Busch, Barbara

Größte Social-Media-Kampagne des Deutschen Musikrats

Gespräch mit Finn Löw über die Kampagne „Zukunft braucht Musik, Zukunft braucht Dich!“

Rubrik: Gespräch
erschienen in: üben & musizieren 1/2026 , Seite 56

An Musikschulen und allgemeinbildenden Schulen mangelt es zunehmend an qualifizierten Musiklehrkräften. Doch wie können junge musikbegeisterte Menschen für ein Studium oder eine Karriere in diesem Bereich gewonnen ­werden? Auf diese Frage reagiert der Deutsche Musikrat mit seiner im Dezember 2024 begonnenen Kampagne „Zukunft braucht Musik, Zukunft braucht Dich!“, die über Social Media und eine begleitende Website verbreitet wird.1

Lieber Herr Löw, was verbirgt sich hinter der Initiative „Zukunft braucht Musik, Zukunft braucht Dich!“ und an wen richtet sie sich? Welche Ziele verfolgt der Deutsche Musikrat damit kurz- und langfristig?
Ausgangspunkt der Initiative waren die Ergebnisse der bundesweiten MULEM-EX-Studie,2 die die Gründe für den Rückgang an Bewerbungen für das Lehramtsstudium Musik untersucht hat. Dabei zeigte sich: Viele junge Menschen haben ein veraltetes Bild – sowohl von den Anforderungen in den Eignungsprüfungen als auch vom Berufsfeld der Musikpädagogik. Im engen Austausch mit mehreren musikpädagogischen Verbänden und den Landesmusikräten entstand da­raufhin die Idee, eine gezielte Social-Media-Kampagne zu entwickeln. Sie soll junge Menschen dort erreichen, wo sie unterwegs sind, und ihnen Studium und Beruf auf zeitgemäße Weise näherbringen.

Warum sind Musik und Musizieren – gerade in der heutigen Zeit – aus Sicht des Deutschen Musikrats für unsere Gesellschaft so wichtig? Inwiefern kann musikalische Bildung durch die Initiative gefördert werden?
Unser Anliegen ist es, die gesellschaftliche Bedeutung von Musik stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Denn Musik wirkt auf vielfältige Weise in die Gesellschaft hinein. In Deutschland musizieren rund 16,3 Millionen Menschen in ihrer Freizeit.3 Musikalisches Engagement fördert soziale Kompetenzen, Resilienz, Verständigung und Zusammenhalt. Es trägt zur psychischen Gesundheit bei und verbessert die Lebensqualität, insbesondere im höheren Lebensalter.4 Darüber hinaus gehört die Kreativwirtschaft mit rund zwei Millionen Erwerbstätigen und einem Umsatz von über 200 Milliarden Euro zu den stärksten Wirtschafts- und Industriebranchen.5
Die Grundlage für all diese positiven Wirkungen ist eine musikalische Bildung, die möglichst viele erreicht. Voraussetzung dafür ist ein regelmäßiger und verlässlicher Musikunterricht, vor allem in der Grundschule. Die aktuelle Amateurmusikstudie des Deutschen Musikinformationszentrums zeigt, dass 38 Prozent der heute aktiven Amateurmusizierenden ihren ersten Zugang zur Musik über die Schule gefunden haben (Öffentliche Musikschulen 24 Prozent, Privatmusiklehrkräfte 23 Prozent).6
Damit dieser Zugang auch in Zukunft gewährleistet ist, braucht es ausreichend qualifiziertes Fachpersonal in Schulen, Musikschulen und im freien Feld. Daher ist jede Person, die wir für die Relevanz und die vielfältigen beruflichen Perspektiven der Musikpädagogik sensibilisieren können, ein Erfolg. Ob daraus eine Teilnahme an einem MusikmentorInnenprogramm entsteht, ein ehrenamtliches Engagement in Chor oder Orchester oder sogar die Entscheidung für ein entsprechendes Studium – all das trägt zur Stärkung der musikalischen Bildung und damit nach unserer Überzeugung auch zur Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft bei.

Gibt es Partner oder Unterstützer der Kampagne – aus Politik, Kultur oder Bildung? Wie wurde die Kampagne rezipiert?
Die Resonanz auf die Kampagne ist sehr positiv. Sie bezieht sich übrigens nicht nur auf das Lehramt Musik, sondern generell auf musikpädagogische Fächer wie Instrumental- und Vokalpädagogik und Elementare Musikpädagogik. Zahlreiche musikpädagogische Verbände auf Landes- und Bundesebene sowie Hochschulen und Musikschulen unterstützen unsere Initiative, wie ihre Social-Media-Beiträge und eingesandten Informationsveranstaltungen zur Weiterverbreitung im Rahmen der Kampag­ne zeigen. Gleichzeitig nutzen wir die Reichweite der Kampagne, um auch über die begleitende Webseite auf Bewerbungsfristen, Informa­tionsveranstaltungen und Studienangebote aufmerksam zu machen.
Für unsere bildungspolitische Arbeit ist die Kampagne ebenfalls ein wichtiger Impulsgeber. Sie zeigt den Schulterschluss innerhalb der vielfältigen musikpädagogischen Landschaft und macht deutlich, dass das Interesse junger Menschen an Musikpädagogik vorhanden ist – wenn es zeitgemäß adressiert wird.

