Leiner, Jakob

Ent­de­cke die Klas­si­sche Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Autumnus Verlag, Berlin 2016
erschienen in: üben & musizieren 5/2016 , Seite 56

Es ist ein ehr­ba­res Anlie­gen, Kin­dern die klas­si­sche Musik nahe­zu­brin­gen. Gera­de in einer Zeit, in der sie nicht mehr so selbst­ver­ständ­lich und so umfas­send gelehrt wird, trägt man gewiss kei­ne Eulen nach Athen. Fra­gen muss man sich, wel­che Alters­grup­pe der Autor und sein Ver­lag im Blick haben. „Ab 7“, sagt die Ver­lags­home­page, was wegen des über­wie­gend ein­fa­chen Zun­gen­schlags, mit dem Jakob Lei­ner sei­ne Lese­rIn­nen direkt anspricht, irgend­wie passt (abge­se­hen von gele­gent­lich etwas umständ­li­chen Wen­dun­gen wie „form­voll­ende­te Art“).
Gen­re-Abgren­zun­gen, Instrumen­tengruppen oder Kon­zert­be­such sind leicht ver­ständ­lich dar­ge­stellt. Aller­dings behin­dern immer wie­der Ein­schü­be in Klam­mern den Lese­fluss. Das mag ein Stil­ele­ment des Autors sein, das für Erwach­se­ne pro­blem­los ist, aber für Kin­der bleibt es auch beim Vor­le­sen schwie­rig. Hin­ter man­che Aus­künf­te möch­te man ein Fra­ge­zei­chen set­zen. Dass „klas­si­sche Musik“ nicht nur Klas­sik umfasst, son­dern auch alle ande­ren Epo­chen, ist ein wich­ti­ger Hin­weis, wobei Lei­ner die­se Epo­chen dann etwas hopp­la-hopp abhan­delt. Aber stimmt es, dass klas­si­sche Musik „nie lang­wei­lig“ wird? Dass sie „lan­ge gül­tig ist“, also „lan­ge hält“? Es gibt doch auch ver­ges­se­ne und kreuz­lang­wei­li­ge Stü­cke. Gehört „Neue Musik“ noch zur klas­si­schen Musik? Die Kom­ple­xi­tät die­ser Fra­ge deu­tet er an, da er die Impres­sio­nis­ten bereits ein­be­zieht und bis zu John Cage vor­an­schrei­tet. Aber wo lie­gen die Gren­zen zur Geräusch­kunst?
„Wenn ein Kom­po­nist Musik für ein Orches­ter schrei­ben möch­te, kom­po­niert er eine ‚Sin­fo­nie‘“, steht auf Sei­te 25. Hät­te der Autor „oft“ ein­ge­fügt, gin­ge der Satz stol­per­frei­er durch. Bei Mozart, so heißt es, „wer­det ihr euch bestimmt sehr schnell ruhig und ent­spannt füh­len“. Das hört sich zu kli­schee­haft, zu pau­schal und ein wenig nach eso­te­ri­scher Ent­span­nungs­me­tho­de an. Der Autor emp­fiehlt, selbst vorm Spie­gel das Diri­gie­ren zu üben. Im Ernst: So ein­fach ist es trotz Lei­ners Erklä­run­gen doch nicht, selbst wenn klas­sik­be­geis­ter­te Kin­der gern vor CDs mit den Armen fuch­teln.
Bach, Mozart, Beet­ho­ven, Schu­mann und Stra­win­sky stellt das Büch­lein eigens vor, sozu­sa­gen als Epo­chen­ver­tre­ter. Lei­ner weiß selbst, dass dies auf Beet­ho­ven nicht wirk­lich zutrifft. Stra­win­sky redu­ziert er lei­der im Wesent­lichen auf Le Sacre du Prin­temps und Schu­mann „konn­te am Ende sei­nes Lebens sogar nicht ein­mal mehr ver­ständ­lich reden“. Was kann ein Kind damit anfan­gen? Wenn man sich und sei­nem jun­gen Leser­kreis die gan­ze Tra­gö­die Schu­manns erspa­ren will, hilft einem die­ser ver­steck­te Hin­weis nicht.
Rund­um kann das schma­le Bänd­chen mit sei­nen ein­fa­chen Schwarz-weiß-Zeich­nun­gen nicht über­zeu­gen. Auch in der Auf­machung wirkt es etwas mager, wes­halb knapp elf Euro für das biss­chen Buch ein stol­zer Preis sind.
Roland Mör­chen