei­ten für den Unter­richt an Schulen

Der Zustand vie­ler Schul­räu­me ist bekannt – aller­dings gibt es gro­ße Unter­schie­de zwi­schen Schu­len. Den­noch bleibt ein Klas­sen­raum ein Raum, der für die Erfor­der­nis­se von Klas­sen­un­ter­richt und nicht für die des Instru­men­tal­un­ter­richts aus­ge­legt ist. Wer­den Räu­me der all­ge­mein bil­den­den Schu­len von Instru­ment­al­lehr­kräf­ten mit genutzt, hat die Nut­zung und damit die Gestal­tung durch die Leh­re­rIn­nen der Schu­le in der Regel den Vor­rang. Meis­tens haben die Instru­men­tal­päd­ago­gen hier ledig­lich einen „Gast­sta­tus“. Den­noch könn­te sich ein Gespräch zwi­schen den Lehr­kräf­ten der Schu­le und der Musik­schu­le über eine gemein­sa­me Raum­ge­stal­tung lohnen.
Aber selbst bei „gege­be­nen“ Ver­hält­nis­sen und ohne Abspra­che mit der Klas­sen­lehr­kraft der all­ge­mein bil­den­den Schu­le kann man klei­ne Din­ge selbst beein­flus­sen. So bie­tet es sich an, so recht­zei­tig vor Unter­richts­be­ginn zu kom­men, dass man lüf­ten und hoch­ge­stell­te Stüh­le von den Tischen neh­men kann. Man kann den Raum durch das Umstel­len von Tischen und Stüh­len anders auf­tei­len (z. B. eine freie Flä­che zum Bewe­gen schaf­fen). Kla­vie­re haben oft­mals Rol­len und las­sen sich dann eben­falls umstel­len, not­falls mit Hil­fe des ers­ten Schü­lers. Eine unzu­rei­chen­de oder all­zu hel­le Beleuch­tung kann man durch das Anbrin­gen von Pult­leuch­ten verbessern.
Bie­tet der Raum zu vie­le Mög­lich­kei­ten zur Ablen­kung, bei­spiels­wei­se durch Bücher­re­ga­le mit attrak­ti­ven Büchern oder Spiel­zeug­kis­ten, emp­fiehlt es sich, die­sen Bereich durch das Zie­hen einer deut­lich sicht­ba­ren „Gren­ze“, z. B. mit Tischen und Stüh­len, abzu­tei­len und den Unter­richt nur auf einer defi­nier­ten Flä­che durch­zu­füh­ren. Fin­det der Unter­richt in einem Musik­raum statt, kann das Ein­gren­zen auch hilf­reich sein, um die Schü­ler von den dort gela­ger­ten Instru­men­ten fern­zu­hal­ten, die oft sehr ver­lo­ckend sind.

Hand­lungs­mög­lich­kei­ten für den Unter­richt an Musikschulen

Nur an weni­gen Musik­schu­len scheint die Gestal­tung der Unter­richts­räu­me wie von Her­mann Rau­he gefor­dert nach „lern­bio­lo­gi­schen und moti­va­ti­ons­psy­cho­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten“ zu erfol­gen. An Musik­schu­len mit vie­len fest­an­ge­stell­ten Lehr­kräf­ten, die in Voll­zeit arbei­ten (davon gibt es aller­dings immer weni­ger), ver­fü­gen die­se manch­mal über einen Raum, den nur sie nut­zen. Für die­se Lehr­kräf­te ist die Raum­ge­stal­tung natür­lich am leich­tes­ten, da sie ihn spe­zi­ell für ihre indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se und mit dem Auf­wand ein­rich­ten kön­nen, den sie allein für ange­mes­sen halten.
Oft aber müs­sen meh­re­re Kol­le­gIn­nen den­sel­ben Raum an ver­schie­de­nen Tagen nut­zen. Hier ist es sinn­voll, gemein­sam zu über­le­gen, wie der Raum so ein­ge­rich­tet wer­den kann, dass er für alle Betei­lig­ten die best­mög­li­chen Bedin­gun­gen erfüllt, und das mit einem ver­tret­ba­ren zeit­li­chen und finan­zi­el­len Auf­wand. Oft sind es ein­fa­che Din­ge wie z. B. die Abspra­che, zu dritt einen gemein­sa­men CD-Play­er zu nut­zen, statt dass jeder einen eige­nen CD-Play­er im Raum depo­niert oder jede Woche mit­bringt. Auch Musik-Lern­spie­le oder ande­re Medi­en kön­nen in einer gemein­sam auf­ge­bau­ten Media­thek von allen Betei­lig­ten genutzt und auch Abspra­chen über die Wand­de­ko­ra­ti­on getrof­fen werden.

