Gutzeit, Benjamin von

Exot mit klo­bi­gem Kas­ten

Jazz auf Streichinstrumenten – eine Einführung

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2016 , Seite 06

Streichinstrumente sind im Jazz eine Rarität. Und Streicher, die swingen, mit einer Rhythmusgruppe spielen können und dabei auch noch gut klingen, sind noch seltener. Kein Wunder also, dass die meisten JazzmusikerInnen Streichern zunächst mit Skepsis begegnen.

Eine typi­sche Sze­ne aus mei­ner Anfangs­zeit in New York: Mit Brat­schen­kof­fer auf dem Rücken und Ver­stär­ker unter dem Arm betre­te ich spät nachts einen Jazz­club, um dort auf der Ses­si­on zu spie­len. Ich bin zum ers­ten Mal in die­sem Schup­pen, einem von vie­len Jazz­clubs in der Jazz­me­tro­po­le der Welt. Mein klo­bi­ger Brat­schen­kof­fer wird von den hip­pen New Yor­ker Jazz­mu­si­kern wie so oft für einen Tenor­sax­kof­fer gehal­ten. Als ich den Kas­ten öff­ne, wer­de ich mit zwei­feln­dem Blick gemus­tert: „Yo man, ya wan­na play on the vio­lin?“ – „It’s a vio­la… but sure, yes! Let me quick­ly set up my amp…“
Strei­cher im Jazz sind eigen­sin­ni­ge Charak­tere. Gegen den Strom zu schwim­men und etwas Unge­wöhn­li­ches zu machen, das waren wohl auch in mei­nem Fall Aspek­te, die mich moti­vier­ten, Jazz­brat­scher zu wer­den. Ich habe, wie fast alle Strei­cher in Eu­ropa, mit klas­si­scher Musik begon­nen. Mit vier Jah­ren ers­ter Unter­richt beim Vater, auf einer Sech­zehn­tel-Gei­ge, mit Brat­schen­sai­ten bespannt. Als ich zehn war, kam es zum ers­ten Kon­takt mit Jazz auf einem Work­shop des Modern String Quar­tets. Kurz dar­auf frag­te ich den Kom­po­nis­ten Edu­ard Pütz, Jazz­pia­nist und Freund der Fami­lie, ob er mir nicht ein jaz­zig-blue­si­ges Stück für die Brat­sche schrei­ben könn­te, da mir das moder­ne Standard­repertoire für die geplan­te Teil­nah­me bei „Jugend musi­ziert“ zu lang­wei­lig erschien. Zwei Wochen spä­ter hat­te ich das Stück im Brief­kas­ten und ein hal­bes Jahr spä­ter war ich tat­säch­lich Bun­des­sie­ger mit Eddies Blues for Benny.1
Mit der auf­kom­men­den Puber­tät wur­den die Zwei­fel immer grö­ßer, ob ich wirk­lich den Weg wei­ter­ge­hen und klas­si­scher Musi­ker wer­den woll­te. Alle mei­ne vier Geschwis­ter hat­ten Streich­in­stru­men­te gelernt und zwei von ihnen waren zu der Zeit schon auf dem bes­ten Weg, mit ihrem Instru­ment Kar­rie­re zu machen.
Ich hin­ge­gen fühl­te mich in der klas­si­schen Musik nicht recht zuhau­se. Von Kin­des­bei­nen an war ich fas­zi­niert von ame­ri­ka­ni­scher, groo­ve­ba­sier­ter Musik – mei­ne ers­ten Plat­ten waren von Prince und Micha­el Jack­son. Und als ich mit 14 merk­te, dass man die Mädels in der Schu­le mit Brat­sche­spie­len über­haupt nicht begeis­tern konn­te, häng­te ich mein Instru­ment an den Nagel und leg­te eine musi­ka­li­sche Pau­se ein.
Mit 16 ent­deck­te ich dann den E-Bass für mich und hoff­te, dass man damit auch ohne zu üben reich und berühmt wer­den kön­ne – was lei­der nicht funk­tio­niert hat. Dafür brach­te mich die Zeit mit dem E-Bass via Rock und Funk wie­der zum Jazz.
Schnell merk­te ich, dass mei­ne musi­ka­li­schen Refle­xe auf der Brat­sche trotz der Pau­se bedeu­tend schär­fer aus­ge­prägt waren als auf dem Bass; und die Idee, mit mei­nem Instru­ment uner­forsch­tes Ter­rain zu betre­ten, gefiel mir sehr. Ich schrieb mich daher am Lin­zer Kon­ser­va­to­ri­um bei Jazz­gei­ger Andi Schrei­ber ein. Von Linz ging es ans Con­ser­va­to­ri­um van Ams­ter­dam, zugleich mit­ten in die Ams­ter­damer Jazz­sze­ne. Und im Jahr 2010 erfüll­te sich für mich der Traum aller euro­päi­schen Jazz­stu­den­tIn­nen: Ich ging nach New York und begann, mit diver­sen Sti­pen­di­en­gel­dern aus­ge­stat­tet, an der Man­hat­tan School of Music ein Mas­ter­stu­di­um in Jazz – als ers­ter Brat­scher über­haupt.
In NYC lern­te ich auch das Turt­le Island Quar­tet ken­nen: Jedem Jazz­strei­cher (und vie­len Klas­si­kern) ist die­ses Quar­tett ein Begriff als Urge­stein der Jazz­streich­quar­tet­te. Ich hat­te das Ensem­ble schon vor lan­ger Zeit in Linz erlebt – ohne zu ahnen, dass ich neun Jah­re spä­ter Brat­scher bei den „Turt­les“ wer­den wür­de…

Jazz­ge­schich­te – durch die Streicher­brille betrach­tet

Die Gei­ge hat­te im Jazz nicht immer die Rol­le des Under­dogs: In den afro-ame­ri­ka­ni­schen String­bands des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts war sie ein belieb­tes Instru­ment. Auch im Blues wur­de die Gei­ge, unter ande­rem auf­grund ihrer Mög­lich­keit, dem Ton durch Ver­wen­dung von Glis­san­di voka­le Qua­li­tä­ten zu geben, bis in die 1920er Jah­re von schwar­zen Musi­kern häu­fig ver­wen­det. Ab den 1930er Jah­ren wur­de sie im Blues jedoch von der Gitar­re ver­drängt, was sicher­lich auch damit zu tun hat­te, dass es ungleich schwie­ri­ger war, die Gei­ge elek­trisch zu ver­stär­ken und dabei einen ange­neh­men Klang zu pro­du­zie­ren. Im Jazz hat­te die Gei­ge noch in der gesam­ten Swing-Ära – also bis Anfang der 1940er Jah­re – eine wich­ti­ge Rol­le und in den USA waren Gei­ger wie Eddie South, Stuff Smith und Joe Venuti Stars ihrer Zeit. In Euro­pa brach­te es Sté­pha­ne Grap­pel­li in den 1930er Jah­ren zusam­men mit Djan­go Rein­hardt im Quin­tet­te du Hot Club de Fran­ce zu gro­ßer Berühmtheit.2

1 Edu­ard Pütz: Blues for Ben­ny für Vio­la und Kla­vier, Mainz 1991.
2 Nur weni­gen ist bewusst, wie sehr die­ses legen­dä­re Gei­gen-Gitar­ren-Duo aus Frank­reich von dem schon in den 1920er Jah­ren in den USA erfolg­rei­chen Duo von Joe Venuti und Eddie Lang inspi­riert war.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 4/2016.