Zabel, Frank

Im Dun­keln

für Violoncello solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Hauke Hack, Dortmund 2006
erschienen in: üben & musizieren 5/2006 , Seite 66

Neue Musik „zum Anfas­sen“ – genau­er: Musik unse­rer Zeit, die in ihren tech­ni­schen Ansprü­chen auf Schü­le­rIn­nen zuge­schnit­ten ist, ohne des­we­gen harm­los oder ver­meint­lich kind­ge­recht daher­zu­kom­men – ist nach wie vor Man­gel­wa­re. All­zu weni­ge Kom­po­nis­tIn­nen stel­len sich der gewiss schwie­ri­gen Auf­ga­be, Brü­cken zu schla­gen zwi­schen Voka­bu­lar und Syn­tax zeit­ge­nös­si­scher Musik und der Umset­zungs­fä­hig­keit sol­cher Sprach­ele­men­te durch Schü­ler. Nicht von Wun­der­kin­dern, wohl­ge­merkt, ist die Rede, son­dern von Schü­le­rIn­nen der Unter- und Mit­tel­stu­fe, deren musi­ka­li­sches Arbeits­ma­te­ri­al nach wie vor zum größ­ten Teil ver­gan­ge­nen Epo­chen und nur sehr sel­ten aktu­el­ler Pro­duk­ti­on ent­stammt.
Frank Zabel, Jahr­gang 1968, hat in Köln und Det­mold stu­diert und wirk­te zehn Jah­re lang als Ton­satz-, Kom­po­si­ti­ons- und Impro­vi­sa­ti­ons­leh­rer an der Musik­schu­le Lüden­scheid. Seit 2001 ist er als Pro­fes­sor an der Robert-Schu­mann-Hoch­schu­le Düs­sel­dorf tätig, nach­dem bereits 1997 ein Lehr­auf­trag an der Köl­ner Hoch­schu­le das Spek­trum sei­ner päd­ago­gi­schen Arbeit um die stu­den­ti­sche Ebe­ne erwei­tert hat­te. In die­ser Zeit mach­te sich Zabel auch als Kom­po­nist, Pia­nist und Kon­zert­or­ga­ni­sa­tor einen Namen. Pro­mi­nen­te Inter­pre­ten wie Andre­as Scholl, das Min­guet Quar­tett und vie­le ande­re mach­ten sei­ne Musik bekannt, für ver­schie­de­ne Kam­mer­mu­sik­kom­po­si­tio­nen erhielt er Prei­se in Euro­pa, den USA und Japan.
Im vor­lie­gen­den Fall haben sich päd­ago­gisch-kom­po­si­to­ri­scher Back­ground und pri­va­ter Anlass offen­bar glück­lich über­schnit­ten: Bei­de Wer­ke sind Zabels Cel­lo spie­len­dem Sohn Niklas gewid­met und wur­den von ihm im Rah­men des Wett­be­werbs „Jugend musi­ziert“ urauf­ge­führt. Im Ver­gleich lässt sich vor allem fest­stel­len, dass Zabel juni­or inner­halb von drei Jah­ren tüch­tig Fort­schrit­te gemacht hat! Der Cel­lo­part der im Jahr 2000 geschrie­be­nen Klei­nen Bal­la­de ist für einen wachen Schü­ler der Unter- oder begin­nen­den Mit­tel­stu­fe pro­blem­los zu bewäl­ti­gen. Mit zwei Aus­nah­men ver­bleibt die lin­ke Hand im Bereich der 1. Lage, aller­dings braucht es für eine Fla­geo­lett­pas­sa­ge im Mit­tel­teil – einem geis­ter­haf­ten Qua­si-Impro­vi­san­do, das zum umrah­men­den Alle­gro maes­to­so ein­drucks­voll kon­tras­tiert – erhöh­te Rutsch­be­reit­schaft auf der A-Sai­te.
Drei Jah­re spä­ter gehör­te Im Dun­keln zu Niklas’ Wett­be­werbs­pro­gramm, und hier begeg­nen wir deut­lich höhe­ren Anfor­de­run­gen: Der gesam­te Bereich bis zur 6. Lage muss sicher beherrscht wer­den, dar­über hin­aus gilt es, cha­rak­te­ris­ti­sche Spiel­tech­ni­ken Neu­er Musik wie sul pon­ti­cel­lo, Bar­tók-Piz­zi­ca­to, col leg­no (ob bat­tu­to oder trat­to gemeint ist, wird lei­der aus dem Zusam­men­hang nicht immer deut­lich) und deren schnel­le Wech­sel mit der ordi­na­rio-Spiel­wei­se zu bewäl­ti­gen. Vor allem aber haben wir es mit einer takt­stri­chlo­sen Impro­vi­sa­ti­on zu tun, d. h. hier sind Timing, rhyth­mi­sche Orga­ni­sa­ti­on, frei­er solis­ti­scher Vor­trag gefor­dert.
Bei­de Wer­ke, im Ver­lag des Dort­mun­der Cel­lis­ten Hau­ke Hack erschie­nen, machen viel Spaß. Fort­set­zun­gen hoch will­kom­men: Ins­be­son­de­re die Noch-nicht-ganz-so-Wei­ten und ihre Lehr­kräf­te freu­en sich über Wer­ke wie die Klei­ne Bal­la­de.
Ger­hard Anders