Hand­lungs­mög­lich­kei­ten für den Unter­richt zuhause

Instru­ment­al­lehr­kräf­te, die zuhau­se in einem sepa­ra­ten, nur zum Unter­rich­ten vor­ge­se­he­nen Raum unter­rich­ten, haben sehr vie­le Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten und den Vor­teil, dass sie die­sen Raum rein funk­tio­nal ein­rich­ten kön­nen, ohne viel über sich und ihren Pri­vat­be­reich preis­zu­ge­ben. Prob­lematischer ist es, wenn ein bewohn­ter Raum, z. B. das Wohn­zim­mer, zum Unter­rich­ten genutzt wird. Dies ist jedoch für vie­le Lehr­kräf­te, die sich einen sepa­ra­ten Unter­richts­raum finan­zi­ell nicht leis­ten kön­nen, die Rea­li­tät. So gibt man zwangs­läu­fig mehr über sei­nen Geschmack und sei­ne Per­sön­lich­keit preis, als dies mit einem rein funk­tio­na­len Raum der Fall wäre. Man hat aber auch die Mög­lich­keit, Din­ge eigens zum Zweck des Unter­rich­tens gegen­über der sons­ti­gen Nut­zung zu ver­än­dern. Bei­spiels­wei­se ist es mög­lich, zusätz­li­che Licht­quel­len (Klemm­lam­pen oder Pult­leuch­ten) anzu­brin­gen, die Tem­pe­ra­tur selbst zu regeln oder bei gro­ßer Hit­ze einen Ven­ti­la­tor auf­zu­stel­len und für aus­rei­chend fri­sche Luft zu sor­gen. Per­sön­li­che Din­ge soll­ten weg­ge­räumt wer­den. Möbel kön­nen vor­über­ge­hend gerückt oder ent­fernt wer­den, um den Raum anders aufzuteilen.

Raum­ge­stal­tung als Auf­ga­be des Arbeitgebers

Das „Auf­hüb­schen“ eines Unter­richts­raums kann nicht allein den Musik­schul­lehr­kräf­ten auf­ge­bür­det wer­den. Für einen ange­mes­se­nen Unter­richts­raum zu sor­gen, obliegt vor allem dem Arbeit­ge­ber. Mit dem seit Jah­ren wie­der­hol­ten Argu­ment der „lee­ren Kas­sen“ gestal­tet es sich jedoch für immer mehr Lehr­kräf­te vor allem an öffent­li­chen Schu­len und Musik­schu­len zuneh­mend schwie­rig bis unmög­lich, einen auch nur eini­ger­ma­ßen anspre­chen­den Unter­richts­raum zur Ver­fü­gung gestellt zu bekom­men. Der öffent­liche Raum als sol­cher, und mit ihm die Unter­richt­säu­me an Schu­len und Musik­schu­len, ver­fällt zuse­hends. Oft scheint sich der deso­la­te Zustand eines Gebäu­des auch im Arbeits­kli­ma einer Musik­schu­le oder Schu­le wider­zu­spie­geln – kein Wun­der, denn in einem Gebäu­de, in dem es schon beim ­Betre­ten nach nicht gerei­nig­ter Toi­let­te stinkt und in dem vor 40 Jah­ren zum letz­ten Mal fri­sche Far­be an die Wän­de gebracht wur­de, fühlt man sich nicht will­kom­men und wert­ge­schätzt – weder als Leh­rer noch als Schüler.
Pro­ble­ma­tisch ist auch, dass vie­le Lehr­kräf­te all­ge­mein bil­den­der Schu­len nur wider­wil­lig „ihre“ Räu­me mit Lehr­kräf­ten von Musik­schu­len tei­len. Obwohl mitt­ler­wei­le vie­le Musik­schul­lehr­kräf­te als wich­ti­ger Bestand­teil des Ganz­tags­be­triebs ange­se­hen wer­den, wird ihnen oft nicht ein­mal ein eige­ner abschließ­ba­rer Schrank, geschwei­ge denn ein Mit­spra­che­recht an der Raum­ge­stal­tung zuge­spro­chen. Hier muss noch viel Pio­nier­ar­beit geleis­tet wer­den. Dabei kann es sehr hilf­reich sein, sich direkt an die Schul­lei­tung zu wen­den, um auch auf der Füh­rungs­ebe­ne über­haupt erst ein­mal ein Pro­blem­be­wusst­sein zu schaffen.
Zwi­schen Erzie­he­rin­nen und Leh­re­rin­nen hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren schon viel bewegt. Instru­ment­al­lehr­kräf­te, die an Schu­len unter­rich­ten, kön­nen nur dann eine opti­ma­le Arbeit leis­ten, wenn sie nicht als Fremd­kör­per, son­dern als Berei­che­rung auf glei­cher Augen­hö­he wahr­ge­nom­men wer­den. Das müs­sen jedoch auch die Musik­schul­lehr­kräf­te ein­for­dern, statt sich mit der Kam­mer in der letz­ten Ecke einer Schu­le zufriedenzugeben.

 

Lite­ra­tur
– Anne Bam­ford: Der Wow-Fak­tor. Eine welt­wei­te Ana­ly­se der Qua­li­tät künst­le­ri­scher Bil­dung, Wax­mann, Müns­ter 2010
– Alfred Holz­bre­cher: Der Raum als „drit­ter Päd­ago­ge“. Schul­ar­chi­tek­tur und Lern­kul­tur, www.ph-freiburg.de/fileadmin/dateien/fakultaet1/ew/ew1/Personen/holzbrecher/8.Holzbrecher_Schularchitektur.pdf, 2012
– Her­mann Rau­he: Just for fun. Musik­schu­le voll Ver­gnü­gen, Refe­rat auf dem Musik­schulkongress des VdM 2003, www.musikschulen.de/medien/doks/mk03/referat_ plenum2.pdf