© Inken Kuntze-Osterwind

Krzyzynski, Udo

Fami­li­en­in­te­gra­ti­on

Elternarbeit aus der Perspektive eines Musikschulleiters

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 3/2018 , Seite 24

Auch wenn es um den einzelnen Schüler oder die Schülerin geht: Die Familie ist immer „mit im Spiel“. Udo Krzyzynski blickt auf eine 38-jährige Zeit als Leiter von zwei VdM-Musikschulen zurück. In diesem Beitrag fasst er seine Erfahrungen mit Elternarbeit an der Musikschule zusammen.

Wenn wir uns dem The­ma ange­mes­sen nähern wol­len, müs­sen wir klar­stel­len, dass der Begriff „Eltern“ in die­sem Zusam­men­hang zu kurz greift: Eltern ist ein Begriff für zwei Indi­vi­du­en, die sich im güns­tigs­ten Fall über die Metho­den ihrer Erzie­hung einig sind – oft aber auch nicht. Hier liegt ein Fall­strick, der uns spä­ter noch beschäf­ti­gen wird. Gar nicht so sel­ten gehört beim The­ma Musik­schul­un­ter­richt auch min­des­tens ein Groß­el­tern­teil mit zum Set­ting. Teil­wei­se ist auch die Rol­le von Geschwis­tern im betref­fen­den Mikro­kos­mos zu berück­sich­ti­gen. Somit rich­tet sich unser Blick zwangs­läu­fig auf die gesam­te Fami­li­en­si­tua­ti­on.
Wenn Geschwis­ter in der Fami­lie eben­falls musi­zie­ren, kann eine hin­der­li­che Kon­kur­renz­si­tua­ti­on ent­ste­hen, die nur unter­be­wusst Wir­kung ent­fal­tet und selbst auf Nach­fra­ge nicht wahr­ge­nom­men wird. Bei Geschwis­tern, die das­sel­be Instru­ment ler­nen, habe ich zumeist eine unbe­wuss­te Blo­cka­de des­je­ni­gen Kin­des erlebt, das das lang­sa­me­re Lern­tem­po an den Tag legt. Es kann in der unmit­tel­ba­ren Ver­gleichs­si­tua­ti­on auf Dau­er ein „Ver­lie­rer­ge­fühl“ bekom­men. Erst recht, wenn Eltern dies instru­men­ta­li­sie­ren, um ver­meintlich Moti­va­ti­ons­hil­fe zu geben: „Schau mal, wie schön dei­ne Schwes­ter das schon spielt – das schaffst du doch sicher auch!“ Hier kann die gut gemein­te Absicht eigent­lich nur Scha­den anrich­ten.
Ich habe Eltern immer gera­ten, Geschwis­ter­kin­der ein „kom­ple­men­tä­res“ Instru­ment ler­nen zu las­sen, weil dies den unmit­tel­ba­ren Kon­kur­renz­druck min­dert und zudem meist die Mög­lich­keit zum gemein­sa­men Musi­zie­ren erheb­lich erleich­tert. Aller­dings steht dem oft eine vor­der­grün­di­ge Öko­no­mie­sicht ent­ge­gen. Beson­ders bei Kla­vier­schü­le­rIn­nen war die­se Über­zeu­gungs­ar­beit nicht immer leicht, weil die Eltern die Kos­ten für ein wei­te­res Instru­ment scheu­ten: „Jetzt haben wir mal das teu­re Teil, da kön­nen wir nicht auch noch eine Quer­flö­te anschaf­fen.“

