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Hansmeier, Katrin

Gut gelacht ist halb gelernt!

Humor gezielt nutzen für den Musizierunterricht

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 1/2020 , Seite 12

Humor ist wie Musik. Es gibt unterschiedlichste Humorrichtungen und Geschmäcker. Der eine liebt Bach-Kantaten, der andere blüht auf, wenn er Rock’n’Roll oder Heavy Metal hört. Genauso verhält es sich mit dem Humorgeschmack! Manchmal müssen wir einfach mal mitschwingen, uns einlassen und hinhören, um miteinander eine gemeinsame Humor­melodie zu finden. Wir alle haben die Fähigkeit zu musizieren, wenn wir wollen. Niemand würde sagen: „Musik hat man oder hat man nicht.“ Das ist das Schöne – und so ist es auch im Humor. Wir alle haben ihn, Sie müssen ihn nicht lernen, aber Sie können lernen, auf Ihrer Humorklaviatur zu spielen und bewusst Stimmungen zu erzeugen.

Wenn Sie an Ihren Unter­richts­all­tag den­ken, wer­den Sie fest­stel­len, dass Humor immer wie­der pas­siert. Ob Sie es wol­len oder nicht. Und dass er sehr unter­schied­li­che Aus­wir­kun­gen haben kann: ange­neh­me, ent­span­nen­de Aus­wir­kun­gen und unan­ge­neh­me, anspan­nen­de Aus­wir­kun­gen. Humor kann wun­der­ba­re Reso­nan­zen aus­lö­sen oder Dis­har­mo­ni­en erzeu­gen. Das kön­nen Sie igno­rie­ren oder nut­zen, um zu moti­vie­ren, Ver­trau­en her­zu­stel­len und Ler­nen zu erleich­tern bzw. zu beschleu­ni­gen.
Die­ser Arti­kel kann ein humor­vol­ler Beglei­ter für Ihren Unter­richt sein und Ihnen neue Tech­ni­ken und unge­wohn­te Per­spek­tiv­wech­sel bie­ten. Frei nach dem Mot­to „Hur­ra, ein Pro­blem!“ wer­den Sie nach die­sem Arti­kel mehr Hand­lungs­mög­lich­kei­ten in fest­ge­fah­re­nen Situa­tio­nen haben. Bezie­hungs­ar­beit ist eine wich­ti­ge Grund­la­ge für einen gelun­ge­nen Instru­men­tal­un­ter­richt. Schü­le­rIn­nen füh­len sich ernst genom­men, wenn ihre Lehr­kräf­te ihnen per­sön­li­ches Inter­es­se ent­ge­gen­brin­gen. Humor kann einen ent­schei­den­den Bei­trag dazu leis­ten. Neben­bei: Gemein­sam lachen löst das Zwerch­fell und ent­spannt Kör­per und Geist.

Humor kann Stim­mung mana­gen. Und zwar vor allen Din­gen Ihre eige­ne!

Humor ist laut Duden die Fähig­keit zu hei­te­rer Gelas­sen­heit, auch in wid­ri­gen Momen­ten des Lebens. Als Richard Wag­ner 1877 in Lon­don meh­re­re Kon­zer­te gab, war er mit den Blech­blä­sern gar nicht zufrie­den. Da er kein Eng­lisch konn­te, wand­te er sich an sei­nen Bekann­ten Deich­mann, der im Orches­ter mit­spiel­te: „Sagen Sie den Leu­ten, dass sie in jeder deut­schen Stadt auf der Stel­le ent­las­sen wür­den, wenn sie nicht bes­ser bla­sen könn­ten!“ Deich­mann wand­te sich zu sei­nen Kol­le­gen und sag­te: „Mei­ne Her­ren, Herr Wag­ner ist sich voll­stän­dig der Schwie­rig­kei­ten sei­ner Musik bewusst und bit­tet Sie durch mich, Ihr Bes­tes zu tun und ja nicht ner­vös zu wer­den.“ Von da an ging alles glatt.1

