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Holzwarth, Karin / Marjolein Kok / Cordula Reiner-Wormit

Du spielst Kla­vier, ich spie­le mich!“

Auftrag und Chancen von Musiktherapie an Musikschulen

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 5/2019 , musikschule )) DIREKT, Seite 06

Endlich ist wieder Dienstag. Die ganze Woche über fragt Lutz seine Mutter, wann wieder Dienstag sei. Dabei kennt er die Wochentage schon sehr gut. Dienstags geht er in die Musikschule zur Musiktherapie. Und Musiktherapie, erklärt die Mutter der Musiktherapeutin im Elterngespräch, ist für Lutz „genauso wichtig wie Fußball und Fernsehen“. Ein Highlight in seiner Woche.

Die Deut­sche Musik­the­ra­peu­ti­sche Ge­sellschaft (dmtg) Ber­lin defi­niert Musik­the­ra­pie als geziel­ten Ein­satz von Musik im Rah­men der the­ra­peu­ti­schen Bezie­hung zur Wie­der­her­stel­lung, Erhal­tung und För­derung see­li­scher, kör­per­li­cher und geis­ti­ger Gesund­heit. Musik­the­ra­pie ist eine pra­xisorientierte Wis­sen­schafts­dis­zi­plin, die in enger Wech­sel­wir­kung zu ver­schie­de­nen Wis­sen­schafts­be­rei­chen steht, ins­be­son­de­re der Medi­zin, den Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten, der Psy­cho­lo­gie, der Musik­wis­sen­schaft und der Pädagogik.1
In der Musik­päd­ago­gik ist Musik Weg und Ziel, in der Musik­the­ra­pie ist die Musik sys­te­ma­tisch ein­ge­setz­tes Medi­um zur Gestal­tung und Beglei­tung von indi­vi­du­el­len Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen mit nicht-musi­ka­li­schen Ziel­set­zun­gen.
Öffent­li­che Musik­schu­len ver­bin­den ihren Bil­dungs­auf­trag und ihren künst­le­ri­schen Auf­trag. Die Musik­the­ra­pie ergänzt die­ses Feld um den Auf­trag aus dem Gesund­heits­we­sen. Sie trägt ihr kli­ni­sches und psy­cho­the­ra­peu­ti­sches Wis­sen von emo­tio­na­lem und psy­chi­schem Befin­den, von der Bezie­hungs­fä­hig­keit und der Psy­cho­dy­na­mik von Grup­pen­pro­zes­sen in das Ge­füge der Musik­schu­le hin­ein.
Die­ses Wis­sen ist von grund­le­gen­dem Wert, um Ent­wick­lungs­kon­flik­te und Lernblocka­den zu erfas­sen und ihnen im schu­li­schen All­tag nie­der­schwel­lig und gezielt zu begeg­nen. Musik­the­ra­pie als ergän­zen­des Fach an Musik­schu­len ermög­licht einen direkt ver­füg­ba­ren, indi­vi­du­ell dif­fe­ren­zier­ten Ent­wick­lungs­raum für Kin­der und Jugend­li­che in Ent­wick­lungs­kri­sen und leis­tet damit einen wich­ti­gen Bei­trag zur sekun­dä­ren Prä­ven­ti­on an Musik­schu­len: Auf­fäl­lig­kei­ten und Ent­wick­lungs­blo­cka­den kön­nen früh­zei­tig erkannt, pro­fes­sio­nell ver­stan­den und effek­tiv auf­ge­fan­gen wer­den, bevor sich schwer­wie­gen­de Stö­rungs­bil­der ent­wi­ckeln.