Bezie­hungs­si­tua­ti­on im Instru­men­tal­un­ter­richt

Vie­le Phä­no­me­ne unter­schei­den sich deut­lich, je nach­dem ob man aus der Sicht einer Früh­erzie­hungs­lehr­kraft argu­men­tiert oder aus der Sicht einer Instru­ment­al­lehr­kraft. Auch inner­halb des Instru­men­tal­un­ter­richts gibt es unter­schied­li­che Erfahrungs­cluster, je nach­dem ob es sich z. B. um Gei­gen­un­ter­richt oder Schlag­zeug­un­ter­richt han­delt, um acht­jäh­ri­ge oder 15-jäh­ri­ge Schü­le­rIn­nen. Kön­nen Bezie­hun­gen im Bereich der Musi­ka­li­schen Früh­erzie­hung von den Eltern oft noch auf dem Erfah­rungs­ho­ri­zont der Kita-Pra­xis gespie­gelt wer­den, müs­sen wir uns klar­ma­chen, dass beson­ders die Einzelunterrichts­situation im Instru­men­tal­un­ter­richt für Eltern in der Regel die ers­te Erfah­rung mit der teil­wei­sen Ver­ant­wor­tungs­de­le­ga­ti­on für ihr Kind an eine ein­zel­ne exter­ne Per­son dar­stellt, die man zudem meist noch nicht kennt. Welch ein Wag­nis! Je nach Dis­po­si­ti­on der Eltern führt dies oft zum Wunsch eines Eltern­teils, zumin­dest in den ers­ten Stun­den dabei zu sein. Der Wunsch ist ver­ständ­lich und soll­te auch respek­tiert wer­den. Es wäre jedoch klug, gleich dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Anwe­sen­heit eines Eltern­teils kein Dau­er­zu­stand sein kann und dass, wenn genü­gend Ver­trau­en zwi­schen allen Betei­lig­ten gewach­sen ist, der Unter­richt auch ohne elter­li­che Beglei­tung funk­tio­nie­ren muss.
Doch wie viel „Eltern“ soll sein? Damit sind wir bei einer zen­tra­len Fra­ge, die nicht pau­schal beant­wor­tet wer­den kann. Ist die Mit­wir­kung von Fami­li­en­mit­glie­dern sinn­voll? Wenn ja, wann und wie viel und vor allem auf wel­chen Fel­dern und in wel­cher Art? Ich habe ein­mal eine Umfra­ge unter Kol­le­gIn­nen zu beson­ders schwie­ri­gen Situa­tio­nen im lau­fen­den Unter­richts­be­trieb gemacht. Inter­es­san­ter­wei­se wur­den Kon­flik­te mit dem Eltern­haus signi­fi­kant häu­fi­ger genannt als Kon­flik­te mit dem Schü­ler oder der Schü­le­rin. Hier­bei spie­len Span­nun­gen wegen unter­schied­li­cher Erwar­tungs­hal­tun­gen der bei­den Sei­ten eine gro­ße Rol­le.
Die Lösung kann aber nicht lau­ten: „Am bes­ten hat man mit den Eltern gar nichts zu tun.“ Wenn über­haupt etwas Grund­sätz­li­ches gesagt wer­den kann, dann allen­falls, dass eine Mit­wir­kung der Eltern bei klei­nen Kin­dern wün­schens­wert, teil­wei­se not­wen­dig ist und dass sie sich mit zuneh­men­dem Alter des Schü­lers oder der Schü­le­rin rela­ti­viert. Was genau mit „Mit­wir­kung“ gemeint ist, soll spä­ter noch genau­er beleuch­tet wer­den.

