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Ahner, Philipp

Klang­ex­pe­di­tio­nen

Klänge von Instrumenten und Stimme mit Hilfe von Apps erforschen

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 6/2022 , Seite 30

„Warum klingt meine Querflöte so komisch, wenn ich sie mit dem Handy aufgenommen habe?“ oder „Warum klingt meine Stimme viel besser, wenn ich zu Hause im Wohn­zimmer übe?“ Solche Fragen von SchülerInnen sind Ihnen sicher schon begegnet. Und na­türlich sind Sie in der Lage, ihnen die Gründe zu erklären. Aber wäre es nicht ­spannender, ­motivierender und nachhaltiger, wenn die SchülerInnen selbst die klang­lichen Phänomene im Kontext des Unterrichts und Übens mit ihrem Instrument oder ihrer Stimme erforschen? Zwei Beispiele für Klangexpeditionen mit Instrument oder Stimme und dem Einsatz von Apps werden hier vorgestellt.

Klang ist die zen­tra­le Dimen­si­on des Musi­zie­rens und damit grund­le­gen­de Vor­aus­set­zung für das Erler­nen eines Instru­ments oder der Stim­me. „Schwin­gen­de Kör­per, wie Sai­ten, Mem­bra­ne oder Klang­stä­be, rufen in ­ihrer direk­ten Umge­bung Druck­schwan­kun­gen her­vor, die sich in Form von Schall­wel­len durch den Raum ausbreiten.“1 Das dadurch ent­ste­hen­de Schall­ereig­nis wird in der Akus­tik in Töne, Klang­ge­räu­sche und Knall unterschieden.2 In die­sem Bei­trag kon­zen­trie­re ich mich auf Klän­ge als zen­tra­les Moment mensch­li­cher Sin­nes­wahr­neh­mung beim Musizieren.
Wir neh­men die Schall­ereig­nis­se am und im gan­zen Kör­per wahr und natür­lich ins­be­son­de­re über das Hör­or­gan. In Abhän­gig­keit von Inten­si­tät und Fre­quenz sind jedoch neben dem Hören ande­re Sin­nes­wahr­neh­mun­gen eben­so bedeut­sam (bei­spiels­wei­se bei tie­fen Tönen Orga­ne wie Haut, Zwerch­fell oder Magen). Unser Kör­per reagiert dabei nicht nur auf die (pri­mä­re) Schall­quel­le, son­dern glei­cher­ma­ßen auf die Resonanz(en) der räum­li­chen Umge­bung, also auf die Raumakustik,3 die auch von der An- oder Abwe­sen­heit wei­te­rer Per­so­nen im Raum abhängt. In der Akus­tik wer­den hier­für Begrif­fe wie Refle­xi­on, Nach­hall­zeit oder Hall­ra­di­us ver­wen­det. Das Erle­ben von Klang – indem auch unser Kör­per reso­niert – ist ein ganz­heit­li­ches Ereig­nis in der Inter­ak­ti­on der sozia­len und mate­ri­el­len ­Umge­bung. Umgangs­sprach­lich spre­chen wir etwa von einem war­men, tro­cke­nen oder hal­li­gen Raum­klang oder auch von einem plär­ri­gen, sat­ten oder vol­len Klang, wenn ein Laut­spre­cher als Schall­quel­le dient.
Die Zei­ten der coro­nabe­ding­ten Ein­schrän­kun­gen von Prä­senz­un­ter­richt und der Wech­sel in not­dürf­tig impro­vi­sier­te, pri­va­te Lehr-Lern-Umge­bun­gen mit zum Teil schlech­ten klang­li­chen Über­tra­gungs- und Wahr­neh­mungs­mög­lich­kei­ten haben die zen­tra­le Bedeu­tung von Klang verdeutlicht.4 Auch wenn Leh­ren­de wie Ler­nen­de im Lau­fe der vie­len Mona­te des struk­tu­rier­ten Online­un­ter­richts im Umgang mit Tech­no­lo­gien zur Auf­nah­me, Über­tra­gung und Wie­der­ga­be von Bild und Ton kom­pe­ten­ter gewor­den sind: Klang­li­che Unter­schie­de zwi­schen dem Unter­richt vor Ort und digi­ta­len Kanä­len, zwi­schen dem Vor­spiel vor Ort und der Zusen­dung von Auf­nah­men über eine App sind sofort aus­zu­ma­chen. Oder bil­den wir uns das nur ein?

