Greim, Monika
Expertissimo
Talentförderung für JeKits-Kinder an der Musikschule Hilden
Förder-Projekte, wie sie u. a. an Grundschulen stattfinden, können auch musikalisch gedacht werden. So hat die Musikschule Hilden das Expertissimo-Förderprogramm für JeKits-Kinder entwickelt. Wie Talentförderung und Nachwuchsgewinnung bei JeKits gelingen kann, erläutert die JeKits-Koordinatorin der Musikschule.
Die Musikschule Hilden pflegt seit vielen Jahren eine gelingende und wertvolle Kooperation mit dem Grundschulverbund Schulstraße in Hilden. Seit 2013 gibt es dort das „Forder-Förder-Projekt“, das vom Landeskompetenzzentrum für individuelle Förderung (LIF) in Münster an der Schule eingeführt und wissenschaftlich begleitet wurde. Ein essenzieller Baustein des Forder-Förder-Projekts ist der Expert:innentag am Ende des Schuljahrs, an dem ausgewählte Kinder der Grundschule ihre Vorträge und Arbeiten präsentieren.
In den vergangenen Jahren fand der Expert:innentag regelmäßig in den Räumen der Musikschule statt, moderiert von der Musikschulleiterin Eva Dämmer. Was lag also näher, als eine musikalische Variante des Forder-Förder-Projekts zu etablieren? Und so nahm die Musikschule 2016 zum ersten Mal am Expert:innentag teil. Die Teilnahme nach der im Folgenden vorgestellten Form erfolgte ab dem Schuljahr 2022/23.
Die Musikschule Hilden generiert den größten Teil ihres Nachwuchses aus dem Programm JeKits (Jedem Kind Instrumente, tanzen, singen). Heterogene Instrumentalgruppen mit durchschnittlich sechs Kindern sind fester Bestandteil der JeKits-Arbeit. Wie können unter diesen Rahmenbedingungen einzelne, besonders interessierte Kinder erkannt und gefördert werden? Und wie kann es gelingen, die Kinder nach JeKits für den weiterführenden Unterricht an der Musikschule zu halten und die Übergänge erfolgreich zu gestalten?
Hier setzt das von der Musikschule Hilden entwickelte Expertissimo-Förderprogramm an. Es bietet individuelle Förderung, selbstständiges Lernen, Vernetzung mit anderen, besonders neugierigen Kindern und einen ersten Kontakt mit den Abläufen der Musikschule außerhalb des JeKits-Programms. Das Expertissimo-Förderprogramm beginnt im zweiten Schulhalbjahr des jeweiligen Schuljahres (Februar bis Juli) und umfasst fünf Säulen:
– Kinder beobachten und Talente finden,
– mit einem Probenbesuch bei den Wuppertaler Symphonikern ein Gemeinschaftserlebnis schaffen,
– ein musikalisches Thema finden und die Umsetzung planen,
– im Expertissimo-Projektorchester musizieren,
– Abschlusspräsentation: Expert:innen- und Expertissimo-Tag.
Talente finden
Die Instrumentallehrkräfte beobachten im ersten Halbjahr, welche Kinder besonders neugierig sind und „zusätzliches Futter“ gut gebrauchen könnten. Bis zu den Weihnachtsferien schlagen die Lehrkräfte Kinder aus den Jahrgangsstufen zwei bis vier für Expertissimo vor; maximal zwanzig Kinder können in eine Expertissimo-Gruppe aufgenommen werden. Es wird versucht, Kinder aus allen Fachbereichen und unterschiedlichen Jahrgangsstufen auszuwählen. Die organisatorische Gesamtleitung des Talentförderprogramms und die Kommunikation mit den Eltern übernimmt die JeKits-Koordinatorin.
Probenbesuch
Zum Auftakt des Programms machen die Kinder mit ihren Lehrkräften und der JeKits-Koordinatorin einen Ausflug in die Historische Stadthalle Wuppertal zu den Wuppertaler Symphonikern. Dort hören die Kinder eine Probe, begleitet vom Education-Team der Symphoniker. Von der Empore aus beobachten sie das Geschehen auf der Bühne, suchen ihr Instrument und lauschen den faszinierenden Klängen. „Das ist wie im Palast“, flüstert eines der Kinder.
In der Pause dürfen die Kinder den Profis Fragen stellen, diese bringen ihr Instrument mit und erläutern dessen Besonderheiten. „Musst du immer noch üben?“, ist eine der Fragen, die den Kindern auf der Seele brennt. Viele haben noch nie ein Symphonieorchester gehört. Die Fülle des Klangs und das Zusammenspiel so vieler Musikerinnen und Musiker beeindruckt sie. Mit neuen Eindrücken kehrt die Expertissimo-Gruppe zurück und das Gehörte und Erlebte hallt noch lange in den Kindern nach.