Bedin­gun­gen an Musik­schu­len

Für die Lehr­kräf­te an einer Musik­schu­le gel­ten ande­re Rah­men­be­din­gun­gen als für Pri­vat­un­ter­richt. Da der Ver­trag zwi­schen Eltern und Musik­schu­le geschlos­sen wird, gibt es für die Lehr­kraft kei­ne for­ma­le „Kun­den-/ Dienst­leis­ter-Bezie­hung“ zu den Eltern. Man bewegt sich in den meis­ten Fäl­len nicht in Pri­vat­räu­men (weder denen der Fami­lie noch denen der Lehr­kraft) und es gibt eine Infra­struk­tur, die diver­se Alter­na­ti­ven und Ergän­zun­gen anbie­tet (z. B. bei Instrumentenwech­sel, Leh­rerwech­sel, Mit­wir­kung in Ensemb­les). Auf der ande­ren Sei­te exis­tie­ren für die Lehr­kraft über­ge­ord­ne­te Instan­zen (Fach­grup­pen­lei­tun­gen, Schul­lei­tung etc.), die auf die Erfül­lung bestimm­ter Bedin­gun­gen ach­ten müs­sen. Sofern an der Musik­schu­le ein kol­le­gia­ler Füh­rungs­stil gepflegt wird, sind dies Chan­cen, die den Bewe­gungs­spiel­raum für päd­ago­gisch ver­ant­wort­li­ches Han­deln wei­ter öff­nen. Da es kei­ne direk­te wirt­schaft­li­che Abhän­gig­keit zwi­schen Schü­ler­fa­mi­lie und Lehr­per­son gibt, kann sich eine Lehr­kraft rein auf die päd­ago­gi­schen Not­wen­dig­kei­ten kon­zen­trie­ren und das „Geschäft­li­che“ der Ins­titution über­las­sen. Frei­lich muss die Lehr­kraft bei zu erwar­ten­den Kon­flik­ten die Ver­ant­wort­li­chen der Insti­tu­ti­on – sei es die Ver­wal­tung oder Lei­tungs­ebe­ne – recht­zei­tig kom­mu­ni­ka­tiv ein­be­zie­hen.
Wie kann man sich hier als Lehr­kraft posi­tio­nie­ren? Beson­ders für Berufs­an­fän­ge­rIn­nen ist es nicht immer leicht, sich in die­sem Geflecht aus Bezie­hungs­an­sprü­chen zu ori­en­tie­ren: Schü­le­rIn­nen, Eltern, Fach­grup­pen­lei­tun­gen, Musik­schul­lei­tung und Musik­schul­ver­wal­tung wol­len berück­sich­tigt sein, ohne dass das eige­ne päd­ago­gi­sche Pro­fil preis­ge­ge­ben wird. Da braucht es schon eine gewis­se Vir­tuo­si­tät – nicht nur auf dem Instru­ment.
Da die „Chef­eta­ge“ in der Regel bei Kon­flikt­si­tua­tio­nen ins Spiel kommt, gibt es wohl kei­ne Kri­sen­si­tua­ti­on, die ich in mei­nen vie­len Jah­ren als Musik­schul­lei­ter nicht schon erlebt hät­te. Die grö­ße­ren Kri­sen waren geprägt zum einen von unzu­rei­chen­den Kom­pe­ten­zen der betrof­fe­nen Lehr­kräf­te im Kom­mu­ni­zie­ren und in der Bewäl­ti­gung von Kri­sen und zum ande­ren von unan­ge­mes­se­nem und teil­wei­se unehr­li­chem Ver­hal­ten der Eltern. Ich will zwei Extrem­fäl­le nur kurz er­wähnen, um mich dann kon­struk­ti­ven Emp­feh­lun­gen zuzu­wen­den: Bedingt durch die regu­lä­ren Kün­di­gungs­fris­ten eines Musik­schul­ver­trags und die damit ver­bun­de­ne Ent­gelt­pflicht waren Eltern manch­mal sehr ein­falls­reich im Erfin­den von mög­li­chen Grün­den, frü­her aus dem Ver­trag aus­stei­gen zu kön­nen. Die­se vor­ge­schütz­ten Grün­de waren – vor­sich­tig gesagt – nicht immer fair der Lehr­kraft gegen­über. In einem ande­ren Fall gab es aber auch eine Lehr­kraft, die sich ohne Bewusst­sein für das vor­han­de­ne insti­tu­tio­nel­le Netz­werk, das sie hät­te auf­fan­gen kön­nen, mas­si­ven Ein­mi­schun­gen von Eltern nicht mehr anders zu erweh­ren wuss­te, als den Unter­richt von sich aus per SMS gegen­über den Eltern zu „kün­di­gen“, was for­mal natür­lich nicht geht und auch als Kon­flikt­lö­sungs­weg in kei­ner Wei­se taugt.
Ich nen­ne die­se Bei­spie­le nur, um zu unter­mau­ern, wie wich­tig Eltern­ar­beit von Anfang an ist, um letzt­lich für die Unterrichtssitua­tion die best­mög­li­che Grund­la­ge zu schaf­fen und Eltern kon­struk­tiv in das Unter­richts­kon­zept ein­zu­bin­den – durch Infor­ma­ti­on und Trans­pa­renz. Oft kön­nen wir Lehr­per­so­nen uns gar nicht mehr in die Situa­ti­on des Lai­en ver­set­zen und unter­stel­len viel zu viel Hin­ter­grund­wis­sen. Tat­säch­lich müs­sen wir vie­les erklä­ren. Ich hal­te es des­halb für unver­zicht­bar, vor bzw. bei Auf­nah­me des Unter­richts eine mög­lichst weit­ge­hen­de Kon­gru­enz zwi­schen den Erwar­tun­gen her­zu­stel­len – im Fal­le von Kin­dern als Schü­le­rIn­nen mit deren Vor­stel­lun­gen und denen ihrer Eltern, im Fal­le von älte­ren Schü­le­rIn­nen min­des­tens mit deren Erwar­tun­gen. Wenn der alte Gemein­platz „den Schü­ler da abho­len wo er steht“ Bestand haben soll, kann es nicht funk­tio­nie­ren, wenn eine Lehr­kraft nur sen­det („nur ich weiß, was gut für dich ist“), son­dern (der Begriff „Kon­gru­enz“ ist mit Bedacht gewählt) bei­de Sei­ten müs­sen auf Emp­fang schal­ten und sich in die­ser bedeut­sa­men Pha­se der Unter­richts­auf­nah­me auf­ein­an­der­zu­be­we­gen und ein Kon­zept erstel­len, das dann auch für eine bestimm­te Zeit sei­ne Ver­bind­lich­keit behält.

