Rademacher, Ulrich / Matthias Pannes

Klin­gen­de Lebens­räu­me

Öffentliche Musikschulen im VdM als Schlüsselorte für Bildung mit Zukunft!

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2011 , Seite 22

Eine richtige Musikschule ist und bleibt eine Schule – aber eine Schule anderer Art. Eine Musikschule ist ein auf Vollständigkeit angelegter Bildungsorganismus, der nicht zur musikalischen Bespaßungsstelle oder zur Vermittlungsagentur für Musikunterricht degeneriert. In der Politik ist man jedoch vor allem in Zeiten finanzieller Engpässe gerne geneigt, eine Quid-pro-quo-Diskussion über Aufgabe(n) und Struktur(en) öffentlicher Musikschulen zu führen, die am Kern der Sache vorbeigeht und damit leider auch manchmal zu Fehlbewertungen über die Notwendigkeit von Musikschulen in der Infrastruktur von Kommunen, zu Fehleinschätzungen über ihre erforderliche personelle und sächliche Ausstattung und zu Fehlentscheidungen über die Musikschulfinanzierung gelangt. Es erscheint daher in Abständen notwendig, das Profil der Anforderun­gen an die Einrichtung Musikschule wie auch an den Arbeitsplatz und die Kompetenz der Musikschullehrkräfte jeweils wieder neu zu beleuchten.