Posi­ti­ons­pa­pie­re

Im Leit­bild des Ver­bands deut­scher Musik­schu­len (VdM) heißt es: „Unse­re Trä­ger bil­den im Ver­band deut­scher Musik­schu­len ein star­kes Netz­werk, das sich zur musi­ka­lisch-kul­tu­rel­len Teil­ha­be aller Men­schen bekennt. […] Sie öff­nen die Zugän­ge und berei­ten die Wege zur Musik […] fach­lich, räum­lich und sozi­al offen.“ Die­se Wor­te for­dern Hand­lun­gen ein – und nicht nur das: Auch die Hal­tung jeder ein­zel­nen an einer Musik­schu­le täti­gen Per­son ist her­aus­ge­for­dert, die­ses Ziel zu verinner­lichen, von der Lehr­kraft bis zum Haus­ma­nage­ment, von der Ver­wal­tung bis zur Lei­tung. So heißt es wei­ter: „Wir beken­nen uns zur Inklu­si­on als Anspruch und Auf­ga­be. Wir ermög­li­chen jedem Men­schen, an der Musik teil­zu­ha­ben – durch dis­kri­mi­nie­rungs­freie, auch auf­su­chen­de Ange­bo­te, durch weit­ge­hen­de Selbst­be­stim­mung jedes Ein­zel­nen sowie eine äuße­re und inne­re Bar­rie­re­frei­heit. Viel­falt und Hete­ro­ge­ni­tät erken­nen und nut­zen wir als Chan­ce und stel­len dabei den ein­zel­nen Men­schen in den Mittelpunkt.“2
In der Pots­da­mer Erklä­rung etwa ein Jahr vor Erstel­lung des Leit­bilds hat der VdM sei­ne Hal­tung bereits dif­fe­ren­ziert vor­ge­stellt: „Musik­schu­len ver­bin­den Men­schen unter­schied­li­cher sozia­ler Schich­ten, wir­ken gemein­schafts­stif­tend, genera­tio­nen- und kul­tur­über­grei­fend. Als Zei­chen mensch­licher Viel­falt wer­den Bega­bun­gen und Behin­de­run­gen wert­frei betrach­tet. […] Neben den musik­päd­ago­gi­schen fin­den sich auch musik­the­ra­peu­ti­sche Ange­bo­te an Musik­schu­len. Die rich­ti­ge Wahl des Ange­bo­tes ent­schei­den die Schüler/Klienten im Ein­ver­neh­men mit ihren Betreuern/ Eltern und den The­ra­peu­ten und Päd­ago­gen der Musik­schu­le ent­spre­chend ihrer Zie­le und Bedürfnisse.“3

