Harms, Wieland
Guitar Chord Colours
Moderne Harmonielehre für Gitarristen, die es wirklich wissen wollen!, mit MP3-CD und Online Material
Im gitarristischen Leben wird oft viel Zeit darauf verwendet, solistische Meisterleistungen zu vollbringen. Man übt pfeilschnelle Licks, komplexe Skalen und komplexe Techniken, um dann festzustellen, dass im musikalischen Alltag doch eher Akkordbegleitung gefragt ist. Da ist es gut, wenn man sich mit der harmonischen Seite auskennt und eine Menge Akkordvarianten parat hat. Für Gitarristen und Gitarristinnen, die sich in dieser Hinsicht fortbilden wollen, hat Wieland Harms ein 400 Seiten dickes Buch verfasst, das kaum Fragen offenlassen dürfte.
Der Autor erklärt alle harmonischen Phänomene, die auf der Gitarre auftreten können. Von einer Einführung ins Tonsystem geht es über Dur-Skalen zu Kontrapunkt, Quintenzirkel und Popakkordfolgen bis zu modernen Fusionkonzepten. Die fachliche Kompetenz des Verfassers ist durchgehend spürbar und äußerst beeindruckend. Um alle Beispiele zu verstehen, muss einiges Vorwissen oder viel Geduld aufgebracht werden.
Das Buch ist nicht stringent aufgebaut, sondern wechselt zwischen gängigen Akkordfolgen und eher speziellen Akkordverbindungen. Traditionals wie Greensleeves, Popklassiker wie Sunny und harmonische Konzepte aus E-Musik und Fusion stehen gleichberechtigt nebeneinander. Gleiches gilt für die Beispiele, die zwischen gut spielbaren Standard-Chords und äußerst komplexen Spezialbeispielen hin und her wechseln. Eine leichte Tendenz zu Überkomplexität und theoretisierender Sprache ist den Erklärungen nicht abzusprechen, was sich z. B. so liest: „Die Band verwendet die 1. Umkehrung des add9-Akkords. Wird bei dieser Umkehrung der Grundton in den Diskant gelegt, entsteht das charakteristische Quartenvoicing.“ Auch der Versuch, für jeden Akkordtyp eine Bezeichnung einzuführen (z. B. „der Mu-II-Akkord“), wirkt auf mich eher verwirrend als erhellend.
Hat man sich mit der Sprache arrangiert, bietet das Buch eine Fülle an Material, mit dem man sich jahrelang beschäftigen kann. Guitar Chord Colours ist kein Lehrwerk, das von vorne bis hinten durchgespielt werden muss, sondern eher als Inspiration zu verstehen, woraus man einzelne Themenbereiche herausgreifen und üben kann. Am Ende sollte man dann ein wirklich tiefes Verständnis von Harmonik und wie sie auf der Gitarre funktioniert besitzen. Als Abrundung hat Wieland Harms einige Stücke in eigenen Arrangements aufgenommen und notiert, in denen viele der erwähnten Konzepte zur Anwendung kommen. Die Play-alongs können die musikalischen Vorlieben des Autors nicht leugnen und erinnern an 1980er-Jahre-Fusion.
Mein Fazit: ein ambitioniertes Buch mit viel Fachwissen für Gitarristen und Gitarristinnen, die tief in die Materie einsteigen möchten. Ich werde direkt ein paar der Konzepte üben.
Martin Schmidt