Das Cre­do, dass die Musik­schu­le eine Schu­le ist und bleibt, aber eine Schu­le, zu der man kom­men will, weil man darf und nicht muss, ist nicht nur das Cre­do von Rein­hart von Gut­zeit, der in sei­nem Eröff­nungs­vor­trag beim Main­zer Musik­schul­kon­gress dies unter gro­ßer Zustim­mung der poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten noch ein­mal bzw. wie­der ein­mal neu in Erin­ne­rung rief.1 Die­ses Cre­do mani­fes­tiert sich grund­le­gend auch in der „Ver­fas­sung“ der öffent­li­chen Musik­schu­len, dem Struk­tur­plan für Mit­glieds­schu­len des Ver­bands deut­scher Musik­schu­len (VdM). Es äußert sich natür­lich auch in dem „Spi­rit“ von Musik­schul­lehr­kräf­ten und -lei­tun­gen und nicht zuletzt auch in der Hal­tung des VdM als Fach­ver­band der Trä­ger öffent­li­cher, zumeist kom­munaler Musik­schu­len.
Auf­ga­be der öffent­li­chen Musik­schu­le ist es nach wie vor, mit der hohen Kom­pe­tenz und Krea­ti­vi­tät ihrer Lehr­kräf­te durch attrak­ti­ve Ange­bo­te ziel­grup­pen­ge­recht Schü­le­rin­nen und Schü­lern jeden Alters einen stim­mi­gen musi­ka­li­schen Bil­dungs­weg zu eröff­nen, zu ermög­li­chen und zu gewähr­leis­ten. Die damit ver­bun­de­nen Erwar­tun­gen wer­den von den drei kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den in ihrem 2010 ver­ab­schie­de­ten Posi­ti­ons­pa­pier „Die Musik­schu­le – Leit­li­ni­en und Hin­wei­se“ formuliert.2 Die­se Erwar­tun­gen beinhal­ten auch die sozia­le Zugäng­lich­keit durch geeig­ne­te Gebüh­ren- bzw. Ent­geltstaf­fe­lun­gen wie auch die Gewähr­leis­tung räum­li­cher Zugäng­lich­keit, getreu dem Mot­to „kur­ze Bei­ne – kur­ze Wege“.
Begriff und Reich­wei­te von „musi­ka­li­scher Bil­dung“ gehen im Auf­ga­ben­port­fo­lio öffent­li­cher Musik­schu­len weit über die Ebe­ne hi­naus, nur Musik­erzie­hung zu betrei­ben, also ledig­lich Musik­ver­ständ­nis und die Fähig­keit zum akti­ven Musi­zie­ren zu ver­mit­teln. Musi­ka­li­sche Bil­dung ist hier im umfas­sen­den Sin­ne gemeint, wie er viel­leicht in fol­gen­den Aspek­ten umschrie­ben wer­den kann: Kin­der und Jugend­li­che – auch Erwach­se­ne und Senio­ren – erfah­ren und ent­wi­ckeln ihre Aus­drucks- und Gestal­tungs­fä­hig­keit mit Hil­fe der indi­vi­du­el­len Beglei­tung durch kom­pe­ten­te Lehr­kräf­te, aber eben gera­de auch durch das abge­stimm­te Zusam­men­wir­ken die­ser Lehr­kräf­te als Kol­le­gi­um im Sys­tem einer VdM-Musik­schu­le in ein­zig­ar­ti­ger Wei­se. Die öffent­li­che Musik­schu­le sieht sich der Leit­vor­stel­lung ver­pflich­tet, dass erst sol­che umfas­sen­de Bil­dung die Iden­ti­tät einer Per­sön­lich­keit ermög­li­chen und bewir­ken kann und damit wesent­lich zum gelin­gen­den Auf­wach­sen und zu einem erfüll­ten Leben bei­zu­tra­gen hilft.
Dabei kommt gera­de der musi­ka­li­schen Bil­dung das Pri­vi­leg zu, sowohl im Bereich als auch hin zu einer Aus­drucks- und Gestal­tungs­fä­hig­keit bil­den zu kön­nen, wel­che die Sin­ne und die emo­tio­na­le Intel­li­genz – beim Erfas­sen musi­ka­li­scher Struk­tu­ren, bei plan­vol­lem Üben und der Ein­ord­nung von Musik in ihren Kon­text auch kogni­ti­ve Intel­li­genz – in beson­de­rem Maße anspricht und berührt. Bil­dungs­pro­zes­se wer­den in der Musik­schu­le dia­lo­gisch-kom­mu­ni­ka­tiv ver­stan­den, sowohl mit Kom­po­nen­ten der Selbst­ent­wick­lung in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Musik und Ent­fal­tung im musi­zie­ren­den Mit­ein­an­der als auch im Kon­text pro­fun­der päd­ago­gi­scher Beglei­tung, mit kla­ren Zie­len und Kon­zep­ten, mit hoher didak­ti­scher und metho­di­scher Kom­pe­tenz.
Res seve­ra ver­um gau­di­um – die ernst­haf­te Befas­sung mit Musik als Kunst- und Aus­drucks­form jed­we­der Sti­lis­tik (Mühen ein­ge­schlos­sen) ist kein Gegen­satz zur Freu­de an der musi­ka­li­schen Betä­ti­gung, son­dern im Gegen­teil Anreiz und Moti­va­ti­on. Für jedes Niveau gilt: Die Lust, sich mit Musik aus­zu­drü­cken, weckt den Wunsch nach einer Op­timierung des Hand­werks. Hand­werk und Tech­nik sind also kein Selbst­zweck: Musik­schu­le – weil Kön­nen Spaß macht! Auf jedem Niveau der Aus­ein­an­der­set­zung mit Musik kann das Indi­vi­du­um, kann die Grup­pe posi­ti­ve Erfah­run­gen machen; eben­so ist von jeder erreich­ten Ebe­ne sicht­bar, wel­che musi­ka­li­schen Dimen­sio­nen noch wei­ter erreicht wer­den kön­nen. Bestä­ti­gung und Neu­gier, die Freu­de über den Erfolg und das Wis­sen-Wol­len, wie es wei­ter­ge­hen kann, die Erschlie­ßung der musi­ka­li­schen Kar­to­gra­fie und die Ent­de­ckungs­lust zu bis­her unbe­kann­ten Räu­men sind durch Schwin­gung und Balan­ce in leben­di­ger Wech­sel­wir­kung und machen den Reiz der Beschäf­ti­gung mit der vor­nehms­ten Kunst der Sep­tem Artes Libe­ra­les aus.

1 s. Arti­kel von Rein­hart von Gut­zeit in die­ser Aus­ga­be, S. 6–10.
2 „Die Musik­schu­le – Leit­li­ni­en und Hin­wei­se“, Deut­scher Städ­te­tag, Deut­scher Land­kreis­tag und Deut­scher Städ­te- und Gemein­de­bund, 2010.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 4/2011.