Selbstständiges Arbeiten
Im nächsten Schritt sucht sich jedes Expertissimo-Kind ein musikbezogenes Thema aus, das auf verschiedenste Art und Weise beleuchtet, erforscht oder gestaltet werden kann. Ein Gitarrenkind beschäftigt sich z. B. mit dem Instrumentenbau der Gitarre und baut im nächsten Schritt eine Gitarre aus Lego, inklusive Saiten und Wirbel. Ein anderes Kind entwirft ein DIN-A0-Plakat, das alles Wissenswerte und Spannende über die Klarinette präsentiert. Bilderrahmen mit einem Himmel voller Instrumente, selbstgebaute Trommeln, ein Kontrabass aus Sperrholzplatten, eine PowerPoint-Präsentation zur Querflöte und vieles mehr sind die Ideen der Kinder, die sie im Laufe der Monate verwirklichen.
Die Instrumentallehrkräfte unterstützen sie nach Bedarf mit Input und spezifischen Nachfragen oder greifen die Themen in der Instrumentalgruppe auf. Die JeKits-Koordinatorin übernimmt die Elternarbeit, sodass diese die Kinder z. B. bei der Recherche und Umsetzung ihrer Themen unterstützen. Nicht Perfektion ist der Anspruch, vielmehr selbstständiges und selbstwirksames Lernen und kreatives Umsetzen eines Themas. Die Expertissimo-Kinder teilen schließlich ihr Wissen mit den anderen Kindern der JeKits-Gruppe, sodass die gesamte Gruppe, also auch die Nicht-Expertissimo-Kinder partizipieren und profitieren.
Gemeinsames Musizieren
Die vierte Säule bilden die Proben mit dem Expertissimo-Projektorchester. Alle Expertissimo-Kinder werden an zwei Samstagvormittagen zu Orchesterproben in der Musikschule eingeladen. Die Orchesterleitung arrangiert im Vorfeld zwei Musikstücke für die jeweils spezifische instrumentale Zusammensetzung des Expertissimo-Projektorchesters. Dafür skizzieren die Instrumentallehrkräfte individuell den Lernstand der Kinder. Welche Töne können sie bereits spielen? Was fällt ihnen noch schwer? Welche Besonderheiten gilt es zu beachten?
Die meisten Kinder sind das Spielen im Orchester schon gewohnt, da sie im Rahmen von JeKits an JeKits-Orchestern teilnehmen. Dennoch ist die neue Konstellation eine Herausforderung und die Freude am gemeinsamen Musizieren steht in den beiden Proben im Vordergrund.
Feierlicher Abschluss
Zum Ende des Schulhalbjahrs findet die Abschlusspräsentation statt: der Expert:innen- und Expertissimo-Tag. Für die Kinder vom Grundschulverbund Schulstraße ist es der Tag, an dem sie ihre drei- bis vierminütigen PowerPoint-Präsentationen über das frei gewählte Thema vortragen. Für die Expertissimo-Kinder ist es der Tag, an dem das Projektorchester seinen öffentlichen Auftritt hat. Die zwei Stücke des Orchesters umrahmen die Veranstaltung.
Nach der öffentlichen Präsentation darf die Ausstellung, die im hinteren Teil des Saals stattfindet, besucht werden. Die Expert:innen-Kinder stellen Bastelarbeiten oder selbstgestaltete Bilder sowie eigens verzierte Projektbücher zu ihrem jeweiligen Thema aus. Die Expertissimo-Kinder präsentieren die kreative Umsetzung ihres musikbezogenen Themas. Mit dieser sehr wertschätzenden Abschlussveranstaltung, an der sowohl Eltern, die Schulleitung der Grundschule als auch die der Musikschule teilnimmt, endet das Expert:innen- und Expertissimo-Jahr.
Erfolgsbilanz und Ausblick
Für die beteiligten Kinder ist die Teilnahme an diesem JeKits-Talentförderprogramm sehr motivierend. Alle Expertissimo-Teilnehmenden sind im Folgeschuljahr im Instrumentalunterricht verblieben – zum Teil im JeKits-Programm, zum Teil im regulären Unterricht der Musikschule. Die Kinder waren auch nach Expertissimo in anderen Musikschulformaten sicht- und hörbar. Einige haben bei Vorspielen oder Konzerten der Musikschule mitgewirkt.
Die Instrumentallehrkräfte berichten, dass die Teilnahme an Expertissimo das Selbstbewusstsein der Kinder gestärkt habe. Den Stolz der Kinder über ihr kreatives Ausstellungsstück haben die Eltern als Gewinn an Selbstwirksamkeit geschildert. Die kritische Frage, ob es nicht problematisch sei, ein Kind aus einer größeren Gruppe auszuwählen und ihm somit einen Sonderstatus zukommen zu lassen, wird von den Lehrkräften unterschiedlich bewertet. In manchen Gruppen gebe es zuweilen Eifersüchteleien, in anderen Gruppen sei es bereichernd. Die Ambivalenz werden wir weiterhin beobachten und versuchen, die pädagogischen Herausforderungen wahr- und anzunehmen.
Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 1/2026.


