Krönig, Franz Kasper

Fami­ly Sounds of Buch­heim

Ästhetisches Erleben in einem familienpädagogischen Musikprojekt

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 5/2016 , Seite 32

Man steht vor einer Tür, hinter der ein beliebiges Angebot von "Musikalisierung" oder "Musikalischer Grundbildung" stattfindet – vormittags in der Grundschule, am Nachmittag im Ganztag (Band-AG), an der Kita oder in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Was hört man? Wer in diesem Feld über Erfahrung verfügt, wird vieles antworten: Gerede, Krach, Übungen und – ja – vielleicht auch Musik.

Wenn wir von Musik als Kunst­form und ästhe­ti­schem Medi­um spre­chen, auf das man sich in ästhe­ti­scher Hal­tung ein­las­sen muss, um es über­haupt erst ent­ste­hen las­sen zu kön­nen, dann bekom­me ich es nicht mit Musik zu tun, wenn ich nur dar­auf ach­te, ob hier dies oder das „rich­tig“ gemacht wird oder wel­che Auf­schlüs­se das, was ich da höre und sehe, auf instru­men­tal­päd­ago­gi­sche Ent­wick­lung gibt. Das Stau­nen über tech­ni­sche Vir­tuo­si­tät, das Inter­es­se an kunst- oder musik­his­to­ri­schen Zusam­men­hän­gen, die Ein­füh­lung in die Psy­cho­lo­gie Werk­schaf­fen­der oder die reli­giö­se Erbau­ung im Ange­sicht eines dann als erha­ben ver­stan­de­nen Werks: In allen Fäl­len han­delt es sich um Ein­stel­lun­gen zum Erleb­nis­ge­gen­stand, die die­sen nicht (voll) als Kunst­werk bzw. als Musik­stück ent­ste­hen lassen.1
Eine unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für das gemein­sa­me Musik­ma­chen mit Kin­dern ist, dass man selbst in die Situa­ti­on gerät, die Musik, die ent­steht, ästhe­tisch auf­fas­sen zu kön­nen. Das heißt dann, dass man die Musik geschmack­lich beur­teilt, sie dar­auf­hin betrach­tet, ob sie einem gefällt, ob man beim Hören ver­wei­len möch­te und dabei in einer Hal­tung ver­bleibt, die sich von den tech­nisch, päd­ago­gisch oder wis­sen­schaft­lich beur­tei­len­den oder ana­ly­ti­schen Hal­tun­gen unterscheidet.2 Die Indi­zi­en einer ästhe­ti­schen Hal­tung sind in die­sem Zusam­men­hang,
– dass man das Stück mehr­fach hören möch­te. Man bezieht nicht eine Infor­ma­ti­on, um bei deren wie­der­hol­ter Mit­tei­lung gelang­weilt zu wer­den. Ande­rer­seits ist auch eine gewis­se Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung im Spiel. Böte sich gar kei­ne Struk­tur, die vor dem Hin­ter­grund eige­ner Vor­er­fah­rung als sol­che erkenn­bar wäre (wenigs­tens rein for­mal), wür­de man die Auf­merk­sam­keit für den Gegen­stand nicht auf­recht­erhal­ten wol­len und können.3
– dass sich ein Erleb­nis­mo­dus ein­stellt, der sich nicht auf ande­re redu­zie­ren oder sich aus die­sen ablei­ten lässt (nicht eine Art von Spiel, nicht eine Art von Wahr­neh­mung, nicht eine Art von Medi­ta­ti­on, nicht eine Art von Explo­ra­ti­on im wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne),
– dass man sich sowohl auf die sinn­li­che Wahr­neh­mung ein­lässt als auch eine kom­mu­ni­ka­ti­ve Absicht unter­stellt und dabei Sinn zuschreibt,
– dass sich die­ser Sinn nicht über­set­zen lässt, bei­spiels­wei­se sprach­lich rest­los angeb­bar wäre, was die­se Musik bedeu­tet,
– dass sich das Erle­ben schon gar nicht auf einen „Begriff brin­gen“ lässt,
– dass man bei der Beur­tei­lung des Gehör­ten nicht den Anspruch erhebt, alle müss­ten glei­cher­ma­ßen erle­ben und emp­fin­den.
In jedem Fall gewinnt ästhe­ti­sches Erle­ben den Ein­druck einer Nicht-Belie­big­keit des Erleb­ten. Hier wird mir nicht nur etwas Bedeut­sa­mes mit­ge­teilt, son­dern auch auf ganz beson­de­re Wei­se, das heißt in einer spe­zi­fi­schen Form­ge­bung.
Den genann­ten Merk­ma­len kommt eine ent­schei­den­de Rol­le zu. Es ist nicht sinn­voll und wohl auch kaum mög­lich, jeder belie­bi­gen Geräu­schum­welt gegen­über eine ästhe­ti­sche Ein­stel­lung ein­zu­neh­men und auf­recht­zu­er­hal­ten. Eine dies­be­züg­li­che Belie­big­keit auch in der Reak­ti­on auf musi­ka­li­sches Tun von Kin­dern wäre musik­päd­ago­gisch kon­tra­pro­duk­tiv. Aner­ken­nen­de Auf­merk­sam­keit für lust- und sinn­lo­ses Plas­tik­be­cher­k­nis­tern oder Papier­ra­scheln muss für Kin­der genau­so ver­stö­rend und irre­füh­rend sein wie die Nicht-Wahr­neh­mung der ganz beson­de­ren Momen­te, in denen Kin­dern etwas musi­ka­lisch Bedeu­tungs­vol­les gelingt.
Natür­lich kann ästhe­ti­sches Erle­ben nicht „her­ge­stellt“ wer­den. Gleich­wohl kann man in einer gege­be­nen Situa­ti­on (und nur auf die­se kon­kre­te Situa­ti­on bezo­gen!) musika­lische und metho­di­sche Ent­schei­dun­gen dar­auf­hin unter­su­chen, ob sie eine ech­te ästhe­ti­sche Inter­ak­ti­on mit Kin­dern wahrschein­licher oder unwahr­schein­li­cher machen.

1 vgl. Ulrich Wien­bruch: „Die Eigen­art des Asthe­ti­schen Erle­bens. Über­le­gun­gen zum Pro­blem der Gel­tung ästhe­ti­scher Urtei­le“, in: Zeit­schrift für Ästhe­tik und All­ge­mei­ne Kunst­wis­sen­schaft, 30(1), 1985, S. 23–35.
2 Selbst­ver­ständ­lich ist es in einer ästhe­ti­schen Hal­tung mög­lich und sogar sehr wahr­schein­lich, zu einem nega­ti­ven ästhe­ti­schen Urteil zu gelan­gen. Man fühlt sich von einer ent­larv­ten Masche, einem Strick­mus­ter abge­sto­ßen, durch päd­ago­gi­sche oder poli­ti­sche Absich­ten mani­pu­liert, durch zu gerin­ge Kom­ple­xi­tät, Tie­fe oder Ambi­va­lenz gelang­weilt oder durch man­geln­de Stim­mig­keit betro­gen.
3 zum Pro­blem, das dadurch für die soge­nann­te Avant­gar­de ent­ste­hen kann, vgl. Niklas Luh­mann: „Das Me­dium der Kunst“, in: Oli­ver Jahr­aus (Hg.): Niklas Luh­mann. Auf­sät­ze und Reden, Stutt­gart 2001, S. 198–217.

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