Stim­mungs­ma­nage­ment

Humor kann Stim­mung mana­gen. Und zwar vor allen Din­gen Ihre eige­ne! Der Kol­le­ge, der Ihnen die Tür vor der Nase zufal­len lässt, die puber­tie­ren­de Schü­le­rin, die nie übt, aber immer eine Aus­re­de parat hat, oder die ver­ges­se­nen Unter­richts­ma­te­ria­li­en: In Sekun­den­schnel­le kön­nen bestimm­te Din­ge schlech­te Lau­ne erzeu­gen. Das kos­tet Kraft und Ner­ven. Wie schnell las­sen Sie sich anste­cken von den Lau­nen ande­rer? Was tun Sie für Ihre gute Stim­mung? Was erzäh­len Sie abends, wenn Sie nach Hau­se kom­men? Die Din­ge, die anstren­gend waren? Oder das, was ange­nehm war, Sie viel­leicht sogar zum Lachen gebracht hat? Eine wit­zi­ge Bemer­kung von einem Ihrer Schü­ler zum Bei­spiel.
Eine kon­kre­te Tech­nik, um den eige­nen Humor zu pfle­gen, ist, ein Humor­ta­ge­buch zu füh­ren, wit­zi­ge Geschich­ten aus dem Unter­richt und aus Ihrem All­tag zu sam­meln.
1. Ihr Fokus wäh­rend des Tages ver­än­dert sich, denn Sie wol­len ja auf Wit­zi­ges ach­ten.
2. Sie ach­ten gezielt auf den Humor Ihres Gegen­übers.
3. Sie wer­den dadurch selbst humor­vol­ler, weil Sie Ihren „Anek­do­ten-Fun­dus“ fül­len. Ganz im Sin­ne von Rudi Car­rell, der sag­te: „Wenn du etwas aus dem Ärmel schüt­teln willst, musst du vor­her etwas hin­ein­tun.“ Fül­len Sie Ihre Ärmel, sodass Sie auch in ange­spann­ten Situa­tio­nen etwas her­aus­schüt­teln kön­nen.
Erzäh­len Sie doch dem­nächst zu Beginn des Unter­richts oder eines Vor­spiels eine humor­vol­le Bege­ben­heit aus der letz­ten Zeit – die natür­lich zum The­ma pas­sen soll­te. Laden Sie zum Lachen ein und sor­gen Sie für eine hei­te­re, wert­schät­zen­de Lern­at­mo­sphä­re.
Lou­is Arm­strong hat­te mit einer Plat­ten­fir­ma einen Exklu­siv­ver­trag. Sein Musik­pro­du­zent hör­te eine neue Plat­te eines ande­ren Labels und erkann­te sofort Arm­strongs cha­rak­te­ris­ti­sches Trom­pe­ten­spiel. Er bestell­te ihn zu sich und spiel­te ihm die Auf­nah­me vor. „Das war ich nicht“, sag­te Arm­strong, „und ich mach’s auch nie wieder.“2
Der Schü­ler hat nicht geübt, die Eltern haben zu hohe Ansprü­che, der Übe­raum ist viel zu warm oder Sie selbst sind heu­te eher unge­dul­dig. Sie haben immer die Wahl, die schlech­te Lau­ne noch zu ver­stär­ken oder den Schal­ter umzu­le­gen. Sie kön­nen den­ken: „Das ist mein wun­der Punkt.“ Oder: „Das ist mein Wun­der! – Punkt.“ Atmen Sie wei­ter, blei­ben Sie spie­le­risch und schau­en Sie, was Sie aus der „Stö­rung“ machen kön­nen. Otto Klem­pe­rer (1895–1973), deut­scher Diri­gent und Kom­po­nist, unter­brach wütend eine Orches­ter­pro­be und rief: „Die zwei­te Trom­pe­te ist viel zu laut!“ Der ers­te Trom­pe­ter rief zurück: „Ent­schul­di­gen Sie, die zwei­te Trom­pe­te ist noch gar nicht da.“ Dar­auf Klem­pe­rer mit einem Lachen: „Dann sagen Sie es ihm, wenn er kommt.“3 So mana­gen Sie gezielt Stim­mung und kre­ieren eine ange­neh­me Lern­at­mo­sphä­re.

1 www.zeitenschrift.com/artikel/79-symphonic-sounds-klaenge-der-all-liebe (Stand: 18.11.2019).
2 s. John Mor­re­all: Humor Works, Amherst 1997.
3 https://opernblog.blogspot.com/2010/11/musikerwitze.html (Stand: 18.11.2019).

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 1/2020.