Eltern ist ein Begriff für zwei Indi­vi­du­en, die sich im güns­tigs­ten Fall über die Metho­den ihrer ­Erzie­hung einig sind – oft ­aber auch nicht.

Bei jugend­li­chen Schü­le­rIn­nen kann das ein hoch­span­nen­der Pro­zess für die Lehr­kraft sein, im Fal­le von jün­ge­ren Kin­dern müs­sen die Eltern mit ins Boot geholt wer­den. Es wäre erstaun­lich, wenn der Abgleich der Erwar­tungs­hal­tun­gen nicht Dif­fe­ren­zen zuta­ge för­dern wür­de, die Ver­stän­di­gung brau­chen. Lässt man die­sen Schritt aus, ist der Kon­flikt frü­her oder spä­ter schon vor­ge­zeich­net. In einem sol­chen Auf­takt­ge­spräch hat die Lehr­kraft noch die Chan­ce, abwei­chen­de Sich­ten emo­ti­ons­frei zu erklä­ren und zu begrün­den und auf einer sach­lich kom­pe­ten­ten Ebe­ne Authen­ti­zi­tät zu ver­mit­teln. Tre­ten sol­che Abwei­chun­gen erst spä­ter auf (ent­we­der „Der lernt ja bei Ihnen nix“ oder „Hal­lo, mein Sohn soll doch kein Mozart wer­den“), kommt die Lehr­kraft zwangs­läu­fig in eine Defen­siv­si­tua­ti­on mit all ihren Stres­ser­schei­nun­gen.
Doch selbst wenn die­ser Aus­hand­lungs­pro­zess erfolg­reich ver­läuft, ist man nicht un­bedingt auf der siche­ren Sei­te. Hier gibt es „Fall­stri­cke“. Mei­ne Erfah­rung aus der Pra­xis zeigt, dass zumeist nur ein Eltern­teil zum Unter­richts­be­ginn kommt (meist die Müt­ter – Väter erfreu­li­cher­wei­se aber in zuneh­men­dem Maße). Des­halb ist mei­nes Erach­tens in einem sol­chen Akqui­se­ge­spräch durch­aus die Fra­ge erlaubt, ob man von glei­chen Erwar­tungs- und Grund­hal­tun­gen bei­der Part­ner aus­ge­hen kann. Ich habe erlebt, dass es erheb­li­che Abwei­chun­gen in den Interessens­lagen der Eltern gibt (Vater wür­de Sohn lie­ber zum Fuß­bal­ler „machen“, Mut­ter möch­te ihn lie­ber als fein­füh­li­gen Gei­ger sehen), die nicht trans­pa­rent gemacht wer­den. Eine wohl erwo­ge­ne „Ziel­ver­ein­ba­rung“ kann hier Wun­der wir­ken.
Selbst wenn sol­che Din­ge nicht in aller Klar­heit auf den Tisch kom­men soll­ten: Ein ernst­haf­tes Auf­takt­ge­spräch ver­mit­telt der auf­merk­sa­men Lehr­kraft ein Gefühl für die mög­li­chen Strö­mun­gen, die sub­til in der Fami­lie wir­ken. Natür­lich kön­nen und wol­len wir nicht fami­li­en­the­ra­peu­tisch ein­grei­fen, aber zum Ver­ständ­nis der Ver­hal­tens­mus­ter des Kin­des trägt es sicher­lich bei, sol­chen fami­liä­ren Dis­po­si­tio­nen nach­zu­spü­ren. Inhalt­lich macht es auch Sinn, über die häus­li­chen Übebe­din­gun­gen zu spre­chen. Zwar erwar­ten wir von den Fami­li­en­mit­glie­dern auch bei klei­ne­ren Kin­dern nicht, dass sie mit meist unzu­rei­chen­der Fach­kom­pe­tenz zuhau­se den Unter­richt fort­set­zen. Aber wir dür­fen erwar­ten, dass Rah­men­be­din­gun­gen her­ge­stellt wer­den, die unnö­ti­ge Hür­den ver­hin­dern. Ein Kla­vier ist kein Sta­tus­sym­bol, das unbe­dingt im Wohn­zim­mer ste­hen muss. Und selbst wenn es dort steht – und nicht nur dann –, muss die Orga­ni­sa­ti­on des fami­liä­ren Lebens dar­auf abge­stellt wer­den, dass Zeit­fens­ter zum Üben mög­lich sind (und zwar ohne dass der Bru­der gleich dane­ben Com­pu­ter­spie­le spielt oder ande­re Stö­run­gen oder Ablen­kun­gen die Regel sind). Sol­che Klä­run­gen gehö­ren vor den Beginn eines Unter­richts, wenn spä­te­re Kol­li­sio­nen ver­mie­den wer­den sol­len.

