© Susanne Ostermann

Ostermann, Susanne

Freude am Unvermuteten

Erkunden und Improvisieren anhand instrumentaltechnischer Aufgaben

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 1/2026 , Seite 32

Improvisieren – im Jazz eine Selbst­verständlichkeit – ruft bei Musizieren­den, die mehr mit Klassischer Musik zu tun haben, Unsicherheit hervor. Als „Lese­menschen“, gewohnt zu interpretieren und den Gedanken anderer nach­zuspüren, trauen wir unseren eigenen Ideen nicht, befinden sie vielleicht sogar als nicht wert, Musik zu sein. Aber warum eigentlich?

Das Wort „improvisieren“ leitet sich ab vom lateinischen improviso = unvorhergesehen, unvermutet. Und genau hier, im Unvermuteten, kann ein belebendes Element für  den Instrumentalunterricht liegen. Es soll in diesem Beitrag nicht um Improvisation als eigene Kunstform im performativen Rahmen gehen, aber vielleicht – ganz nebenbei – um erste Schritte dorthin.
Im Laufe der Zeit habe ich eher intuitiv die Möglichkeit entdeckt, improvisierend Unterrichtsinhalte wie die Entwicklung technischer Fertigkeiten, das Erwerben theoretischer Kenntnisse und das Erleben musikalischer Gestaltung zu vermitteln. Anhand von Stundenbeschreibungen mit SchülerInnen verschiedener Altersgruppen möchte ich hier Ideen teilen, die ich als sehr fruchtbar erlebe.

Erkundung des Instruments

– Material: ein Würfel, verschiedene Kärtchen mit Reimen
– Unterrichtsziel: Kräftigung der Finger der linken Hand, Funktion des linken Arms
– Dauer: 30 Minuten
Carla1 braucht noch ein bisschen Hilfe; wir packen gemeinsam das Instrument aus. Da sie noch etwas schüchtern ist, entlocke ich ihr mit „Guten Tag, Herr Bogen“ und „Hallo, kleines Cello, gut geschlafen?“ schon mal ein vorsichtiges Lächeln. In anderen Unterrichtseinheiten lobe ich vielleicht das Griffbrett, weil es so glatt, oder den Steg, weil er so schön gerade ist. Im Laufe der Zeit benenne ich so die wesentlichen Teile von Cello und Bogen und gebe Carla Zeit, anzukommen und ein wenig aufzutauen.

Bei Kindern, die unkonzentriert sind, hilft die ­Auslagerung der Autorität auf einen Würfel.

Nachdem die richtige Länge des Stachels gefunden ist und der Stuhl die richtige Höhe hat, kann es losgehen. Nach der Colour­strings-Methode2 benutzen wir noch keinen Bogen, es geht zunächst ausschließlich um die linke Hand. Anregungen zum Handeln sind Fragen wie „Kann unser kleiner Finger überall die Saiten zupfen?“. Damit wird die Funktion des linken Arms für den Lagenwechsel angelegt und wir zupfen beide munter drauflos.
Während der nächsten Minuten imitieren wir uns gegenseitig, fühlen, welche Saiten dicker sind und welche dünner, und erfahren die Spannung der Saiten an unterschiedlichen Kontaktstellen. Zwischenbemerkungen meinerseits – „Schön, wie unser Daumen am Cellohals entlang gleitet“ – verstärken positiv, während z. B. „Kann dein Daumen sich vor mir verstecken?“ sich anbahnende Fehlstellung der Hand korrigiert. Wir erfinden abwechselnd Spielregeln wie „Nur dieser Finger darf jene Saite zupfen“;  damit wird auch die Idee des Fingersatzes angelegt. Die Möglichkeiten sind vielfältig, der Fundus an Ideen wächst im Laufe der Zeit.
Vor Ende der Unterrichtseinheit lasse ich den Rhythmus der ersten Zeile von z. B. Alle meine Entchen einfließen und kann so zur Hausaufgabe überleiten. Diese besteht darin, den Rhythmus beliebig vieler Reime bzw. Lieder auf den Kärtchen mit möglichst vielen verschiedenen Spielregeln zu spielen. Vielleicht ist noch ein bisschen Zeit, vermittels der Liedzeile auf die Rhythmus­sprache nach Kodály einzugehen. Eventuell kann das unter Einbeziehung einer Bezugsperson geschehen. So fällt es dieser leichter, sich zu Hause einzubringen.
Bei Kindern, die ihre Identifikation mit dem Spielen eines Instruments noch nicht gefunden haben und entsprechend unkonzentriert sind, hilft die Auslagerung der Autorität auf einen Würfel. Würfeln ist immer gut und egal, welche Zahl der Würfel zeigt: Sie ist Gesetz und gibt an, wie oft wir etwas machen. Wir (und das meint: möglichst das Kind) dürfen uns lediglich aussuchen, was wir machen.3

1 Die Namen der SchülerInnen wurden geändert.
2 Szilvay, Géza und Csaba: Colourstrings, Fennica Gehrman, Helsinki 2017.
3 Für diese Idee bin ich Linda Langeheine sehr dankbar. Langeheine, Linda: Üben? – Und wie!? … Die Übefibel mit Tipps und Tricks für ein besseres Üben, Zimmermann, Frankfurt am Main 2002.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 1/2026.

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