Insti­tu­tio­nel­le Auf­ga­ben

Der musik­the­ra­peu­ti­sche Blick, gemein­sam mit dem Blick bezie­hungs­sen­si­bler Päda­gogik, ermög­licht auch einen dif­fe­ren­zier­te­ren Umgang mit dem Leis­tungs­be­griff. Vom Wort­sinn her geht der Begriff „etwas leis­ten“ auf das mit­tel- und alt­hoch­deut­sche Wort „Leis­ten“ zurück und bedeu­tet „einer Spur nachgehen“.4 Es ist eine wesent­li­che Auf­ga­be unse­rer Zeit, den Leis­tungsbegriff gesell­schaft­lich zur Diskus­sion zu stel­len. In unse­rem Fall heißt das, die kri­ti­sche Selbst­re­fle­xi­on im Kol­le­gi­um und auf der Lei­tungs­ebe­ne vor­an­zu­trei­ben: Wel­che Zugän­ge wer­den vul­nera­blen Tei­len der Gesell­schaft ermög­licht? Wel­che Beglei­tung und Unter­stüt­zung wer­den die­sen an die Hand gege­ben, um „eine Spur auf­zu­neh­men und ihr zu fol­gen?“ Was ist die Insti­tu­ti­on bereit zu ler­nen von Men­schen, die Ange­bo­te benö­ti­gen, wel­che über regu­lä­re Ver­mitt­lungs­for­ma­te hinaus­gehen?
Die Nähe und Ver­bun­den­heit von päda­gogischem und the­ra­peu­ti­schem Han­deln unter dem Dach der Musik­schu­le ist eine immense Chan­ce, um Ange­bo­te für Men­schen mit beson­de­rem Unter­stüt­zungs­be­darf zukünf­tig immer dif­fe­ren­zier­ter und indi­vi­du­el­ler aus­zu­ge­stal­ten und abzu­stim­men. Von die­ser Zusam­men­ar­beit pro­fitiert die Musik­schu­le im Umgang mit den wesent­li­chen Bar­rie­ren, die per­sön­li­che Ent­wick­lung und Lern­fä­hig­keit behin­dern kön­nen:
– kogni­ti­ve Ein­schrän­kun­gen,
– kör­per­li­che und funk­tio­nel­le Ein­schrän­kun­gen,
– Ein­schrän­kun­gen im sozia­len Umfeld,
– Ein­schrän­kun­gen im Reper­toire der adä­quaten Ver­hal­tens­wei­sen,
– psy­chi­sche und emo­tio­na­le Ein­schrän­kun­gen.
Die­se Bar­rie­ren wer­den in aller Regel nur dann zu Bar­rie­ren im Sin­ne von Behin­de­run­gen der Ent­wick­lung eines Men­schen, wenn sei­ne Umwelt kei­nen Umgang mit ihnen fin­det oder die beson­de­ren Lebens­be­din­gun­gen gar nicht wahr­nimmt. Letz­te­res ist gera­de in grö­ße­ren Insti­tu­tio­nen mit stark gere­gel­ten, stan­dar­di­sier­ten Han­d­­lungs- und Orga­ni­sa­ti­ons­ab­läu­fen häu­fig der Fall und kann für die betrof­fe­nen Per­so­nen gro­ßes Leid aus­lö­sen. Musik­the­ra­pie kann an der Musik­schu­le einen Bei­trag leis­ten, für sol­cher­art Bar­rie­ren zu sen­si­bi­li­sie­ren (dass sie gese­hen wer­den), die Ursa­chen zu ver­ste­hen, zu redu­zie­ren oder zumin­dest den Umgang mit die­sen Bar­rie­ren leich­ter zu machen.5
Musik­the­ra­pie för­dert auf die­se Wei­se Em­powerment (= Selbst­be­mäch­ti­gun­g/-ver­ant­wor­tun­g/-kom­pe­tenz) und die Fähig­keit, Mög­lich­kei­ten zur Teil­ha­be tat­säch­lich nut­zen zu kön­nen. Immer wie­der erle­ben wir, wie die Kin­der, Jugend­li­chen und Erwach­se­nen, die wir musik­the­ra­peu­tisch beglei­tet haben, plötz­lich ein Inter­es­se ent­wi­ckeln, ein bestimm­tes Instru­ment zu erler­nen, oder durch die erreich­te Bezie­hungs-, Wahr­neh­mungs- oder Konzent­rationsfähigkeit schließ­lich in die Lage kom­men, ein musik­päd­ago­gi­sches Ange­bot sinn­voll und erfolg­reich zu nut­zen.