Und wenn nicht…?

Aber was ist, wenn sich gar kein Eltern­teil bli­cken lässt oder die Oma kommt? Im letz­te­ren Fall gilt das Glei­che: Eine höf­li­che Erkun­di­gung, wel­che Vor­stel­lun­gen wir auch sei­tens der Eltern zu erwar­ten haben, ist erlaubt. Und wenn das Kind unbe­glei­tet kommt oder erkenn­bar wird, dass die gegen­sei­ti­gen Erwar­tun­gen nicht zur Deckung zu brin­gen sind? Es soll­te immer die Mög­lich­keit gese­hen wer­den, auf die Chan­cen einer Ent­wick­lung zu set­zen, die eine Annä­he­rung der Hal­tun­gen erge­ben kann. Bei Eltern, die ihre Kin­der ein Instru­ment erler­nen las­sen wol­len, ohne selbst Erfah­rung auf die­sem Sek­tor zu haben, kann man auch auf einen gewis­sen Lern­ef­fekt set­zen. Und wie das Kind sich im Instru­men­tal­un­ter­richt ver­hal­ten und ent­wi­ckeln wird, weiß man ohne­hin erst spä­ter.
Sinn­voll ist es aber immer, eine Ver­ab­re­dung über einen Fol­ge­ter­min zu tref­fen, zu dem man sich erneut aus­tauscht und bei­der­seits Kor­rek­tu­ren vor­neh­men kann. Wenn Eltern sich kom­plett ent­zie­hen, muss man zu Tricks grei­fen. Ein Schü­ler­vor­spiel schafft manch­mal die Mög­lich­keit zur Begeg­nung, die man nut­zen kann. Auf jeden Fall las­sen sich zwi­schen die ein­zel­nen Bei­trä­ge im Vor­spiel all­ge­mei­ne Bot­schaf­ten zur eige­nen Sicht­wei­se auf Unter­richt und Lern­pro­zes­se packen, die dann auch der hart­nä­ckigs­te Igno­rant hört. Manch­mal ist die Situa­ti­on auch nach dem Vor­spiel so locker, dass man wie gewünscht kom­mu­ni­zie­ren kann.
Hier sei ein Rat­schlag eines alt­ge­dien­ten Musik­schul­lei­ters erlaubt: Gesprä­che, die mit einer Emp­feh­lung zum Leh­rerwech­sel, zum Inst­rumentenwechsel oder gar mit einer Abmel­dung enden könn­ten, soll­te man mög­lichst so ter­mi­nie­ren, dass Kün­di­gungs­fris­ten der Insti­tu­ti­on nicht als zusätz­li­ches Hin­der­nis im Wege ste­hen. Es führt immer zu zusätz­li­chen Ärger­nis­sen, wenn die Ver­trags­fris­ten – und damit die Ent­gelt­pflicht – die Ver­än­de­rungs­be­reit­schaft der Eltern (wegen ihrer Rol­le als „Zah­lungs­pflich­ti­ge“) aus­brem­sen.