Musik­ler­nen mit ­digi­ta­len Mitteln

Mit Blick auf die gro­ße Ver­traut­heit der Ler­nen­den mit mobi­len digi­ta­len Gerä­ten kön­nen „Smart­pho­nes als mobi­le Mini-Labo­re zum Experimentieren“5 mit Klang­phä­no­me­nen in einem schü­ler­zen­trier­ten Unter­richt genutzt wer­den. Zur Sys­te­ma­ti­sie­rung der Inten­ti­on von Tech­no­lo­gien und Appli­ka­tio­nen aus päd­ago­gi­scher Per­spek­ti­ve gibt es zahl­rei­che Model­le. Bei­spiels­wei­se wird im „Padago­gy Wheel“6 auf Grund­la­ge des „SAMR Modells“7 unter­schie­den, ob Abläu­fe in Lern­pro­zes­sen durch die Ver­wen­dung von Apps ersetzt, erwei­tert oder grund­le­gend ver­än­dert wer­den oder ob sie ganz neue Ele­men­te oder Pro­zes­se für das Ler­nen bereit­stel­len. In ähn­li­cher Wei­se fin­den sich wei­te­re Sys­te­ma­ti­sie­run­gen, in denen Apps bei­spiels­wei­se als Hilfs­mit­tel, Werk­zeu­ge oder Musik­in­stru­men­te sor­tiert werden.8

1 Vogt, Patrik/Hirth, Michael/Kasper, Lutz/Klein, Pascal/Küchemann, Stefan/Kuhn, Jochen: „Akus­tik“, in: Kuhn, Jochen/Vogt, Patrik (Hg.): Phy­sik ganz smart, Berlin/Heidelberg 2019, S. 104.
2 Für einen leicht ver­ständ­li­chen Über­blick sei an fol­gen­de Publi­ka­ti­on ver­wie­sen: Stif­tung Haus der klei­nen For­scher (Hg.): Klän­ge und Geräu­sche. Akus­ti­sche Phä­no­me­ne mit Kita- und Grund­schul­kin­dern ent­de­cken, 2019, S. 48 f., www.haus-der-kleinen-forscher.de/fileadmin/Redaktion/1_Forschen/Themen-Broschueren/Broschuere_Klaenge_Geraeusche_2019.pdf (Stand: 23.6.2022).
3 Pier­ce, John R.: Klang. Musik mit den Ohren der Phy­sik, Hei­del­berg 21999, S. 48 f.
4 Ahner, Phil­ipp: „Musi­zie­ren im Coro­na- und Post-­Co­ro­na-Modus. Digi­ta­li­tät, Digi­ta­li­sie­rung und Home­schoo­ling in musi­zier­prak­ti­schen Per­spek­ti­ven“, in: Stan­ge, Chris­to­ph/­Zöll­ner-Dress­ler, Ste­fan (Hg.): Denk­kul­tu­ren in der Musiklehrer*innenbildung, Müns­ter 2021, S. 81.
5 Kuhn/Vogt, a. a. O., S. 1.
6 Car­ring­ton, All­an: The Padago­gy Wheel ENG V5.0., 2018, https://designingoutcomes.com (Stand: 23.6.2022).
7 Wil­ke, Adri­an: Das SAMR Modell von Puen­te­du­ra, Uni­ver­si­tät Pader­born, 2016, http://homepages.uni-paderborn.de/wilke/blog/2016/01/06/SAMR-Puentedura-deutsch (Stand: 23.6.2022).
8 Ahner, Phil­ipp: „Digi­ta­li­sie­rung“, in: Jank, Wer­ner (Hg.): Musik-Didak­tik. Pra­xis­hand­buch für die Sekun­dar­stu­fe I und II, Ber­lin 2021, S. 237–243.

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