Inklu­si­ve Musik­schul­päd­ago­gik und Musik­the­ra­pie

Musik­the­ra­pie an Musik­schu­len wird vom VdM, vom Fach­aus­schuss, von Schul­lei­tun­gen und Kol­le­gIn­nen als hilf­rei­che und wich­ti­ge Part­ne­rin zur Errei­chung des erklär­ten Ziels ange­se­hen, Inklu­si­on an Musik­schu­len zu ver­wirk­li­chen. Musik­the­ra­peu­ti­sche Ange­bo­te erset­zen kei­ne inklu­si­ons­päd­ago­gi­schen Bemü­hun­gen und wol­len auch nicht als Adres­se bzw. Auf­fang­be­cken ver­stan­den wer­den für alle Men­schen, die „behin­dert“ oder „schwie­rig“ sind, also als beson­de­re päd­ago­gi­sche He­rausforderung erlebt wer­den. Men­schen mit Behin­de­rung, die ein Musik­in­stru­ment erler­nen möch­ten bzw. bei denen – egal wie spie­le­risch, klein­schrit­tig oder nie­der­schwel­lig – das Ver­mit­teln von musi­ka­li­schen und instru­men­tal­tech­ni­schen Kom­pe­ten­zen das ent­schei­den­de Anlie­gen und Ziel dar­stel­len, soll­ten auch Unter­richt bekom­men.
Musik­the­ra­peu­tIn­nen an Musik­schu­len ste­hen bei Bedarf mit ihrem Wis­sen über Krank­heits­bil­der, Behin­de­rungs­for­men, Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten und Bezie­hungs­dy­na­mik kol­le­gi­al unter­stüt­zend zur Sei­te und wer­den unse­ren Erfah­run­gen nach auch in Band­lei­tungs­teams oder päd­ago­gi­schen Tan­dems mit ihrem „the­ra­peu­ti­schen Blick“ als hilf­rei­che Unter­stüt­zung im inklu­si­ons­päd­ago­gi­schen Pro­zess erlebt. Wich­tig ist uns jedoch aus­drück­lich, dass Musik­un­ter­richt mit Men­schen mit Behin­de­rung selbst­ver­ständ­lich auch „Unter­richt“ und nicht „Musik­the­ra­pie“ heißt – auch dann, wenn musik­the­ra­peu­tisch aus­ge­bil­de­te Kol­le­gIn­nen in man­chen Fäl­len als Lehr­kraft ange­fragt wer­den soll­ten. Mit dem Ange­bot Musik­the­ra­pie ver­sor­gen wir die­je­ni­gen Kin­der, Jugend­li­chen und Erwach­se­nen, bei denen das fokus­sier­te Anlie­gen besteht, über das Erle­ben von Musik effek­tiv an nicht-musi­ka­li­schen Ziel­set­zun­gen zu arbei­ten.

Bezie­hungs­fä­hig­keit als Grund­la­ge

Die Gestal­tung einer Bezie­hung ist die Grund­la­ge aller päd­ago­gi­schen und the­ra­peu­ti­schen Arbeits­fel­der. Eine gelun­ge­ne Bezie­hung ist von gegen­sei­ti­gem Ver­trau­en und Wert­schät­zung gekenn­zeich­net und erfor­dert ein krea­ti­ves Mit­ein­an­der im fami­liä­ren, schu­li­schen und sozia­len Umfeld. Gise­la Peters – Grün­de­rin des Fach­be­reichs Musik­the­ra­pie an der Staat­li­chen Jugend­mu­sik­schu­le Ham­burg und Grün­dungs­mit­glied des Bun­des­wei­ten Arbeits­krei­ses Musik­the­ra­pie an Musik­schu­len (BAMMS) – bezeich­net die Beziehungs­fähigkeit als Grund­la­ge der Lern­fä­hig­keit. Wenn Bezie­hun­gen schon früh­zei­tig „feh­len oder erstar­ren, belas­tet oder zer­stört sind“,6 bedarf es the­ra­peu­ti­scher Hil­fe. Psy­chi­sche und emo­tio­na­le Belas­tun­gen ver­rin­gern die Bezie­hungs­fä­hig­keit. Die inne­re und äuße­re Fle­xi­bi­li­tät, die emo­tio­na­le Beweg­lich­keit sind ein­ge­schränkt oder ganz erstarrt. In die­sem Fall ist ein Lern­pro­zess nahe­zu unmög­lich. Die Lern­fä­hig­keit ist ekla­tant ver­rin­gert im Fall von emo­tio­na­lem und psy­chi­schem Stress. Mu­siktherapie setzt als beziehungstherapeu­ti­sches Ver­fah­ren exakt auf die­ser Ebe­ne an.