Gren­zen zie­hen

Es gibt Eltern, die ihre Kin­der auf Wett­be­werb trim­men und den Leh­rer oder die Leh­re­rin „zum Jagen tra­gen wol­len“. Man kann die­ses Ver­hal­ten nicht los­ge­löst betrach­ten: Men­schen, die im Ver­hal­ten zur Lehr­kraft Gren­zen über­tre­ten, tun dies eben­so an ande­rer Stel­le; als Leh­re­rIn kön­nen wir sie nicht umer­zie­hen. Aber wir kön­nen unse­re eige­nen Gren­zen zie­hen. Auch hier ist sehr sorg­fäl­tig auf einen pro­fes­sio­nel­len Umgang zu ach­ten. Grund­sätz­lich gilt: Die fach­li­che Ver­ant­wor­tung liegt ein­zig bei der Lehr­kraft. Unmit­tel­ba­re Ein­wir­kung in das Unter­richts­kon­zept ist unzu­läs­sig und zu unter­bin­den (im Zwei­fel mit Unter­stüt­zung der Bereichs- oder Musik­schul­lei­tung).
Ande­rer­seits sol­len Leis­tungs­be­reit­schaft und Ehr­geiz nicht ver­teu­felt wer­den. Man wür­de dem Schü­ler oder der Schü­le­rin im Fal­le von tat­säch­lich vor­lie­gen­der Hoch­be­ga­bung nicht gerecht, wenn man wegen unterschied­licher Auf­fas­sun­gen zu Grund­satz­fra­gen der Erzie­hung und als Reak­ti­on auf das Ver­hal­ten des Erzie­hungs­be­rech­tig­ten den Unter­richt gänz­lich in Fra­ge stel­len wür­de. Das wäre eine Bestra­fung des Schü­lers oder der Schü­le­rin für das Ver­hal­ten der Eltern – kei­ne gelun­ge­ne Lösung. Ich gebe aber zu: Die Gren­zen sind hier flie­ßend und im Extrem­fall für man­che Lehr­kraft eine Gewis­sens­ent­schei­dung. Ein ange­mes­se­nes und Lösun­gen ermög­li­chen­des Ver­hal­ten liegt mei­nes Erach­tens auch hier nur im offe­nen Dia­log zwi­schen den Betei­lig­ten und in ver­bind­li­chen Ver­ab­re­dun­gen über Wege, die geeig­net sind, den Schü­ler oder die Schü­le­rin best­mög­lich zu för­dern.
Haben wir bis­her fast nur vom akti­ven Ein­be­zug der Eltern gespro­chen, kom­men wir nun zu einer Pha­se, die – nicht min­der hei­kel – erfor­dert, dass wir Eltern über­zeu­gen kön­nen, sich raus­zu­hal­ten. Ablö­sung von den Eltern heißt auch Los­las­sen-Kön­nen der Eltern. Das ist – gera­de im Fal­le von sor­gen­den Eltern – eine schwe­re Her­aus­for­de­rung der Puber­täts­jah­re. Mei­ne Erfah­rung lehrt: Wenn es Leh­re­rIn­nen nicht gelingt, hier als Ver­mitt­ler oder „Puf­fer“ zu fun­gie­ren, haben sie ver­lo­ren (und letzt­lich damit auch der Schü­ler oder die Schü­le­rin). Die Grund­strö­mung der Ent­wick­lung prä­dis­po­niert Kin­der in die­ser Pha­se dafür, ihre Eltern in Fra­ge zu stel­len und sich deren Wunsch und Wil­len auf jeden Fall erst­mal zu wider­set­zen. Dadurch besteht ein beträcht­li­ches Eska­la­ti­ons­ri­si­ko. Die Abwehr gegen Musik­un­ter­richt wird umso stär­ker, je mas­si­ver die Eltern dar­auf bestehen.
Die Lösung kann nur dar­in lie­gen, dass wir „gemein­sa­me Sache“ mit unse­ren Schü­le­rIn­nen machen und ihnen die Ein­sicht schen­ken, dass sie zum Musik­un­ter­richt kom­men, weil sie es wol­len und nicht, weil die Eltern das wol­len. Das Kunst­stück besteht dar­in, sich mit ihnen zu soli­da­ri­sie­ren, ohne Front gegen die Eltern zu machen. Je kla­rer die­se die Beweg­grün­de der Lehr­per­son ver­ste­hen, des­to leich­ter ist ihre Ein­sicht zu erlan­gen. Schließ­lich arbei­ten dann alle am glei­chen Ziel.
Mit­un­ter konn­te ich Schü­le­rIn­nen erfolg­reich ver­mit­teln, dass sie sich gera­de damit unfrei machen, sprich: sich vom Eltern­wil­len domi­nie­ren las­sen, wenn sie sich der­ma­ßen in eine Anti­re­ak­ti­on trei­ben las­sen. Sie soll­ten ent­schie­den Musik machen, „obwohl die Eltern das so wol­len“. Hilf­reich ist hier­bei natür­lich, wenn unter ande­rem Reper­toire­wahl und „Che­mie“ einen Kon­sens zwi­schen Schü­le­rIn und Lehr­kraft ermög­li­chen, der nicht unbe­dingt geschmack­lich auf der Erwartungs­linie der Eltern liegt. Wenn man ihnen erklärt, dass dies not­wen­dig sei, um den Jugend­lichen bei der Stan­ge zu hal­ten, gibt es in der Regel kei­ne Inter­ven­ti­on, denn genau das ent­spricht ja ihrem Wunsch und Wil­len.

