Edler, Arnfried

Geschich­te der Kla­vier- und Orgel­mu­sik

3 Bände

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber, Laaber 2007
erschienen in: üben & musizieren 2/2008 , Seite 56

Das Opus magnum eines der bes­ten Ken­ner der Geschich­te der Tas­ten­in­stru­men­te! Arn­fried Edler hat sein 1997 erschie­ne­nes Stan­dard­werk Gat­tun­gen der Musik für Tas­ten­in­stru­men­te erwei­tert und bie­tet eine wirk­lich umfas­sen­de Schau des solis­ti­schen Spiels in der Ent­wick­lung der abend­län­di­schen Musik. Nicht berück­sich­tigt wer­den Ensem­ble­be­set­zun­gen von der Kla­vier­kam­mer­mu­sik bis zum Kla­vier­kon­zert oder sin­fo­ni­schen Reper­toire.
Die Ein­tei­lung der drei Bän­de ver­rät die Gewich­tung: Band 1 (613 Sei­ten) erstreckt sich von den Anfän­gen bis 1750, Band 2 von 1750 bis 1830 (435 Sei­ten), Band 3 von 1830 bis zur Gegen­wart (490 Sei­ten) mit einem statt­li­chen Anhang (87 Sei­ten) voll Quel­len, Sekun­där­li­te­ra­tur und Regis­tern. 150 Abbil­dun­gen und 450 Noten­bei­spie­le lockern nicht nur das gra­fi­sche Bild auf, son­dern wer­den auch mit kur­zen Tex­ten kom­men­tiert.
Der Begriff der Gat­tung wird knapp dis­ku­tiert, Edler bezieht sich letzt­lich auf ein durch den rus­si­schen For­ma­lis­mus der Sieb­zi­ger Jah­re gepräg­tes dyna­mi­sches Ver­ständ­nis. Viel wert­vol­ler sind die meist im kon­kre­ten Kon­text auf ihre begriff­li­che Pro­ble­ma­tik hin unter­such­ten Gat­tun­gen und Bezugs­sys­te­me, beson­ders im drit­ten Band: Das 19. und 20. Jahr­hun­dert stellt Edler unter das ein­lei­ten­den Gesamt­mot­to des Zer­falls der Gat­tungs­struk­tur im kul­tu­rel­len Zusam­men­hang, z. B.: „Sona­ten oder Phan­ta­si­en – was liegt am Namen?“ Das weit gefass­te Ver­ständ­nis des Autors sub­su­miert auch sonst nur am Ran­de berück­sich­tig­te Gat­tun­gen wie die Inta­vo­lie­rung des 14. und 15. Jahr­hun­derts. Den Bereich der Impro­vi­sa­ti­on erfasst Edler haupt­säch­lich auf­grund notier­ter Fan­ta­si­en (sehr infor­ma­tiv ist das Kapi­tel über Carl Phil­ipp Ema­nu­el Bach und sein Umfeld), weni­ger über schrift­li­che Anlei­tun­gen zur Impro­vi­sa­ti­on. The­men der Instru­men­ten­kun­de wer­den kurz, aber auf­schluss­reich ein­be­zo­gen, z. B. die Fra­ge der Beset­zung mit Cem­ba­lo, Cla­vichord oder Ham­mer­kla­vier in einer sti­lis­tisch sich wan­deln­den Pha­se Mit­te des 18. Jahr­hun­derts.
Zwar geht Edler von Gat­tun­gen aus, erfasst aber auch detail­liert und fun­diert den jewei­li­gen funk­tio­nel­len Zusam­men­hang und ord­net dabei Kla­vier­li­te­ra­tur in ihren sozi­al- und geis­tes­ge­schicht­li­chen Zusam­men­hang ein. Sprach­lich ele­gant und klar for­mu­liert ori­en­tiert er sich außer­dem nicht nur am pia­nis­ti­schen Main­stream, son­dern berei­tet dem Leser gera­de­zu eine Fund­gru­be für die rei­che kom­po­si­to­ri­sche Umge­bung, in der aner­kann­te Meis­ter­wer­ke des heu­te übli­chen Kanons geschaf­fen wur­den. Man fin­det the­ma­tisch vie­le schein­ba­re Exkur­se und gleich­zei­tig anre­gen­de Dis­kur­se zu aus­ge­fal­le­nen The­men wie z. B. „Glo­cken­stü­cke“ des Früh­ba­rock, „Das musi­ka­li­sche Rei­se­bild“ der Roman­tik, „Kla­vier­tän­ze zwi­schen sakra­ler Welt und Folk­lo­re“ im 20. Jahr­hun­dert. Ein Nach­schla­ge­werk, mehr noch: ein span­nend-ver­gnüg­li­ches Lese­buch.
Wolf­gang Brun­ner