Ange­bo­te der Musik­the­ra­pie

Wel­che Men­schen errei­chen wir mit Musik­the­ra­pie an Musik­schu­len? Wem ermög­lichen wir musi­ka­li­sche und damit per­sön­li­che Spiel­räu­me? Zum einen arbei­ten wir im regu­lä­ren „Nach­mit­tags­ge­schäft“ mit Kin­dern und Jugend­li­chen und an man­chen Musik­schu­len auch mit Erwach­se­nen ein­zel- und grup­pen­the­ra­peu­tisch an indi­vi­du­el­len the­ra­peu­ti­schen Ziel­set­zun­gen. Zu uns kom­men Kin­der mit Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten, z. B. Auf­merk­sam­keits­de­fi­zi­ten, Hyper­ak­ti­vi­tät, Impul­si­vi­tät, man­geln­der Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz, mit autis­ti­scher Sym­pto­ma­tik, mit extre­mer Schüch­ternheit, sozia­ler Ängst­lich­keit oder dep­ressiven Sym­pto­men, Schul­ver­wei­ge­rer, aber auch Kin­der oder Jugend­li­che mit psy­cho­so­ma­ti­schen Sym­pto­men wie z. B. chro­ni­schen Kopf­schmer­zen, mit Trau­ma­fol­ge­stö­run­gen oder in fami­liä­ren oder per­sönlichen Kri­sen. Auch Kin­der mit Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­run­gen im Bereich Bezie­hungsfähigkeit, Wahr­neh­mung und Spra­che wer­den von uns gezielt beglei­tet.
Wenn bei Kin­dern, Jugend­li­chen und Erwach­se­nen mit Behin­de­rung das Anlie­gen besteht, durch Musik an Sekun­där- oder Begleit­pro­ble­ma­ti­ken im kör­per­li­chen, geis­ti­gen oder see­li­schen Bereich dif­fe­ren­ziert und dabei spie­le­risch zu arbei­ten, för­dern wir auch die­se ganz gezielt. Eine Behin­de­rung allei­ne genügt jedoch nicht als Indi­ka­ti­on für Musik­the­ra­pie.
Außer­dem arbei­ten wir – wie unse­re ins­trumentalpädagogischen Kol­le­gIn­nen auch – sehr viel in Koope­ra­tio­nen der Musik­schu­le mit ande­ren Insti­tu­tio­nen: mit Kin­der­gär­ten bzw. Grund­schul­för­der­klas­sen, in Son­der­päd­ago­gi­schen Bil­dungs- und Bera­tungs­zen­tren bzw. Regio­na­len Bil­dungs- und Bera­tungs­zen­tren, in Flücht­lings­un­ter­künf­ten, in Wohn­hei­men für Men­schen mit Schwerst-/Mehr­fach­be­hin­de­run­gen so­wie in Alten- und Senio­ren­hei­men.
Die musik­the­ra­peu­ti­schen Ziel­set­zun­gen sind mit den Koope­ra­ti­ons­part­nern jeweils indi­vi­du­ell nach Bedarf ver­ein­bart und rei­chen von der För­de­rung der emo­tio­na­len und sozia­len Kom­pe­tenz, der Stär­kung der Selbst­wirk­sam­keit und der Affekt­re­gu­lie­rungs­fä­hig­kei­ten bis hin zur Ermög­li­chung bzw. zum Erhalt non­ver­ba­ler Aus­drucks- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten und Lebens­qua­li­tät oder Ster­be­be­glei­tung.