Ist es möglich, den Erfolg der Initiative zu messen? Inwiefern wird die Kampagne evaluiert?
Seit dem Kampagnenstart haben wir gemeinsam mit der Agentur ProStimme über 70 Videos produziert und veröffentlicht. Mit prominenter Unterstützung durch Musiker und Musikerinnen wie Christopher Annen, Raphaela Gromes, JORIS, Benjamin Appl und Cymin Samawatie, die sich für musikalische Bildung stark gemacht haben und hohe Reichweiten erzielen, konnten wir bis Ende Oktober 2025 über 850000 Aufrufe auf Insta­gram und TikTok verzeichnen. Je nach Plattform lag der Anteil der 18- bis 24-Jährigen bei über 50 Prozent.
Damit ist es die bislang größte und reichweitenstärkste Social-Media-Kampagne, die der Deutsche Musikrat jemals initiiert hat. Dieses Ergebnis zeigt, dass wir die Zielgruppe wirksam erreichen – und es bestärkt uns in unserem Vorgehen. Gleichzeitig bleiben wir im kontinuierlichen Austausch mit unseren musikpädagogischen Partnern. In regelmäßigen Rücksprachen reflektieren wir gemeinsam die Wirkung der Kampagne, auch mit Blick auf Verbesserungspotenziale und die nächsten Schritte.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft der Kampagne? Wo sehen Sie die deutsche Musiklandschaft in zehn Jahren – auch dank der Kampagne?
Ich wünsche mir, dass die Kampagne über ihre derzeitige Laufzeit hinaus fortgesetzt wird und sich langfristig als fester Kommunikationsbaustein für das Berufsfeld Musikpädagogik etabliert. Erste Gespräche mit Musikhochschulen und Universitäten verlaufen vielversprechend und wir arbeiten daran, weitere Partner aus Bildung und Kultur zu gewinnen. Langfristig hoffe ich, dass Musikpädagogik wieder stärker als relevanter und attraktiver Berufsweg im öffentlichen Bewusstsein verankert ist. Wenn unsere Kampagne dazu beiträgt, überholte Vorstellungen zu hinterfragen und mehr qualifizierte Lehrkräfte für die musikalische Bildung zu gewinnen, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Zukunft der Musiklandschaft in Deutschland.

1 www.musikrat.de/media/zukunft-braucht-musik (Stand: 8.1.2026).
2 Bundesfachgruppe Musikpädagogik e. V.: MULEM-EX. Musiklehrkräftemangel – eine explorative Studie, www.musikrat.de/fileadmin/redaktion/download/Mulem-EX-31-05-2024-Einzelseiten.pdf (Stand: 8.1.2026).
3 siehe Deutsches Musikinformationszentrum: Studie Amateurmusizieren in Deutschland, https://miz.org/de/fokus/amateurmusizieren-in-deutschland (Stand 8.1.2026).
4 vgl. z. B. Cohen, Gene D. et al.: „The Impact of Professionally Conducted Cultural Programs on the Physical Health, Mental Health, and Social Functioning of Older Adults – 2-Year Results“, in: Journal of Aging, Humanities, and the Arts, 2007, Heft 1, S. 5-22; Kirschner, Sebastian/Tomasello, Michael: „Joint music making promotes prosocial behavior in 4-year-old children“, in: Evolution And Human Behavior, 2010, Heft 31, S. 354-364; Weinstein, Daniel et al.: „Singing and social bonding: changes in connectivity and pain threshold as a function of group size“, in: Evolution And Human Behavior, 2015, Heft 37, S. 152-158.
5 siehe Deutsches Musikinformationszentrum: https://miz.org/de/nachrichten/bvmi-kulturkonferenz-hebt-wirtschaftliche-bedeutung-der-kreativbranche-hervor (Stand: 8.1.2026).
6 siehe Deutsches Musikinformationszentrum: Studie Amateurmusizieren in Deutschland, S. 6, https://miz.org/de/fokus/amateurmusizieren-in-deutschland (Stand: 8.1.2026).

Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 1/2026.

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