Rüdiger, Wolfgang

Hin und weg

Wege der Improvisation neuer Musik in gemischten Ensembles

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2009 , Seite 10

Was macht man im Unterricht mit einem kunterbunt gemischten Instrumentalensemble, wenn weder Stücke noch passende Bearbeitungen zu finden sind und keine Zeit zum Arrangieren bleibt? Viele faszinierende Formen der Improvisation neuer Musik bieten sich hier an. Sie ermöglichen ganz neue, schöpferische Umgangsweisen mit Musik, erweitern die Hörerfahrungen und den musikalischen Horizont und eröffnen Wege zur Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie regen zu einer gemeinsamen kreativen Arbeit mit Instrumenten aller Art an und machen das musikalische Leben reicher, zumal wenn das gemeinsame Erfinden, Spielen und Erarbeiten von bislang nie gehörter Musik zu einem Ergebnis führt, das sich vorzeigen lassen kann und von dem nicht nur die Spieler, sondern auch die Hörer hin und weg sind.

Von den vie­len Impro­vi­sa­ti­ons­mög­lich­kei­ten neu­er Musik möch­te ich im Fol­gen­den vier exem­pla­ri­sche Wege die­ser ältes­ten Musi­zier­form der Welt vor­stel­len, bei der das Erfin­den und For­men von Musik wäh­rend des Spie­lens und ein­an­der Zuhö­rens geschieht (und nicht wie beim Kom­po­nie­ren in der ver­sun­ke­nen Arbeit am ent­ste­hen­den Werk und sei­ner Nota­ti­on). Ange­sie­delt sind sie auf einer Ska­la von 0 bis 100 bzw. von Nichts bis Alles. Den einen Pol mar­kiert das freie Spie­len ohne jede Vor­ga­be und Ver­ab­re­dung, den ande­ren die Ori­en­tie­rung an exis­tie­ren­den Wer­ken, aus deren Mate­ria­li­en, For­men und Struk­tu­ren neue Impro­vi­sa­ti­ons­ide­en entwi­ckelt wer­den kön­nen.
Dazwi­schen lie­gen das Impro­vi­sie­ren nach gemein­sam ver­ein­bar­ten Regeln, Aus­gangs­im­pul­sen, Auf­ga­ben etc. und die Gestal­tung vor­han­de­ner Impro­vi­sa­ti­ons­kon­zep­te bzw. Impro­vi­sa­ti­ons­kom­po­si­tio­nen, die die Spie­ler zum Mit­kom­po­nie­ren ein­la­den. Hier zeigt sich, dass Impro­vi­sa­ti­on und Kom­po­si­ti­on kei­ne Gegen­sät­ze dar­stel­len, son­dern „End­punk­te eines Kontinuums“,1 das ein Wan­dern vom einen zum ande­ren erlaubt und einen Kreis­lauf beschreibt: Das instru­men­ta­le Impro­vi­sie­ren „ex nihi­lo“, ohne alle Vor­ab­spra­chen, kann eben­so zu einem neu­en Werk hin füh­ren, wie umge­kehrt die Beschäf­ti­gung mit einem Werk weg füh­ren kann zur Impro­vi­sa­ti­on, die wie­der­um neue Werk­ent­wür­fe her­vor­bringt usw. Wal­ter Ben­ja­mins Wort vom Kunst­werk als „Toten­mas­ke der Kon­zep­ti­on“ und „Kraftzentrale“2 wird hier sinn­fäl­lig: Erst wenn ein Werk, nicht sel­ten aus Impro­vi­sa­ti­on gebo­ren und impro­vi­sa­to­ri­sche Momen­te ent­hal­tend, wie­der leben­dig wird, sei’s in fan­ta­sie­vol­ler Inter­pre­ta­ti­on oder Impro­vi­sa­ti­on, und wenn umge­kehrt die gemein­sa­me Impro­vi­sa­ti­on Züge eines leben­di­gen Werks trägt, kann man zur Dar­bie­tung sagen: Ich bin ganz hin und weg.
Nach­fol­gend stel­le ich die­se vier Wege der Impro­vi­sa­ti­on neu­er Musik in varia­blen (oder auch homo­ge­nen) Ensem­bles anhand prak­tisch erprob­ter Bei­spie­le dar, die weni­ger als Rezep­te die­nen, viel­mehr Mut machen sol­len zur Erfin­dung neu­er Musik, die ein span­nen­des Aben­teu­er sein kann, wenn man sich dar­auf ein­lässt, die Ohren auf­macht und ein biss­chen expe­ri­men­tier­freu­dig ist.

1 Andre­as C. Leh­mann: „Kom­po­si­ti­on und Improvisa­tion“, in: Her­bert Bruhn/Reinhard Kopiez/Andreas C. Leh­mann (Hg.): Musik­psy­cho­lo­gie. Das neue Hand­buch, Rein­bek bei Ham­burg 2008, S. 338 und 340 ff.
2 Wal­ter Ben­ja­min: Ein­bahn­stras­se (1928), Frank­furt am Main 1955, S. 49 f.

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