Mul­ti­pro­fes­sio­nel­le Team­ar­beit

Mu­siktherapie kann dazu bei­tra­gen, Viel­falt in unse­rer Gesell­schaft aus­zu­hal­ten, zu begrü­ßen, gemein­sam zu ver­han­deln und zu gestal­ten. In der Musik­the­ra­pie wird Musik gehört, gemacht und erlebt, die mit einem oder meh­re­ren Mit­mu­si­zie­ren­den im geschütz­ten Raum blei­ben darf – von jeher ein Bedürf­nis von Men­schen, z. B. in der Haus­mu­sik, beim Spie­len oder Sin­gen im „stil­len Kämmerlein“.7 Musik­the­ra­pie bie­tet solch einen Ort und ermög­licht ­einen musi­ka­li­schen Spiel­raum ohne die Idee, die Bedin­gung oder das Ziel von Öffent­lich­keit und musi­ka­lisch-künst­le­ri­scher Leis­tungs­stei­ge­rung. Die­ser Raum als the­ra­peu­ti­scher Schutz­raum ermög­licht die beglei­te­te per­sön­li­che Aus­ein­an­der­set­zung und die Unter­stüt­zung per­sön­li­cher Ver­än­de­rungs­pro­zes­se.
An der Musik­schu­le ermög­licht Musik­the­ra­pie auf die­se Wei­se Men­schen in kri­ti­schen Lebens­si­tua­tio­nen die Teil­ha­be mit den Aspek­ten Teil­ga­be, Teil­nah­me und Teil­sein. „Teil­ha­ben heißt in die­sem Sin­ne sich zuge­hö­rig zu füh­len, ein­ge­bun­den zu sein.“ Der Gemein­schaft wird auch etwas gege­ben, wie das Kunst­wort „Teil­ga­be“ zum Aus­druck bringt. „Teil sein kann ein­fach dabei­sein bedeu­ten (auch das hat sei­nen Wert!), es meint aber vor allem dazu zu gehören.“8
Schu­len erken­nen heu­te immer häu­fi­ger die Not­wen­dig­keit und Chan­ce, Sozi­al­ar­bei­te­rIn­nen, Psy­cho­lo­gIn­nen und Sozi­al­päd­ago­gIn­nen anzu­stel­len, um den so kom­plex gewor­de­nen Bil­dungs- und Präven­tionsauftrag mit gemein­sa­mer Kraft zu erfül­len. An Musik­schu­len kön­nen Musik­the­ra­peu­tIn­nen in die­sem Sin­ne Ver­ant­wor­tung über­neh­men und sich pro­fes­sio­nell und inter­dis­zi­pli­när ein­brin­gen.
Wir wün­schen uns, dass Musik­schu­len Orte sind, an denen Kin­der und Jugend­li­che in Kri­sen auf­ge­fan­gen wer­den, bevor sich leid­volle Teu­fels­krei­se ent­wi­ckeln. Dass Kin­der und Jugend­li­che in ihrer Ent­wick­lung nicht allei­ne gelas­sen wer­den und the­ra­peu­tisch beglei­ten­de und unter­stüt­zen­de Maß­nah­men nicht erst im ambu­lan­ten oder sta­tio­nä­ren psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Set­ting zum Tra­gen kom­men. Dar­in sehen wir den aktu­el­len Auf­trag und auch die zukünf­ti­ge Chan­ce von Musik­the­ra­pie an Musik­schu­len.
Auch außer­halb dezi­diert musik­the­ra­peu­ti­scher Ange­bo­te kön­nen Musik­the­ra­peu­tIn­nen im Musik­schul­kol­le­gi­um ihren geschul­ten Blick und ihr pro­fes­sio­nel­les Wis­sen über die Ent­wick­lung und das Ver­hal­ten von Kin­dern und Jugend­li­chen bei Bedarf einbringen.9 Bei­spiels­wei­se in Tan­dem-Lei­tun­gen mit ihren musik­päd­ago­gi­schen Kol­le­gIn­nen, in beson­ders her­aus­for­dern­den Grup­pen­kon­stel­la­tio­nen oder in Unter­richts­si­tua­tio­nen, in denen der emo­tio­nal-sozia­le Kom­pe­tenz­er­werb eine beson­de­re Rol­le spielt und ein interdiszip­linär auf­ge­stell­tes Lei­tungs­team beson­ders effek­tiv scheint. Auch man­che musi­ka­li­schen Pro­jek­te pro­fi­tie­ren unse­rer Erfah­rung nach sehr von einer gemein­sa­men musik­päd­ago­gisch-musik­the­ra­peu­ti­schen Kon­zep­ti­on, so Feri­en­pro­gram­me, Sprach­för­de­rung, Ange­bo­te für Geflüch­te­te, Impro­vi­sa­ti­ons­work­shops, Gewalt­prä­ven­ti­ons­pro­gram­me etc. Die Kol­le­gIn­nen pro­fi­tie­ren dann jeweils von der fach­li­chen Exper­ti­se und dem Erfah­rungs­schatz der ande­ren und kön­nen so ihren eige­nen pro­fes­sio­nel­len Spiel-, Ver­ste­hens- und Hand­lungs­raum erwei­tern.
Wenn es eines Tages an jeder Musik­schu­le dif­fe­ren­zier­te inklu­si­ve musik­päd­ago­gi­sche und musik­the­ra­peu­ti­sche Ange­bo­te gibt, ist unser gemein­sa­mes Ziel einer Musik­schu­le für alle Wirk­lich­keit gewor­den und immer mehr Kin­der wie Lutz kön­nen teil­neh­men und sich an ihrem Bei­trag freu­en. Oder wie Robin, der eben­falls zur Musik­the­ra­pie in die Musik­schu­le kommt, es gegen­über sei­ner Schwes­ter aus­drückt: „Du spielst Kla­vier, ich spie­le mich! Auf ganz vie­len ver­schie­de­nen Instru­men­ten.“