Nach­be­trach­tung

Ich möch­te die Bedeu­tung der elter­li­chen Hal­tung für eine nach­hal­ti­ge Moti­va­ti­on des Kin­des beto­nen. Ins­be­son­de­re klei­ne­re Kin­der brau­chen Inter­es­se und Aner­ken­nung für das, was sie tun. Eltern, die ihr Kind zum Klas­sen­vor­spiel brin­gen, um dann in der Zeit zum Ein­kau­fen zu fah­ren, haben kein Recht, sich über Moti­va­ti­ons­pro­ble­me ihres Kin­des zu beschwe­ren.
Jen­seits aller Prä­ven­ti­ons- oder Interventions­strategien für den Kri­sen­fall soll­te man die auf­bau­en­de kon­struk­ti­ve Eltern­ar­beit im Blick behal­ten. Je bes­ser die gesam­te Fami­lie in den Orga­nis­mus Musik­schu­le inte­griert ist, je stär­ker die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Musik­schu­le ist, des­to eher ent­wi­ckelt sich eine posi­ti­ve Eigen­dy­na­mik, die dem Unter­richt zuträg­lich ist. Mög­li­che Anknüp­fungs­punk­te sind z. B. För­der­ver­ei­ne oder die akti­ve Betei­li­gung an Som­mer­fes­ten und Pro­ben­wo­chen­en­den. Das Bes­te ist, wenn es die Mög­lich­keit zum gemein­sa­men Musi­zie­ren gibt, sei es im Eltern­chor, Erwach­se­nen­or­ches­ter oder gar mit den Kin­dern zusam­men. Nicht nur, dass Eltern, die sich dar­auf ein­las­sen, ganz per­sön­li­che Erfah­rung mit der Über­win­dung von tech­ni­schen und/oder musi­ka­li­schen Schwie­rig­kei­ten machen und so die Leis­tung ihrer Kin­der noch authen­ti­scher ein­schät­zen und aner­ken­nen kön­nen. Auch für die Kin­der gibt es einen enor­men Bestä­ti­gungs­im­puls, wenn sie mit Erwach­se­nen gemein­sam musi­zie­ren kön­nen. Wenn die Musik­schu­le sol­che Mög­lich­kei­ten nicht bie­tet, kann man immer noch Anre­gun­gen für die gute alte „Haus­mu­sik“ geben und sowohl Lite­ra­tur­vor­schlä­ge machen als auch Kam­mer­mu­sik­pro­ben in sein Unter­richts­ge­sche­hen leben­dig mit ein­be­zie­hen.
Und wo bleibt bei all der Eltern­ar­beit der Schü­ler oder die Schü­le­rin? Ich bestehe dar­auf, dass er oder sie bei all mei­nen Betrach­tun­gen Zen­trum, Dreh- und Angel­punkt war, ist und bleibt. Alle mei­ne Über­le­gun­gen zie­len im Ergeb­nis dar­auf ab, Schü­le­rIn­nen mög­lichst rei­bungs­frei an die Musik her­an­zu­füh­ren und sie auch über län­ge­re Zeit dafür zu begeis­tern. So beson­ders auch die bila­te­ra­le Situa­ti­on im (Einzel-)Unterricht sein mag, müs­sen wir immer beden­ken, dass nicht nur eine Bezie­hung zum Kind, son­dern zu sei­ner gan­zen Fami­lie ent­steht – ob wir es wol­len oder nicht.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 3/2018.