1 www.musiktherapie.de/musiktherapie/definition.html (Stand: 26.8.2019).
2 VdM-Bun­des­ver­samm­lung, Müns­ter 2015, www.musikschulen.de/medien/doks/Positionen_Erklaerungen/leitbild_vdm-musikschulen.pdf (Stand: 26.8.2019).
3 VdM: Pots­da­mer Erklä­rung. Musik­schu­le im Wan­del. Inklu­si­on als Chan­ce, 16. Mai 2014, www.musikschulen.de/medien/doks/vdm/potsdamer_erklaerung_inklusionspapier.pdf (Stand: 26.8.2019).
4 Eva Men­sch/­Karl-Heinz Stef­fan: „Zum Bei­trag von Musik­the­ra­peu­tIn­nen inner­halb des Musik­schul­kol­le­gi­ums aus Sicht eines Musik­schul­lei­ters und einer instru­men­tal­päd­ago­gi­schen Kol­le­gin“. Vor­trag bei der Jubi­lä­ums­ta­gung BAMMS „Spiel­raum schaf­fen, Spiel­raum erhal­ten – wo die Musik zuhau­se ist“, Städ­ti­sche Musik­schu­le Mann­heim, 11. Novem­ber 2017.
5 vgl. Karin Holz­warth: „Musik­the­ra­pie zur Unter­stützung des öffent­li­chen Auf­trags von Musik­schu­len“, in: Ver­band deut­scher Musik­schu­len (Hg.): Spek­trum Inklu­si­on – wir sind dabei! Wege zur Ent­wick­lung inklu­si­ver Musik­schu­len, Bonn 2017, S. 115–120.
6 Gise­la Peters: „Bezie­hung gestal­ten“. Tagungs­fly­er Staat­li­che Jugend­mu­sik­schu­le Ham­burg 2010.
7 Rose­ma­rie Tüp­ker: „Musik­the­ra­pie als Teil des Musik­le­bens“, in: Han­na Schir­mer (Hg.): Jahr­buch Musik­the­ra­pie. Band 9: Wo steht die Musik­the­ra­pie im Gesund­heits­we­sen?, Wies­ba­den 2013, S. 209–223.
8 www.diakonisch.wordpress.com/2012/05/28/teilhabe (Stand: 26.8.2019).
9 vgl. Cor­du­la Rei­ner-Wor­mit: „Wech­sel­sei­tig wert­schät­zen­de inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit am Bei­spiel der Musik­schu­le Wag­häu­sel-Ham­brü­cken e. V.“, in: Ver­band deut­scher Musik­schu­len (Hg.): Spek­trum Inklu­si­on – wir sind dabei! Wege zur Ent­wick­lung inklu­si­ver Musik­schu­len, Bonn 2017, S. 121–123.